Genius Loci
Der Geist des Ortes
 
 

OBEN
Gebirge
Alpen-Bergsteigen

inst waren Mensch und Natur eine Einheit. Die Natur war Gegenstand des menschlichen Denkens, seiner Furcht und Verehrung. Alpinismus gab es nicht, die Gipfel wurden nur aus rituellen Gründen betreten: Berge waren ein Ort der Rituale und Wohnstätte der Götter. Gipfel waren Gegenstand

menschlichen Weltbildes und deshalb tabu.

Die Ausbeutung der Berge

Mit der Ausbeutung der Gebirge begann der Mensch Generationen später. Die Berge wurden nun mehr als Hindernis oder Bedrohung empfunden, der Mensch löste sie gedanklich aus seiner Weltsicht. Menschen siedelten in immer abgelegeneren Regionen, Wälder wurden gerodet, die Almwirtschaft entstand. Erzlagerstätten wurden entdeckt, Stollen in den Fels getrieben und der Abraum in der Landschaft entsorgt. So traten durch menschliche Eingriffe die ersten Naturzerstörungen auf, die nicht Folge alpinistischer, sondern wirtschaftlicher Aktivitäten waren.

Die Eroberung der Berge

Im 18 Jahrhundert änderte sich die Einstellung erneut. Ferne Kontinente waren entdeckt, fast alle Länder bereist. Nur in den Gebirgen gab es weiße Flecken. Aus Forscherdrang und Abenteuerlust wurde der Alpinismus geboren. Der Mensch stieg auf die Berge und erweiterte so sein Wissen.

Ein erneuter Paradigmenwechsel trat ein: den Bergen wurde ein Eigenwert zugesprochen und aus ihrer rein funktionalen Beziehung entlassen. Berge wurden nun um ihrer selbst willen erstiegen und erforscht. Der Naturschutzgedanke fasste Fuß unter dem Motto: "Was man liebt, das schützt man". Alpinisten und

Bergsteiger
Erste Bergsteiger am Mont Blanc

Wissenschaftler waren bemüht, die Ursprünglichkeit der Gebirge zu erhalten. Anfang des 20 Jahrhunderts war es dann soweit: der sportliche Gedanke des Bergsteigens rückte in den Vordergrund. Die Schwierigkeiten in Fels und Eis wurden immer größer und Bergsteiger genossen in der Öffentlichkeit hohes Ansehen.

Berge und Massensport

Mit dem Aufkommen des Skisports wurden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die ersten Wintersportzentren gegründet. In der Zeit von 1950 bis 1980 vollzog sich ein neuer Wandel: die Alpen entwickelten sich von einer Agrar- zu einer Erholungslandschaft. Durch diese Umstellung ging nicht nur die kulturelle Identität der Einwohner verloren, sondern auch immer mehr Lebensraum für Fauna und Flora. Daraufhin zogen die als konservativ geltenden Bergsteiger protestierend durch die Täler, befestigten Transparente in Felswänden und hofften die verlorengegangenen Werte wiederherstellen zu können.

Der Berg als Sportgerät

Leider kam alles ganz anders, denn die Kletterszene veränderte sich. Es wurden , ausgehend von den USA, immer höhere Schwierigkeitsgrade geklettert und es bildete sich eine starke, auf Individualisierung gebaute Szene heraus, die nicht mehr den Berg als Ganzes sah, sondern ihn in kleinste Teile (Riß, Kletterroute) aufteilte. Der Berg als klarer Begriff löste sich auf in verschiedenste Gebilde, je nach Vermögen des Kletterers. Durch die Erweiterung von Freizeitaktivitäten ( Moutainbiking, Canyoning) in den Gebirgsregionen kam es zu immer häufiger auftretenden Störungen in den unberührten Teilen der Alpen und zu Kollisionen mit dem Naturschutz. Rufe wie "generelle Betretungsverbote" auf der einen und "totale Bewegungsfreiheit" auf der anderen Seite, waren wenig hilfreich und verhärteten die Fronten weiter.

Moderne, zukunftsweisende Manage- mentkonzepte müssen entwickelt werden, die alle Interessen, Bergsport und Naturschutz, unter einen Hut bringen - Zusammenarbeit statt Konfrontation. Es kann nur Gaubwürdig handeln, der die Auswirkungen seines Tuns hinterfragt, und Gemeinwohl vor Eigenwohl stellt!

Bergführer

Werden die Alpen und zunehmend auch der Himalaya zu riesigen Fun-Parks verkommen, werden sie nur noch Kulisse für "Events" sein

oder zum Spielball der Eitelkeiten für eine immer größer werdende Action-Gemeinde? Ob es uns gelingt, zu einer ganzheitlichen Sichtweise zurückzukehren und der Natur und dem Leben den Respekt entgegenzubringen, den sie verdienen?

Wir können es nur für die Zukunft hoffen.



© emmet 4-2008

 

 

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