Genius Loci
Der Geist des Ortes

 
 

OBEN
Heilige Berge
Girnar Girnar
A

er westlichste indische Bundesstaat, Gujarat, hat für die Jaina, die Anhänger der friedliebenden Jain-Religion, eine besondere Bedeutung. Hier leben nicht nur mehr Jaina als in anderen Bundesstaaten, hier erheben sich auch zwei der fünf wichtigsten heiligen Berge mit ihren

berühmten Tempeln: die heiligen Berge Ginar und Shatrunjaya.
Dieser zweitheiligste Berg der Jaina wird wegen seiner Verbindung zu Shiva auch von den Hindus verehrt.

Der heilige Berg Ginar, ein ehemaliger Vulkan mit fünf steil abfallenden Gipfeln, erhebt sich mit einer Höhe von 1117 m, nahe der Stadt Junagadh, im Südwesten der Halbinsel Kathiawar. Hier siedelten schon im dritten und zweiten Jahrtausend v. Chr. Menschen, hier liess Kaiser Ashoka (268 - 232 v. Chr) in einen Felsen am Fuss des Berges seine vierzehn Edikte meisseln. Hier befindet sich der Hindu-Tempel Bhavnath und der Ort Damodar Kund, wo, so berichtet die Legende, einst Shiva und Parvati während einer Vergnügungsfahrt ihre Kleidungsstücke fallen liessen.

Der Aufstieg zum Gipfel mit seinen Tempeln erfolgt über tausende von Stufen, die Anfang des 20. Jahrh. in neunjähriger Bauzeit in das Gestein geschlagen und abgemauert wurden. Die eigentliche Tempelstadt der Jaina liegt auf 610 m, also auf halber Höhe. Der Pilger betritt die Stadt mit ihren sechzehn Tempeln durch eines der beiden Tore der die gesamte Anlage umschliessenden Umfassungsmauer, der Deva Kota. Der wichtigste unter den Tempeln ist der Neminatha (Neminath)-Tempel, dem 22. Tirthankara, ("Furtbreiter"), Neminath, geweiht. Der dreiteilige Hauptbau des Tempels befindet sich innerhalb eines Hofes, der wieder durch eine Mauer be-

Shri Neminath
Die Jaina-Tempelstadt auf dem Ginar: Im
Vordergrund die drei Kuppeln des Tejapala-
Tempels, im Hintergrund der Neminatha-
Tempel

grenzt ist, an die 70 Heiligtümer mit Marmorstatuen der 23 Tirthankara angrenzen. Der um 1159 fertiggestellte Neminath-Tempel selbst besitzt zwei stilisierte Mandapa, Säulenhallen, die mit einem Kuppeldach nach oben abgeschlossen sind, hier befinden sich eingemeisselte Fussabdrücke der Begleiter Neminaths. Eine Garbhagriha, "Zimmer des Embryos", bildet die Cella (Hauptraum mit Götterbild) des Tempels. Hier befindet sich das mit Gold und Edelsteinen besetzte schwarze Bildnis des Tirthankaras.

Von den Brüdern Tejapala und Vastupala, zweier frommer Minister der Solanki-Dynastie, die auch auf dem Abu, einem anderen wichtigen heiligen Berg der Jaina, einen Tempel errichteten, stammt der zweite bemerkenswerte Tempel. Dieser um 1230 fertiggestellte Tempel ist dreiteilig und vom Grundriss einem Kleeblatt nicht unähnlich. Auch hier ist eine grosse Mandapa dem eigentlichen Heiligtum vorgebaut.

Die mittlere, östliche Cella des Hauptteils ist Standort eines Bildnisses von Mallinatha, dem 19. Tirthankara, die beiden äusseren beherbergen Repliken zweier heiliger Berge der Jaina: die nördliche Cella enthält auf einem quadratischen Sockel die Replik des Weltenberges Meru, die südliche Cella auf einem runden Sockel eine Replik des Parasnatha in Bihar, auf dem der 23. Tirthankara, Parsvanatha, die Erleuchtung erlangte.

Shri Neminath, Girnar
Shri Neminath, der 22.
Tirthankara im Neminath-
Tempel, Girnar

Die Jaina bringen jedem Hügel oder Berg ihre Verehrung entgegen, gelten sie doch als tirtha, als heiliger Orte bzw. Furten - verehrt man die Berge, so verehrt man auch die Füsse des letzten der "Furtbereiter", Mahavira oder Jina, wie er auch genannt wird. Insbesondere fünf heilige Berge verehren die Jaina: der Abu in Rajasthan, der Satrunjaya bei Palitana, der Parasnath in Bihar , der Indragiri bei Sravana Bongola und natürlich der Ginar.

Ausserhalb Indiens ist auch der Kailash für die Jaina ein wichtiger heiliger Berg, den sie Astapada nennen - hier erlangte der erste Tirthankara, Rishabha, die Erleuchtung.

Durch das Osttor verlässt der Pilger die heilige Stadt und steigt weiter zum Gipfel, der, bis auf einen moslemischen Schrein, von Tempeln der Hindus bekrönt wird. Hier ist insbesondere der Tempel der Göttin Amba Mata, Mutter Erde, zu nennen, in dem jungvermählte Paare für ein glückliches Zusammenleben beten. Alljährlich umrunden tausende von Menschen den Berg in einer grossen viertägigen Parikrama, sie endet am ersten Tag des ersten Vollmonds nach dem regenreichen Monsum.

 
OM
 

Quelle: Internet; Gratzl, K., Heilige Berge, Hollinek; Albnese, M., Indien, K. Müller Verlag; Lexikon des Buddhismus, Herder Verlag



OM MANI PADME HUM
OM! Juwel im Herzen des Lotus!HUM!

© emmet 3-2008

 

 

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