Genius Loci
Der Geist des Ortes
 
 

OBEN
Gebirge
Alpentourismus

»Der Fortschritt des Tourismus... lässt sich an drei Errungenschaften darstellen, deren jede für die Entwicklung einer Industrie grossen Stiels unentbehrlich ist: Normung, Montage, Serienfertigung«
Hans Magnus Enzensberger

ie Alpen sind mit ca 5 Millionen Ferienbetten, 500 Millionen Übernachtungen und 120 Millionen Feriengästen eine der größten Tourismusregionen der Welt: hier soll sich ein Viertel des Welttourismus abspielen.(1) In der Regel konzentriert sich der Tourismus auf einige beson dere Stellen wie Seen oder Täler (Dolomiten, Aosta-Tal) flächen -

deckende Gebiete (Bayern, Voralberg) sind ehr selten.

In der Anfangszeit des Torismus in den Alpen, zwischen 1760 und 1880, waren die Übernachtungszahlen sehr gering. Die Touristen gingen mit Führen in die Berge und entdecken die Alpen als "schöne" Landschaft.

In der zweiten Phase zwischen 1880 und 1914 folgte den Pionieren das breite Publikum. Zahlreiche Hotels werden gebaut und die ersten Schutzhütten entstanden. Die hochalpinen Regionen wurden mit Zahnradbahnen und Al- penvereinswegen erschlossen. In der Zwischenkriegszeit 1914 - 1955 kam das Ende der großen Palasthotels und die ersten privaten Ferienhäuser entstanden. Der Wintertourismus erlebte in den 20er Jahren einen Aufschwung, die ersten Lifte wurden gebaut.

Der Massentourismus

Der Sommermassentourismus begann ab 1955, ab 1965 der Wintermas- sentourismus. Jährliche, zweistellige Wachstumsraten erforderten den Neubau zahlreicher Retortenstädte, Hotels und Ferienhäuser sowie den Ausbau des Wanderwegnetzes. Um 1983 begann der Massentourismus in den Alpen auf relativ hohem Niveau zu stagnieren. Neuerschließungen können aus Umweltschutzgründen kaum noch durchgeführt werden. Durch die Modernisierung bestehender Strukturen, wächst die Kluft zwischen den Tourismuszentren und den kleineren Orten deutlich.

Der Sommertourismus wandelte sich immer mehr von der traditionellen Sommerfrische zu einer neudeutsch hippen Sportveranstaltung (Mountainbiking, Canyoning), im alpinen Wintertourismus verdrängt Snowbording den Abfahrtslauf. Der Massentourismus der letzten 30 Jahre hat die Alpen derart verändert, wie es vorher kein anderes Ereignis in dieser Radikaliät vermochte: aus dem landwirtschaftlich geprägten Raum ist ein Dienstleistungszentrum, aus Bauern wurden

Alpentourismus

Angestellte. In den Alpen konzentriert sich der Tourismus insbesondere in eineigen besonderen Regionen, eine flächenhafte Erschliessung findet nicht statt: nur etwa 10 % aller Alpengemeinden haben eine große touristische Infrastruktur; bei nur einem Drittel aller Alpenregionen spielt der Tourismus im Rahmen der Regio-nalwirtschaft eine relevante Rolle.

Diese Zahlen machen deutlich, das sich der Alpentourismus nur in einigen bekannten "Modegebieten" (Wallis, Berner Oberland) oderGemeinden (Saas Fee, St. Moritz) ballt, während unbekannte Gebiete, wie zum Beispiel die Cottischen- und Ligurischen Alpen weniger besucht werden.

Die Alpen zerfallen so in zwei sich völlig unterschiedlich entwickelnde Bereiche. Auf der einen Seite der überwiegend industriell, touristisch und grossstadtätisch orientierte Bereich, auf der anderen die durch Abwanderung immer weiter bedrohte traditionelle Bergbauernwirtschaft.

Alternativen

Der Tourismus spielt eine zentrale Rolle im Erhalt der Arbeitsplätze. Angesichts der großen Probleme, die der Massentourismus mit sich bringt, kann nur eine nachhaltige Entwicklung im Tourismus die Lösung der Probleme bedeuten:

1. Sanfter Tourismus in struktur-schwachen Regionen

Gerade in diesen Alpenregi-onen ist es aus ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Grün-den nicht sinnvoll, die Tourismus-

zentren in kleinem Maßstab zu kopieren. Sinnvoller ist es hier, vorhandene Strukturen zu nutzen und auszubauen. Eine Orientierung an Kultur- und Naturlandschaften (GTA), eine enge Vernetzung von lokaler Gastronomie und Landwirtschaftweisen hier den Weg.

2. Ökologisierung des Tourismus

Mit derzeit ca. 16 % des Tourismus wird diese Form gern übersehen. Schon durch die An- und Abreise mit der Bahn kann viel erreicht werden, wobei die Vorraussetzungen durch das vorhandene Schienennetz sehr gut sind. Eine wichtige Rolle spielen hier zum Beispiel Städte wie Lugano, Innsbruck, Chur und Sitten.

3. Umweltverträgliche Naherholung

Im Einzugsgebiet der Alpen leben 40-50 Millionen Menschen, die von der Möglichkeit eines Tagesausflugs oder Kurzurlaubs gerauch machen. Im Sommer haben die berühmten Ausflgsziele, wie zum Beispiel die Silvretta-Hochalpenstraße oder Kaprun-Kitzsteinhorn Bergbahn, 500.000 oder mehr Besucher. Dieser Ausflugstourismus, von dem nur wenige profitieren, muß umweltverträglicher und für die betroffenen Regionen ökonomisch interessanter gestalltet werden.

4. Auflösung touristischer Monofunktionen durch ökologischen Umbau

An erster Stele steht hier die Sanierung ökologischer Schäden (Skipisten) und Belastungen (Verkehr, Zersiedlung) durch den Massentourismus. Das bedeutet den Stopp eines weiteren quantitavien Ausbaus der touristischen Infrastruktur. Wichtig ist, das die Einheimischen vom Tourismus partizipieren und nicht nur die nach Abschreibungskriterien handelnden Kapitalgeber.


1.Bätzing, Werner: Kleines Alpen-Lexikon



siehe auch: Alpen als Sportgerät oder Landschaft als Kapital?

Quelle: Bätzing, Werner: Kleines Alpen-Llexikon, C.H. Beck Verlag,1997 / Schöne neue Alpen. Eine Ortsbesichtigung.Raben Verlag, 1998 / Internet



Bergsteiger

© emmet 2007