Genius Loci
Der Geist des Ortes

 
 

OBEN
Heilige Berge
 
Thangka der "Fünf Schwestern des langen Lebens" Von links n. rechts: Tashi Tseringma, Thinggi Shelsangma, Miyo Langsangma, Chöpen Dringsingma und Tekar Drosangma

"Die Herrin aller Wesen ist Tseringma, die Göttliche Mutter.
Ihre Hautfarbe ist wie die einer goldenen Jungfrau, und sie strahlt wie ein Licht, das im Wasser brennt. Die uns die höchsten Güter gewährt und alle damit verbundenen Wünsche erfüllt, ist die edle Tseringma, der ich meine Ehrfurcht bezeuge. Die Göttliche Mutter besitzt die Gesichtsfarbe des leuchtenden Mondes in einer Herbstnacht. [...] "
Padmasambhava zugeschrieben

r

r ist heilig, Sitz von Jomo Miyo Lang Sangma, einer der fünf Schwestern des langen Lebens. Sie gibt Nahrung", sagt Tenzin Zangbu, Abt des in 3800 m Höhe gelegen Tengboche-Klosters am Fusse des Mount Everest. Nach ihr hat der höchste Berg der Welt auch seinen eigenen Namen : Cho-

molungma. "Schon immer kamen viele PilgerInnen, um Jomo Miyo Lang Sangma zu sehen. Sie ist sehr hübsch. Sie reitet einen roten Tiger und strahlt orangefarben", erzählt Ngawang Tenzin Zangbu weiter.
Neben Miyo Langsangma ist ihre Schwester Tashi Tseringma die bekannteste der "fünf Schwestern des langen Lebens", die auch "Feengöttinnen des Langen Lebens" genannt werden. Neben Miyo Langsangma und Tashi Tseringma residieren ihre Schwestern Thinggi Shelsangma, Chöpen Drinsangma, Tekar Drosangma ebenfalls auf bedeutenden Riesen des tibetisch-nepalesischen Himalaya und repräsentieren so die furchterregende spirituelle Kraft der hohen Gipfel.

Eine alte Legende berichtet von der Entstehung der "fünf Schwestern des langen Lebens"Danach der sich einst im Land des Schnees eine grosse Wasserfläche aus, deren Wellen an ein üppig bewachsenes Ufer schlugen, in dem eine Vielzahl von verschiedenen Tieren in einer friedlichen Atmosphäre zusammenlebten. Dann jedoch, so die Legende weiter, stieg aus dem Meer ein giftiger fünfköpfiger Drache der das Meer aufwühlte und die Vegetation vernichtete. Die Tiere spürten jedoch das aufkommende Unheil und flohen, fanden aber keine Zuflucht mehr. Über dem Wasser

näherten sich ihnen fünf bunte Wolken, die sich in fünf Feen verwandelten und den Drachen bezwangen. Die Tiere verbeugten sich aus Dankbarkeit vor den Feen und baten sie um ihrem Schutz. Die Feen waren damit einverstanden, das Meer zog sich zurück und Wälder, Felder, Weiden und Gärten entstanden. "Die fünf Feen verwandelten sich in die fünf höchsten Gipfel des Himalaya: den Gipfel der Göttin des Gücks und des langen Lebens, Tashi Tseringma, den Gipfel der blauen Göttin der Freude, Tinggi Shelsangma, den Gipfel der Göttin der Güte, Miyo Losangma, den Gipfel der Göttin der harmonischen Stimmen, Chöpen Dringsangma und der Gipfel der Zuverlässigkeit, Tekar Drosangma. Sie ragen an der Südwestgrenze Tibets empor und schützen das Paradies auf Erden. Der Hauptgipfel Miyo Langsangma wird heute Chomolungma genannt und ist der höchste Berg der Welt."(1)

Miyo Langsangma
Miyo Langsangma
Thangka, Dharmapala
Thangka Centre (5)

Die Schwestern sind alte tibetische Bön-Berg-Göttinen und damit vorbuddhistischen Ursprungs. Für die Menschen dieser frühen animistischen Zeit, war ihr Land von Göttern, Geistern und Dämonen belebt. Dazu bemerkt der bekannte Tibetologe Re-

né von Nebesky-Wojkowitz: "Es gibt kaum einen Gipfel in Tibet, der nicht als Wohnsitz eines Berggottes oder einer -göttin betrachtet würde." Mit dem Aufkommen des Buddhismus in Tibet wurden diese alten Gottheiten dann "bekehrt".

Eingeladen vom tibetischen König Trisong Detsen den Buddhismus in Tibet zu unterrichten, war wohl der indische Gelehrte Shantarakshita einer der ersten Missionare. Allerdings stellten sich ihm sehr schnell lokale Geister in den Weg, die sich der neuen Religion widersetzten. Deshalb riet Shantarakshita dem tibetischen König, den tantrischen Meister Padmasambhava (Guru Rinpoche), mit dieser Aufgabe zu betrauen. Dieser kam um 786 nach Tibet und stellte sich mit Erfolg den alten tibetischen Bön-Dämonen und Göttern. (s.: Meister Padma bindet alle Götter und Dämonen Tibets durch Eid) (6). So wurden dann auch die "fünf Schwestern" von Padmasambhava unterworfen und der Eid zum Schutze des Dharmas abgenommen.
Im Gegensatz zu den "zwölf Tenma-Göttinnen", ist die Geschichte der Eidabnahme der Schwestern allerdings in den Padmasambhava-Biografien nicht vermerkt und ist damit nur mündlich überliefert

Milarepa
Milarepa

Durch den grossen tibetischen Yogi, Mystiker und Dichter Milarepa (1040-1123) kam es im 11. Jh. zu einer erneuten Auseinandersetzung mit den Schwestern. Bei der Überprüfung seiner buddhistischen Motivation und Wahrhaftigkeit, traten sie Milarepa gegenüber sehr aggressiv und herausfordernd auf. Milarepa bot seinen Körper als Opfer dar und überzeugte damit die Schwestern von seiner Aufrichtigkeit. Er konnte so den Eid erneuern und unterwies die Schwestern in den Lehren des Bardo. Er sprach hier von einer Einteilung in

1. den Bardo dieses Lebens
2. den Bardo des Träumens
3. den Bardo der Meditation
4. den Bardo des Sterbens
5. den Bardo des Dharmata
6. den Bardo des Werdens,

also in sechs Bardos, einer Einteilung der alten Nyingma-Tradition, mit der manche Gelehrte nicht übereinstimmen (4).

Keith Dowman berichtet von einer anderen Begegnung Milarepas mit den "fünf Schwestern", die ihm an der Spitze eines den Himmel ausfüllenden Dämonenheeres gegenübertraten: "Eine von ihnen glich einer grausamen Dämonin mit skelettartigem Aussehen. Die Zweite hatte das Gesicht eines Schakals, aus dessen Körperöffnungen Blut floss. Die Dritte ähnelte dem Todesgott Yama und spielte Sonnen- und Mond-Zimbeln. Die Vierte war eine schwarze Frau, die Planeten und Sterne auf dem Boden warf und dabei schrie: "Schlag zu! Töte" Und die Letzte erschien ihm als wunderschöne lächelnde Verführerin. Das sie unfähig waren, seinen Samadhi zu stören, entschlossen sie sich den Meister anzuerkennen. Später brachten sie ihm als wunderschöne Frauen Geschenke der Langlebigkeit, einen leuchtenden Spiegel, Nahrung und Wohlstand, einen Juwelenschatz und Vieh. Als sie eine zweites Mal kamen, brachten sie ihm Weihrauch, Blumen, Speisen und Trank dar, und der Meister weihte sie in die Mandalas von Drölma und Kurukulla ein und verriet ihnen die tantrischen Methoden. Später wurde die Anführerin der fünf Himmelswandlerinnen, Tashi Tseringma , aufgrund der unhygienischen Zustände in einem Rongshar-Haushalt krank, und Milarepa kümmerte sich um sie in einem silbernen Zelt auf den hoch gelegenen Hängen ihres Wohnortes auf den Bergen. Er heilte sie, und sie wurde zu seiner Gefährtin in der Meditationspraxis." (3)

Dowman berichtet auch von einem anderen Aufenthaltsort der "fünf Schwestern" und siedelt sie im Einflussbereich des Berggottes Manchen Porma auf dem Amnye Machen (Amdo) an, zu dessen Gefolge sie gehören: "Über Gotson im Süden befindet sich der Bergpalast der Tsering Chenga, der "fünf Göttinnen des langen Lebens", die auch Abur Barlung genannt werden. Dort vollziehen sie mit ihrer Anführerin Tashi Tseringma in der Mitte den Ritus des tantrischen Festmahls zusammen mit einem Gefolge aus Himmelwandlerinnen".(3)

Innerhalb der buddhistischen Ikonographie gehören die "fünf Schwestern" zu den Dakinis (Himmelswandlerinnen) und gelten als die Schutzgöttinnen der in der Bergeinsamkeit meditierenden Einsiedler, Yogis und Heiligen. Mit den Schwestern verwandt sind die zwölf Tenma- oder Schutzgöttinnen der buddhistischen Lehre, die als untergebene der Schwestern gelten. Neben einer Vielzahl anderer Götter gehören beide wiederum zum Gefolge der wichtigsten Schutzgöttin des tibetisch-buddhistischen Pantheons Palden Lhamo (Sri Devi). Ihr zu Ehren nennt man die Göttinnen zusammengefaßt auch die "Fünf Schwestern des langen Lebens, die Versammlung der Schutzgöttinnen der einzigen Mutter".



Tashi Tseringma
Tashi Tseringma

Die bedeutendste der "fünf Schwestern" ist Tashi Tseringma, die auch die Beinamen Dorje Kunsangma " Mutter des immerguten Dorje" und Teseyi Wanchukma trägt; in Sanskrit heisst sie Magala Dirghayusi, "Glücksgöttin des langen Lebens". Das weisse Gesicht der Dreiäugigen Göttin Tashi Tseringma ist schmal, die blauschwarzen Haare sind spiralförmig nach oben gesteckt und werden von einem Rubin geschmückt. In der linken Hand in Höhe des Herzens hält sie eine Amrita-Vase, in der rechten einen goldenen Vajra. Auf einem weissen Schneelöwen sitzend, überspringt sie in den Wolken die Berge. In anderen Erscheinungsformen

wie Chomolhari bzw. Dorje Gyamasel, ist sie von grünlich-blauer Farbe und mit friedlichem Gesichtsausdruck dargestellt, umweht von Seidengewändern, ihr Reittier ist dann ein Wildesel (Kiang). Als Hauptgöttin der fünf Schwestern steht sie für ein glückliches Leben und verteilt Glückseligkeit. Reisenden erscheint die Göttin jeweils als böse oder als gute Fee und kann so die Riese versauern oder versüssen, je nachdem ob der Wanderer ihr Wohlwollen gewonnen hat oder auch nicht. Sie thront auf dem Gaurishankar (7145 m) und dem Chomolhari (7327 m ).

Tseringma und die Sherpas

Die Nepalesischen Sherpas haben ein besonderes Verhältnis zur Göttin: zeigte sie ihnen doch ihr derzeitiges Siedlungsgebiet in Nepal. Der Legende nach verliessen wohlhabende Familien aus Kham im Osten Tibets ihre Heimat, weil die tibetische Regierung den Buddhismus reformierte und sie so nicht mehr den Glauben der Alten (Nyingmapa) praktizieren konnten. So zogen sie viele hunderte Kilometer, immer auf

Tashi Tseringma
Tashi Tseringma. Detail aus
einem Thangka aus dem 18. Jahrh.

auf der Suche nach einem ihnen verheissenen Land mit einem verborgenen Heiligtum der "Göttlichen Mutter". Über zwei Generationen gelangten die Familien in den Hochhimalaya, in den Einflussbereich der Tashi Tsering Chengma, der "göttlichen Mutter des Langen Lebens". In dieser abgeschiedenen Region, nördlich der Urmutter Tseringma (Mount Everest), konnten sie ihre alten Nyingmapa-Riten praktizieren, hier bekamen sie auch ihren Namen: Sherpas, "Menschen aus dem Osten". Ausgelösst urch den Traum eines Sherpa-Anführers, in dem ihm eine Dakini anwies, noch weiter nach Süden in Richtung

Indien zu ziehen, verliessen sie erneut ihren Siedlungsraum und zogen weiter über den Pass Nangpa La. Das ihnen verheissene Land war eine wilde und urwüchsige Region ohne Menschen. Hier siedelten die Sherpas, rodeten den Urwald und verehrten die Göttin Tseringma.(2)

Tseringma und der buddhimus in Bhutan

Einer alten Überlieferung nach, ist die Göttin Tseringma auch für die Missionierung Bhutans verantwortlich. In ihr wird berichtet das ein grosser Lehrer der Drukpa-Kagyüpa-Schule , Töndrub Gyaltsen, Zentraltibet verlassen musste. An der Grenze Bhutans wurde er von Tseringma willkommen geheissen, gesegnet und um die Missionierung Bhutans gebeten (2)





Thinggi Shelsangma
Thnggi Shelsangma

Die zweitgeborene, Thinggi Shelsangma, in Sanskrit Sumukhi, "die mit dem freundlichen Gesicht" genannt, ist von jadeblauer bzw. hellblauer Farbe und übt die Kontrolle über Prophezeiungen aus. Ihr Reittier ist ein Wildesel (Kiang) mit saphierblauer Mähne und schneeweisser Schnauze, in den Händen hält sie jeweils einen magischen Spiegel und einen Stab mit Wimpeln. Auch: Tinghi Shalzangma

 



Miyo Langsangma
Miyo Langsangma

Die drittgebore, Miyo Langsangma, "die unverrückbare Göttin und Beschützerin der Yaks", in Sanskrit Sumati, was soviel wie " die Wohlgesonnene" bedeutet, ist neben Tseringma die bekannteste der Schwestern. Die auf einem Tiger mit goldener Mähe oder, allerdings seltener, auf einem Mungo reitende gelbe Miyo Langzangma, trägt die Attribute des Reichtums und der Nahrung in ihren Händen: in der rechten Hand hält sie eine Schale mit Früchten bzw. Gerstenmehl, in der linken eine Schale mit Glückssymbolen. Als "Herrin (Chomo) Langsangma", oder kurz Chomolangma residiert sie auf dem Mount Everest.

Sie liebt es, auf dem hohen Berg zu stehen und das Welten-Panorama zu geniessen. Auch: Miyo Losangma, Miyolangsangma, Chomo (Jomo) Miyo Langsangma , Miyo Langzangma, Jomo Miyo Lang Sangma






Chöpen Dringsangma
Chöpen Dringsingma

Die vierte der Schwestern, die rote Chöpen Drinsangma, in Sanskrit Sukanthi, "die Schönhalsige", ist die Wächterin und Verleiherin der Schätze. Sie hält in der rechten Hand eine Truhe mit Edelsteinen, in der linken einen Rubin und reitet eine Hirschkuh (Maultier) mit korallenroten Fell.
Auch: Chöpen Dinzangma

 



Tekar Drosangma
Tekar Drosangma

Die fünfte und jüngste der Feen ,Tekar Drosangma, in Sanskrit Sugati, "Glück", ist von hellgrüner oder türkisgrüner Farbe und reitet einen Drachen. In der einen Hand hält sie ein Büschel mit Gras oder eine Ähre, in der anderen eine Schlangen-Schlinge. Mit diesen Symbolen steht sie für Fruchtbarkeit (Pflanze) und Regen bzw. Wasser (Schlange, Drache) und ist damit insbesondere für die bäuerliche Bevölkerung von Bedeutung.
Auch: Täkar Dozangma

 

Andere Bezeichnungen: "Die fünf Feengöttinnen des Langen Lebens", "Die fünf Glücksschwestern", "Die fünf Gipfelfeen"

Schwarzgrund-Thangka: Zentralregionen, Tibet oder Osttibet 17. Jahrhundert, Gouache auf Baumwolle, 70 x 50 cm Museum Guimet, Paris
Quelle: Dharmapala Thangka Centre (5)

(1) Gruschke, Andreas: Mythen und Legenden der Tibeter
(2) Gruschke, Andreas: Die heiligen Stätten der Tibeter
(3) Dowman, Keith: Geheimes heiliges Tibet
(4) Lopön Tsechu Rinpoche: Die Zwischenzustände
(5) Dharmapala Thangka Centre
(6) Yeshe Tsogyal: Der Lotosgeborene im Land des Schnees

Links:
Tibetische Berggottheiten
Gebet an Tseringma
Meister Padma bindet alle Götter und Dämonen Tibets durch Eid

Quelle: Internet; Gruschke, A., Die heiligen Stätten der Tibeter, Diderichs, 1997; Gruschke, A., Mythen und Legenden der Tibeter, Diderichs, 1996; Dowman, Keith; Geheimes heiliges Tibet; Hugendubel, 2000; Gratzel, Karl; Mythos Berg, Hollinek, 2000; Schuster, G., Das alte Tibet, NP, 2000; Nicolazzi, M. A., Mönche, Geister und Schamanen, Walter Verlag, 1995; Nebesky-Wojkowitz, René von, Wo Berge Götter sind, DVA; Hoffmann, H., Mila Raspa, Otto Wilhelm Barth Verlag



OM MANI PADME HUM
OM! Juwel im Herzen des Lotus!HUM!

© emmet 8-2008

 

 

Counter by WebHits Counter