Genius Loci
Der Geist des Ortes

 
 

OBEN
Heilige Berge
Amnye Machen

A

m weitgehend unbekannten Nordosten Tibets erhebt sich in der Provinz Amdo, westlich des Sees Kokonor (Kukunor), das gewaltige Massiv des 6282 m hohen Amnye Machen. Was für den Westen Tibets der Kailash ist, das ist für den Osten Tibets dieser heilige und geheimnisumwitterte Berg.

Insbesondere für die hier lebenden Golok- oder Ngolok- Nomaden ist er ein wichtiges Pilgerziel, denn auf dem zentralen Hauptgipfel dieses dreigipfeligen Berges, residiert der Herr der Sadag (Geisterwesen) Machen Pomra, ihre Schutzgottheit. Der pyramidenähnliche Gipfel im Süden wird Chenresi genannt, nach dem Bodhisattva der Barmherzigkeit und tibetischen Schutzgottheit. Die Wasser der Gletscherbäche des Amnye Machen, die die Quellflüsse des "Gelben Flusses" oder "Ma Chu", wie der Oberlauf in Tibet heisst, bilden, gelten als heilkräftig, insbesondere gegen Lepraerkrankungen.

Amnye Pomra

Amnye Magyal Chenpo Pomra, "Der Grosse Urahn Ma-König Pomra", so lautet sein vollständiger Name, ist eine der wichtigsten tibetischen Berg- und Schutzgottheiten und wird als Magyal Pomra, als einer der "vier grossen Nyen" der Bön-Religion angesehen.

Er ist eine der bedeutendsten Berg- und Schutzgottheiten des tibetischen Hochlandes und Gegenstand zahlreicher Schriften. Die Gelugpa-Mönche des Kloster Ganden bei Lhasa verehrten den mächtigen Gott als ihre Schutzgottheit. Hier befindet sich auch in einer Kapelle eine lebensgrosse Statue Machen Pomras. Früher war es üblich, dass die im Zölibat lebenden Mönche den Gott baten, das Kloster abends zu verlassen. Sie brachten deshalb allabendlich ein kleines Bildnis des Pomras ausserhalb der Klostermauern, da er die Nacht nicht im Kloster verbringen durfte. Begründen lässt sich dieser Vorgang damit, dass der mit Gungmen Lhari verheiratete Gott von seiner Gefährtin hätte besucht werden können. Der aus dem Amdo stammende Reformer des tibetischen Buddhismus, Tsongkapa, dem der Kult um Manchen Pomra vertraut war, nahm ihn, und das unterstreicht seine grosse Bedeutung, mit in seine Lehre auf.

Lama Tsongkapa
Lama Tsongkapa

Die Söhne und Töchter des Amnye Machen leben auf den

weiteren achtzehn vergletscherten Gipfeln über fünf bzw. sechstausend Meter. Auf kleineren Höhen der Amnye Machen-Kette stehen ihm 360 Marig (rma), Verwandte des Machen Pomra und weitere 1500 Heldenkrieger zur Seite. Es ist zu vermuten, dass es sich bei seinen Begleitern um ältere Lokalgottheiten handelt.

Manchen Porma
Manchen Pomra, Detail aus einem Thangka

Pomra selbst bewohnt einen mächtigen Kristallpalast mit bis in die Erde hinabreichenden Grundmauern, dessen Turmspitzen als kosmischer Widerpart bis in die feinstofflichen Bereiche von Sonne und Mond hinaufreichen. Ein weisses Pferd namens Droshur mit der Geschwindigkeit des Windes, trägt den mit einer Generalsrüstung ausgestatteten Gott. Seine Körperfarbe ist weiss beziehungsweise golden, sein Gesicht aber rosa. In Händen hält er eine Lanze mit Wimpeln und eine mit kostbaren Edelsteinen gefüllte Schale.

Seinen Widerpart findet der weisse, segensreiche Amnye Machen in dem weiter östlich im unteren Amdo aufragenden schwarzen, bösen Amnye Nyenchen. Seine drei Gipfel beherbergen den Berggott gleichen Namens sowie seine Frau mit Sohn. Alten Mythen nach, lagen beide Berggötter einst in Streit. Einerseits ging es um Glaubensfragen, in denen sich beide nicht verständigen

konnten und andererseits um den Raub der Gattin des Amnye Pomps durch Nyenchen. Der wütende Gatte verfolgte den Räuber und schoss ihm einen Pfeil ins Auge, so dass er erblindete.

Im Amdo tragen übrigens dreizehn Berge die Bezeichnung Amnye, was soviel wie "ehrwürdiger Ahn" (Grossvater) bedeutet und auf den ersten Blick verwirrend ist. Man muss diese Berge im Zusammenhang mit dem Ursprung und der Existenz jedes Menschen, der Sippe, der Region mit der Örtlichkeit in Verbindung bringen, da sie als Wohnorte der Ahnen galten. Diesen Bergen wird durch die würdige Anrede Amnye der entsprechende Respekt entgegengebracht, eine normale Anrede würde die Bedeutung dieses Berges nicht zulassen.

Amnye Manchen Amnye Machen Manyen Pomra

Als Manyen Pomra oder Magyal Pomra, "Beschützer der Bön-Lehren", wird die Schutzgottheit von den Anhängern des Bön bezeichnet und in der Regel als ein mit einer Lanze bewaffneter Mann weisser Hautfarbe abgebildet, der einen Löwen oder ein Pferd reitet. Manyen Pomra ist Teil des alten tibetischen Berg/Berggott-Systems "vier Klassen der grossen Nyen", zu dem auch beispielsweise der Nyenchen Thanglha gehört.

Golog-Nomaden

Für die hier lebenden Nomaden ist der Berg ihr bedeutendstes Heiligtum. In langen Märschen pilgern sie zum Amnye Manchen, um ihn dann auf einem ca. 200 km langen Kora in Höhen zwischen 4000 und 4550 m zu umwandern. Besonders im "Jahr des Pferdes", im tibetisch/chinesischen Kalender übrigens 2002 und nur alle sechzig Jahre, gilt die Kora als besonders heilig und segensreich. Als Mittlerin zwischen Berg und Nomaden betätigte sich in früheren Zeiten, so heisst es, die Fürstin der Golok-Nomaden einmal jährlich, indem sie allein dem Berg ein Opfer darbringen und dabei nackt auf den Berg zugehen musste. Die Golok waren in früheren Zeiten nicht nur unter europäischen Reisenden gefürchtet, sondern auch von den Tibetern.

"Albert Tafel hat die Gologs gefragt, warum sie so kampfesmutig seien, und sie erzählten ihm", so Karl Gratzel (1), "die Geschichte von dem in weiten Teilen Tibets bekannten König Gesar , der im Golog-Gebiet sein Wunderschwert verloren hätte , das man für heilig halte und das bis zum heutigen Tage nichts von seiner Zauberkraft eingebüsst habe. Auch wüssten sie , dass sie von ihrem Schutzgeist Machen Pomra behütet würden, der sie sogar dazu ermutige , kämpferisch zu sein."

Golog-Nomaden
Lager von Golog-Nomaden

Der Legende nach sind die Golog Nachfahren von der Gemeinschaft ausgeschlossener Menschen, die Verbrechen begangen haben und sich am Amnye Manchen zusammengeschlossen hätten. Dieses Wunderschwert liegt verborgen in Inneren des heiligen Berges und, so will es die Legende, wird erst dann wieder gebraucht, wenn Gesar, wiedergeboren als König von Shambhala, das Böse besiegt und das Paradies auf Erden begründet hat.

 
Namen

Der Name setzt sich aus Amne - "Grossvater" und dem Eigennamen Machen zusammen. Andere Namen sind: Amnye Machen, Amne Machen, Am nye rmachen, Amne Matschen, Machen Kangri, Maqen Gangri

Zun Thema

Unter dem Titel "Seeking the Mountains of Mystery" erschien in der Februar-Ausgabe des National Geographic Magazine 1930 ein Beitrag, in dem der Amerikaner Joseph Rock andeutete, der Anmye Machen könne die Höhe des Mount Everest haben oder sogar noch etwas höher sein. Der Pilot Bradfort Washburn flog für das amerikanische Nachrichtenmagazin "Life" zum heiligen Berg, konnte aber diese sagenhafte Höhe nicht bestätigen.
Wiederum in Auftrag des "Life-Magazin" ermittelte im Mai 1949 Leonard Clarke die Höhe des Berges mit 29.661 Fuss, das hiess 500 Fuss mehr als der Everest! Damit hatte "Life" anfangs die Sensation und später den Spott: die Messung stimmte nicht. Mittlerweile sind die Golog friedlich geworden und der fromme Pilger kann sich in dieses Gebiet wagen.

(1) Gratzl, Karl, Mythos Berg, Hollinek

 

Quelle: Internet; A. Gruschke, Die Heiligen Stätten der Tibeter, Diedrichs Gelbe Reihe; Olschak u.a.,Himalaya, vgs; Gratzl, Karl, Mythos Berg, Hollinek



OM MANI PADME HUM
OM! Juwel im Herzen des Lotus!HUM!

© emmet 4-2008

 

 

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