Genius Loci
Der Geist des Ortes

 
 

OBEN
 
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GENIUS LOCI

J. G. Schadow: Die Genie des Schlafes

Der Geist des Ortes oder
der Geist und sein Ort

 

Sie kennen das sicher auch. Sie kommen an einen Ort und bemerken, dass er auf eine nicht näher zu beschreibende Weise etwas Anderes hat: eine besondere Ausstrahlung, Atmosphäre, Stimmung, die nicht unbedingt mit der Schönheit des Ortes zusammenhängt. Jetzt stellt sich weiter die Frage, warum hat dieser Ort dieses gewisse Etwas, das ihn von anderen unterscheidet, was geht von ihm aus, was macht ihn so besonders und einzigartig?

Ihm scheint ein besonderer "Geist" inne zu wohnen, der wenn man so will, seelisch wirksam ist und diesen Ort über den Zustand des reinen ästhetisch-schönen hinaus und heraus hebt - der GENIUS LOCI.

 

Dieser Genius Loci oder "Geist des Ortes" ist ein sehr alter, traditionsreicher Begriff, der seinen Ursprung in der Antike hat. Geprägt wurde der Begriff von den Römern. "Genius" lässt sich vom lateinischen genre (erzeugen) ableiten und bedeutet in diesem Zusammenhang soviel wie "der/das Zeugende" bzw. "der/das jenige der/das erzeugt". Gemeint ist damit ein im Menschen wohnendes göttliches unsterbliches Wesen bzw. ein begleitender oder schützender Geist, der den Menschen in seinem Charakter und Handeln definiert. Erst später wurde aus dem charakterbildenden Genius, der ortsbezogene Genius. Dieser Begriff wurde nur für die Geister verwendet, von denen man glaubte, sie würden in Steinen, Felsen, Bäumen, Gewässern u.s.w. wohnen. In Form des "Daimon" kannten auch die Griechen einen Genius - auch für sie war wie bei den Römern, der Genius göttlicher Anteil oder Schutzgeist.

 

P. O. Runge: Der Morgen . Genien unter dem Stern
Phillip Otto Runge, 1777-1810:
Der Morgen.
Genien unter dem Stern, die Lichtlilie

Richtig verständlich wird die anfängliche Genius Loci-Vorstellung erst vor dem Hintergrund, dass der damalige Mensch in seiner archaisch- mythischen Welt noch kein klares ICH ausgebildet hatte und sich von seiner ihm umgebenden Umwelt noch nicht in dem Rahmen gelöst hatet wie wir es heute getan haben. In dieser Zeit ordnete sich der Mensch mehr der Natur bzw. den beseelten und damit numinosen (göttliches Walten/Wirken) Orten unter. Durch den mit den Religionen auftretenden Erlösungs- oder Befreiungsgedanken des Geistes/Seele und des damit verbundenen Monotheismus, wandelt sich der Genius-Loci-Begriff erneut. Es kommt zu einer "Überbauung", und das im wahrsten Sinne des Wortes. Im Christentum werden über die "heidnischen" Wohnsitze der Ortsgeister quasi durch Überbauung ihrer Sitze durch christlich-sakrale Bauten wie Kirchen, Kapellen und Klöster "transformiert", wobei die Existenz der Ortsgeister nicht angezweifelt wird. Eine etwas andere "Überbauung" findet beispielsweise in Tibet statt, wo in der animistisch-schamanistisch gefärbten frühen Phase der Bön-Religion die alten Gottheiten in das neue tibetisch-buddhistische Welt- und Götterbild übernommen wurden.

Mit Beginn der Epoche der Aufklärung im 17./18. Jahrhundert beginnt der größte Bruch mit dem ursprünglichen Genius-Loci-Begriff. Für den aufklärerisch denkenden Menschen waren Natur und Landschaft unbelebt und die Suche nach einem Genius Loci deshalb zwangsläufig sinnlos - Orte bekommen nur Seele und Charakter durch den sie gestaltenden Menschen.

Im Zeitalter der Romantik findet, wenn auch stilisiert, der Begriff eine neue Heimat. Die vorhandene Landschaft wird geformt, "überarbeitet", aber nicht verformt. Ein gutes Beispiel dafür sind die großen Landschaftsgärten des Hermann Fürst von Pückler- Muskau zwischen 1800 und 1850, in denen alte Bäume und natürlich dahin fließende Gewässer ihren wenn auch inszenierten, künstlichen Platz einnehmen.

Mit Beginn der Neuzeit bzw. der Industrialisierung, fanden die Genien als Zierrat und Ornament auf Stuckaturen von Jugendstil- und Bürgerhäusern Einzug in die Architektur der Städte, bis der allen Zierrat verachtende Bauhaus-Stil alles "Beiwerk" aus seiner Architektur verbannte und nicht nur Häuser, sondern auch ganze Städte durch die gerade Linie entzaubert wurden.

Auch hinter dem heutigen Genius-Loci Begriff verbirgt sich ein architektonisches Konzept, in dem versucht wird, Architektur und Landschaft wieder in eine harmonische Verbindung zu bringen. Wichtige neue Ansätze und Anstöße gibt der Architekt und Architekturtheoretiker Christian Norberg-Schulz in seinem Buch "Genius Loci - Landschaft, Lebensraum, Baukunst". Darüber hinaus wird der Begriff in Geomantie und in den verschiedensten Disziplinen wie Religionswissenschaft, Archäologie, Ökopsychologie, Garten- und Landschaftsgestaltung verwendet. "Die Palette dessen," so Robert Kozijanic, " was Genius loci sein soll, reicht dabei von der rein metaphorischen und rhetorischen Bedeutung des Wortes über die geschichtliche eines an einem Ort erscheinenden "Zeitgeistes" und eines soziokulturell konstruierten "Ortsgeistes", ferner über die Bedeutungen von ökologischen, ästhetischen und synästhetischen Qualitäten von Orten bis hin zu ortsgebundenen "Energiefeldern" und "ortsansässigen" Naturgeistern".(1).

(1) Robert Kozijanic: Der Geist eines Ortes. Kleine Kulturgeschichte des Genius Loci. Unveröffentlichtes Vortragsmanuskript (http://www.geocities.com/sallustiusde/Genius.htm)

 

Quelle:
Hagia Chora Forum für Geomantie

Genius Loci (Marco Bischof)
Der Geist eines Ortes. Kleine Kulturgeschichte des Genius Loci (Robert Kozljanic)
Landschaftsarchetypen und Weltreligionen (Stefan Brönnle)
Die Genialogie - eine vergessene Tradition der Geomantie als Lebenswissenschaft (Hans-Jörg Müller)





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