 Der Geist des Ortes
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OBEN | |
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| a |
| Heilige
Berge |
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und
Bergheiligtümer im Hochgebirge –
ein Vergleich zwischen verschiedenen Religionen
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Text:
Prof. Dr. Erwin Grötzbach |
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chon vor über hundert Jahren stellte der Ethnologe VON
ANDRIAN (1891, xxxiii) fest, es gebe „kaum ein hervorragenderes
Gebirge, welches nicht unter irgend einer Form Gegenstand einer
religiösen Verehrung gewesen wäre" . Auch heute noch gibt es Religionen
bzw. Kulturregionen, wo Berge
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oder bestimmte Stätten im Gebirge als heilig verehrt
werden und mitunter eine große Zahl von Besuchern anziehen, die
sich als Pilger verstehen. Dies gilt vor allem für den Himalaja
und Tibet, für Japan und China und für Teile der südamerikanischen
Anden. Dieses Phänomen beruht auf einer Überzeugung, die sich quer
durch Religionen und Kulturen zieht und die der Religionswissenschaftler
ELIADE (1989, 137) folgendermaßen umschrieben hat: „Alles was dem
Himmel näher ist, hat - in verschiedener Intensität - an der Transzendenz
teil".
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Die folgende Darstellung bezieht sich nur auf solche
heiligen Berge und Bergheiligtümer , die ähnlichen Umweltbedingungen
unterliegen und denen allein schon die metrische Höhe Hochgebirgscharakter
verleiht. Diese Örtlichkeiten liegen durchweg oberhalb des dauernd
bewohnten Siedlungsraumes und sind damit der Alltagswelt entrückt.
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Zu den Begriffen heiliger Berg
und Bergheiligtum
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Einer begrifflichen Klärung bedürfen zunächst die Termini „heiliger
Berg" und „Bergheiligtum“. Zwischen ihnen wird in der Literatur
kaum unterschieden. Als heilige Berge seien hier solche Berge oder
Gebirgsgruppen bezeichnet, denen eine wie auch immer geartete Sakralität
zugeschrieben wird und die deshalb verehrt oder auch gefürchtet
werden. Sie verdanken diese Bedeutung mythologischen Vorstellungen
von der Heiligkeit der Höhe, deren verschiedene Aspekte ich noch
aufzeigen werde. Heilige Berge in diesem Sinne sind stets sakralisierte
Naturphänomene, wie aus Tab. 1 hervorgeht.
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Sakralisierte
Naturphänomene
in "naturnahnen" Religionen:
sakralisierte Natur als Teil des religiösen Kosmos |
Geschaffene
Erinnerungs- und Kultstätten
vor allem in monotheistischen, "naturfernen"
Religionen: entsakralisierte Natur als Schöpfung Gottes |
| Heilige
Berge |
(kein
Äquivalent) |
| Der
ganze Berg, besonders sein Gipfel ist heilig als |
- kosmische
Brücke und Mitte
- Sitz
von Gottheiten
- Aufenthaltensort
von Verstorbenen, insbesondere Ahnen
- Wächter,
Spender von Wasser und Fruchtbarkeit
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Bergheiligtümer
als Sakralisierte
Naturphänomene:
Felsen Steine, Höhlen, Quellen, Seen, Bäüme |
Bergheiligtümer
als geschaffene Erinnerungs- und Kultstätten:
Tempel, Kirchen, Kapellen, Klöster, Wohnstätten Heiliger |
Bergheiligtümer
und -kulte synkretischen Charakters
(Beispiele Peru: Christentum - Pakistan: Islam) |
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Tab. 1: Heilige Berge und Berheiligtümer in unterschiedlichen
Religionen. (Entwurf: E. Grötzbach)
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Von heiligen Bergen zu unterscheiden sind
Bergheiligtümer, denen ein Berg oder Gebirge lediglich Standort
ist. Sie können unterschiedliche Lagen im Gelände einnehmen: auf
dem Gipfel, auf einer Bergschulter oder einem Kamm, am Hang, auf
einem Hochtalboden. Solche Bergheiligtümer sind gewissermassen topographisch
untergeordnete Einzelphänomene, deren Sakralität sich nicht auf
den Berg als solchen überträgt. Bei den Bergheiligtümern werden
hier zwei Kategorien unterschieden, nämlich "sakralisierte Naturphänomene"
und "geschaffene Kultstätten". Zwischen ihnen lässt sich keine scharfe
Grenze ziehen, da auch manche geschaffene Kultstätten an Naturerscheinungen
anknüpfen. Zu ihrer Interpretation ist der jeweilige religiöse Kontext
ins Auge zu fassen, aus dem sie entstanden sind.
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Sakralisierte Naturphänomene
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Die Heiligkeit sakralisierter Naturphänomene
beruht durchweg auf mythischen Überlieferungen und ist charakteristisch
für Religionen oder religiöse Vorstellungswelten, die ich im folgenden
als "naturnah" bezeichne. Dies sind animistische, pantheistische
oder polytheistische, meist kosmologisch orientierte Religionen,
mit oder ohne Schriftlichkeit. Dazu zählen der Buddhismus, Hinduismus,
Taoismus, Shintoismus und die alte tibetische Bön-Religion,
allesamt in Zentral-, Süd- oder Ostasien beheimatet, aber auch Stammes-
und Volksreligionen Afrikas und der Indianer Nord- und Südamerikas.
Von den vorchristlichen Religionen Europas ist hier vor allem die
griechische zu erwähnen. In ihnen allen bildet die Natur einen Teil
des religiösen Kosmos. Sie ist beseelt, voller Symbolik und Manifestationen
des Heiligen oder Göttlichen, das ihnen innewohnt. Dieses Numinose
lässt sich unterschiedlich umschreiben als Gott, Gottheit, guter
Geist, Dämon oder Fee. Sakralisierte Naturphänomene sind außer Bergen
auch viele Einzelobjekte der Bergnatur.
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Heilige Berge und ihre sakralen
Attribute
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Heilige Berge beziehen ihre Sakralität aus unterschiedlichen Eigenschaften,
die ihnen durch Mythen zugeschrieben werden:
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- Wie schon erwähnt, bedeutet ihre Höhe die Nähe zum Himmel als
metaphysischer, göttlicher oder reiner Sphäre, woraus sich ihre
sakrale Bedeutung ableitet. Doch gelten oder galten nicht immer
die höchsten Berge als heilig, sondern die auffallendsten, freistehenden,
dominanten, weithin sichtbaren Gipfel, wie der viel genannte Kailas
in Südtibet, der Ausangate in Südperu, der Kilimanjaro in Ostafrika.
Dagegen ist z.B. den Sherpas von Khumbu nicht der eher verborgene
Chomolungma oder Mt. Everest am heiligsten,
sondern der über 3.000 m niedrigere Khumbila, der sich unmittelbar
über ihren Hauptdörfern erhebt (BERNBAUM 1990,7).
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Thangka
der Kailash -
Manasarovar - Region |
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- Heilige Berge werden in einem kosmischen Weltbild als Berührungspunkte
von Himmel und Erde gedeutet und damit als Erdachse, ja als kosmische
Mitte. Dies kommt z. B in der hinduistischen Konstruktion des Weltenberges
Meru zum Ausdruck.
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- Fast alle heiligen Berge gelten als Sitze oder Wohnstätten der
Götter oder anderen Geistwesen. Diese beeinflussen aus ihrer entrückten
Höhe das Leben der Menschen in ihrem Bereich. Ein klassisches Beispiel
ist der griechische Olymp, auf dem ein
ganzes Pantheon residierte. In Tibet gab es bis vor kurzem kaum
einen Gipfel, "der nicht als Sitz eines Berggottes oder einer Berggöttin
betrachtet" wurde (NEBESKY-WOJKOWITZ 1956, 203). Auch im Himalaja
sind zahlreiche Berge für Hindus bzw. Buddhisten Göttersitze. Dazu
zählen der höchste Berg Indiens außerhalb Sikkims, die 7.816 m hohe
Nanda Devi, wo die Göttin Nanda, eine
Manifestation von Parbati, der Gemahlin Shivas, wohnt, aber auch
Achttausender wie Kanchenchunga und Annapurna.
Vereinzelt hat die Sakralität eines Berges zu Einschränkungen für
Bergsteiger geführt, ja zu einem Verbot der Besteigung. Dies war
am knapp 7.000 m hohen Machapuchhare im Annapurna-Gebiet Nepals
der Fall, der den dort wohnenden Gurung als Sitz verschiedener Götter
gilt. Er wurde nach einem Besteigungsversuch im Jahre 1957 von der
Regierung gesperrt. Am höchsten in der Hierarchie der Heiligkeit
steht der Kailas (tibetisch Ti-se) in Südtibet. Mit seinen 6.714
m Höhe bildet er eine weithin sichtbare Landmarke und zusammen mit
dem See Manasarovar einen heiligen Bezirk. Er ist für die Hindus
Sitz von Shiva und Parbati, der Tochter des Himalaja-Gottes Himavat,
für Buddhisten und Bön-Anhänger ein riesiger Tschörten oder Stupa
sowie Wohnstätte anderer Gottheiten und Geister. Beispiele aus Afrika
waren Mt. Kenya und Kilimanjaro, in Südamerika sind es immer noch
der Ausangate in Peru und der Illimani in Bolivien. Der einzige
hohe Götterberg, dessen Gipfel durch Wege erschlossen ist und der
mehr von Touristen als Pilgern bestiegen wird, ist der Fujisan in
Japan.
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- Heilige Berge werden auch als Aufenthaltsorte von Verstorbenen
und vor allem von Ahnen verehrt, ja manche Gruppen der Lokalbevölkerung
leiten ihre Herkunft von einem solchen Berg und dessen Gottheit
ab. Ihrem Glauben zufolge kehren die Toten in den Berg als ihrem
Ursprung zurück. Solche Ahnenkulte sind vor allem in Ostasien verbreitet,
finden sich aber auch in Tibet und in den Anden.
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- Schließlich gibt es zahlreiche Berge, deren Sakralität darauf
beruht, dass ihre Gottheit über die Wasserressourcen des Umlands
herrscht. Diese Macht kann sich sowohl positiv wie auch negativ
äußern: positiv durch die Gewährung von Wasser für die Menschen,
zur Bewässerung und die Tränkung der Viehherden, negativ durch Gewitter,
Blitzschlag, Hagel, Überschwemmung, Dürre; manche Gottheiten gebieten
auch über Vulkaneruptionen. Solchen oft gefürchteten Berggottheiten
werden rituelle Opfer dargebracht, um sie gnädig zu stimmen. Sie
werden teils durch bloße Anrufung, meist aber durch kultische Handlungen
geehrt. In Mexiko und in den Anden Südamerikas wurden auf hohen
Vulkanbergen in vorspanischer Zeit Menschenopfer dargebracht, die
aber vermutlich auch anderen Zwecken dienten (REINHARD 1985; TICHY
1991). Oft umfasst die Funktion dieser Berggottheiten nicht nur
die Lenkung des Wettergeschehens und die Wasserversorgung, sondern
das Wohlergehen und die Fruchtbarkeit von Menschen, Vieh und Feldfrüchten
allgemein.
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In der Eigenschaft heiliger Berge und ihrer
Gottheiten als Herr des Wassers äußert sich eine ökologische Komponente,
die deutlich vom Klima abhängig ist. Die engste Verknüpfung von
Bergverehrung mit Wetter und Wasser ist in Wüstengebirgen und in
Gebieten mit wechselnden Niederschlagsjahreszeiten zu beobachten,
also in vollariden bis semihumiden Gebirgsklimaten. Beispiele hierfür
bieten Tibet und der nördliche, trockene Himalaja, der Westen Nordamerikas,
Mexiko und die mittleren südamerikanischen Anden. Selbst in Japan
werden Berge und ihre Gottheiten von der Landbevölkerung als Wasserspender
verehrt, weil man viel Wasser für den Reisbau benötigt.
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Bergheiligtümer als sakralisierte
Naturphänomene
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Noch zahlreicher als heilige Berge sind
sakralisierte Einzelphänomene der Bergnatur, die gleichfalls verehrt
werden. Dabei handelt es sich insofern um untergeordnete heilige
Stätten, als die Verehrung nicht dem Berg als Ganzes oder seinem
Gipfel gilt. Verehrt werden Felsen, Quellen, Seen, Flüsse, Gletscher,
Höhlen, Bäume, insbesondere auffallende Erscheinungsformen wie heiße
oder starke Quellen, isoliert aufragende oder phantastisch geformte
Felsen, Eisgrotten und Bäume mit wohlriechendem Holz wie der Wacholder
in großen Teilen des Himalaja. Besonders weite Verbreitung haben
Steinkulte, also die Verehrung von Felsen und Steinblöcken, denen
oft mythische Bedeutung zugeschrieben wird. Sie finden sich im Himalaja,
in Tibet, in den südamerikanischen Anden;
aber auch in den Alpen gibt es zahlreiche Überreste davon aus vorchristlicher
Zeit (HA1D 1990). Manche heiligen Berge, deren Gipfel für die Gläubigen
unerreichbar sind, werden von Kultplätzen auf halber Höhe oder am
Fuße aus verehrt oder umschritten. Solche Umschreitungen, die eine
Woche und mehr in Anspruch nehmen können, wurden z. B. vom Kailas
und vom Amnye Machen in Nordtibet berichtet
(BERNBAUM 1990).
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Bergheiligtümer als geschaffene sakrale Erinnerungs- und Kultstätten
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Bei den geschaffenen Kultstätten handelt es sich, wie die Bezeichnung besagt, um Bergheiligtümer, die von Menschen errichtet worden sind, nämlich Tempel, Kirchen, Kapellen, mitunter Klöster, und im Gebiet des tibetischen Buddhismus auch um Tschörten (Stupas). Ihre Anlage geht zurück auf Geschehnisse in alten Mythen oder auf Erscheinungen des Göttlichen (Hierophanien, Theophanien), auf Offenbarungen (wie auf dem Sinai), auf Gelübde, auf Wohnstätten oder Reliquien Heiliger.
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Bergheiligtümer vom Typ der geschaffenen
Kultstätten haben besonders weite Verbreitung, räumlich wie nach
Religionen Sie sind in erster Linie charakteristisch für die "naturfernen"
monotheistischen Religionen, insbesondere das Christentum; denn
nach deren übereinstimmender Auffassung kommt der Natur als Schöpfung
Gottes keinerlei sakrale Qualität zu. Christliche und zwar durchweg
katholische Kultstätten sind z. B. in den Alpen sehr zahlreich,
wenn heute auch oft außer Funktion. Höchste und vermutlich älteste
alpine Wallfahrtsstätte ist eine Marienkapelle auf der 3.538 m hohen
Rocciamelone in den italienischen Westalpen hart an der Grenze zu
Frankreich. Sie wurde schon im Jahre 1358 auf Grund eines Gelübdes
errichtet und zieht bis heute am 5. August zum Fest "Maria im Schnee"
viele Pilger aus der Umgebung an. Geschaffene Kultstätten sind aber
auch im Bereich "naturnaher" Religionen verbreitet, namentlich im
indischen Himalaja. Dort gibt es eine Vielzahl hinduistischer Tempel,
dazu einen Sikh-Tempel (Hemkund), bis in Höhen über 4.000 m, die
zum Teil bedeutende Wallfahrtsorte sind. Manche dieser heutigen
Heiligtümer knüpfen an ein Naturphänomen an, was als Hinweis auf
eine naturreligiöse Wurzel des Kults gedeutet werden kann. Ein Beispiel
hierfür ist Badrinath, der größte Wallfahrtsort im Himalaja, auf
über 3.000 m Höhe an der Alakananda, einem Quellfluss des heiligen
Flusses Ganges gelegen, der alljährlich 300.000 bis 400.000 Pilger
empfängt. Hier erhebt sich der Tempel des Gottes Vishnu über einer
heißen Quelle, die den rituellen Waschungen dient (GRÖTZBACH 1994).
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Synkretistische Bergheiligtümer
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Von synkretistischen Heiligtümern kann
man erstens dort sprechen, wo es zur Durchdringung oder Überlagerung
von Bevölkerungsgruppen unterschiedlicher Religionszugehörigkeit gekommen
ist wie z. B. in Nepal, wo die Grenze zwischen Hindus und Buddhisten
nicht nur räumlich, sondern auch inhaltlich oft fließend ist; und
zweitens, wo eine traditionelle Religion durch eine andere, jüngere
abgelöst wurde. Beispiele für den zweiten Fall bietet Lateinamerika,
wo andine Religionen dem katholischen Christentum weichen mussten,
oder der Karakorum Pakistans, wo Hinduismus und Buddhismus durch den
streng monotheistischen Islam verdrängt wurden. Einen Sonderfall bildet
Japan, wo synkretistische Religionspraxis - meist Shintoismus und
Buddhismus - die Regel ist. Dies gilt auch für die japanische "Bergreligion"
der Shugendo-Sekte, deren Mitglieder das Wandern als religiöse Askese
praktizieren (EERHART 1989; ODA 1996). |
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In den Gebirgen Amerikas haben sich Vorstellungen,
zum Teil sogar Kulte altamerikanischer Religionen bis heute erhalten,
sei es, wie in den Anden, im Gewand katholischer Riten oder, wie
im Westen der USA, in einer eher ursprünglichen Form. Das Paradebeispiel
in den Anden, das in den letzten Jahrzehnten weltweite Publizität
erlangt hat, ist die Wallfahrt von Qoyllur Rit'i (im Qechua der
Indios: "Schneestern") ca. 80 km östlich der alten Inka-Hauptstadt
Cuzco in Südperu. Zur Hauptwallfahrt am Sonntag und Montag vor dem
Fest Fronleichnam im Mai oder Juni finden sich bei dem Heiligtum
in über 4.500 m Höhe Tausende von Teilnehmern ein. Vordergründig
hat die Wallfahrt einen christlich-katholischen Charakter, mit Prozessionen,
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Wallfahrt
von
Qoyllur Rit'i -
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Gottesdiensten, mit Gebeten, Musik und
Tanz, aber auch mit Marktständen und Volksfesttrubel. Mittelpunkt
der Verehrung ist ein Felsen mit einem darauf gemalten Jesusbild,
Erinnerung an eine Christuserscheinung im Jahre 1783 und inzwischen
überbaut durch eine Kirche. Der Ort wird als eine heilige Stätte
aus vorspanischer Zeit gedeutet, der Felsen war vermutlich Objekt
eines alten Steinkults (FLORES LIZANA 1997). Die lokale Bevölkerung
hat ganz offensichtlich gewisse vorchristliche Vorstellungen auch
in diesem Fest bewahrt: Die maskierten Tänzer, die Mitnahme von
Eis oder Eiswasser als Devotionalien von den nahen Gletschern und
insbesondere die Verehrung von Berggottheiten (apus) durch viele
der teilnehmenden Indios tragen schwerlich christliche Züge. Mächtigste
Berggottheit des ganzen Gebiets ist der Apu Ausangate, verkörpert
durch den gleichnamigen 6.336 m hohen Berg, der alle anderen weithin
überragt. Dieser Apu wird angerufen, ohne dass dies dem christlichen
Glauben Abbruch tut, und zwar zur Gewährung einer guten Ernte, zum
Schutze der Herden und zum Wohlergehen der Bewohner. Andere heilige
Berge in der Umgebung von Cuzco stehen ihm bei weitem an Bedeutung
nach (SALLNOW 1987).
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Auch in den Tälern des Übergangsraums von
Karakorum, Osthindukusch und Westhimalaja in Nordpakistan, deren
islamische Bewohner teils der Sunna, teils der Shia, teils der Ismaelia
angehören, haben sich vorislamische Relikte in der Volksreligion
erhalten, insbesondere unter den Schiiten. Am deutlichsten zeigt
sich dies im Glauben an Perian oder Parian (Singular peri, pari).
Dies sind zauberkräftige weibliche Berggeister,
die zumeist etwas verharmlosend, wie JETTMAR (1975, 220) kritisch
anmerkt, als "Feen" umschrieben werden. Perian gelten als Beschützer
der Menschen im Hochgebirge, residieren sie doch auf den höchsten
Gipfeln, wie Nanga Parbat und Rakaposhi
nahe Gilgit und Tirich Mir in Chitral. In diesem Weltbild bilden
die früher für unerreichbar gehaltenen Gipfel mit ihren Eisflanken,
auf denen die Paläste der Perian stehen, den Bereich des Reinen
und damit Göttlichen. Sie werden mitunter auch an schiitischen Heiligtümern
(zyarat) angerufen, wie im Tal von Haramosh bei Gilgit, wo solche
Zyarate auf Randmoränen der großen Gletscher zum Schutze der Almregion
vor Naturgewalten errichtet wurden.
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Räumliche Implikationen
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Als erstes ist hier die Höhe zu nennen,
deren weit verbreitete sakrale Qualität durch die vorherigen Ausführungen
deutlich geworden sein dürfte.
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Reichweite: Heilige Berge wie auch
Bergheiligtümer unterscheiden sich durch die Reichweite ihrer Anerkennung
und zugeschriebenen Wirksamkeit. Sie äußert sich in erster Linie
im Einzugsbereich der Pilger, die eine sakrale Stätte aufsuchen.
Demnach lassen sich lokale, regionale und überregionale, ja sogar
nationale und internationale heilige Stätten unterscheiden. Ein
Beispiel für eine solche Hierarchisierung bietet BHARDWAJs (1973)
Buch über Hindu-Wallfahrtsorte in Indien, das auch Stätten im Himalaja
einschließt. Unter ihnen hat das bereits genannte Badrinath im Garhwal-Himalaja
"Pan-Hindu"-Bedeutung. Besonders groß ist erwartungsgemäß die
Zahl der Heiligtümer von nur lokaler Reichweite, die z. B. in den
Alpen weitaus überwiegen.
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Sakraler Raum: Als letzter Aspekt
des Themas sei die Frage nach dem sakralen Raum im Gebirge aufgeworfen.
Leider wird in der Literatur kaum zwischen dem heiligen Ort oder
der heiligen Stätte einerseits und dem heiligen Raum andererseits
unterschieden. Ich verstehe unter sakralen Orten oder Stätten einzelne
Objekte oder Objektensembles, die in der Landschaft eher punkthaft
erscheinen. Dagegen umfasst der heilige Raum mehrere oder eine Vielzahl
sakraler Stätten, wobei es sich um natürliche wie auch um gebaute
Objekte handeln kann, die in der Regel durch mythisches Geschehen
miteinander verbunden sind. Der heilige Raum gewinnt damit eine
flächen- oder linienhafte Gestalt. Diese räumliche Ausdehnung sakraler
Räume wird z. B. markiert durch Prozessionswege oder die rituellen
Stationen von Umschreitungen wie am Kailas oder die Shugendo-Wanderrouten
auf heiligen Bergen Japans. Im Falle des Berges Sinai oder Horeb
bestimmte Jahwe, dem Buch Exodus der Bibel (19; 12,23) zufolge,
die Grenze des heiligen Bezirks durch den Bergfuß, der vom Volke
nicht überschritten werden durfte. Im orthodoxen Christentum wird
der "Berg" Athos als heiliger Raum betrachtet, bei dem es sich um
eine gebirgige Halbinsel mit zahlreichen Klöstern und Einsiedeleien
handelt. Für die Hindus ist das Quellgebiet des heiligen Flusses
Ganges, die Landschaft Garhwal im indischen Himalaja, ein heiliger
Raum, der von zahlreichen sakralen Stätten durchsetzt ist. Ja, viele
Hindus glauben dies für den Himalaja insgesamt, wobei hier heilige
Berge und Heilige Orte mit zunehmender Entfernung vom Gebirge zu
einem Ganzen, dem "heiligen Himalaja",
verschmelzen.
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Schlussbemerkung
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Aus alledem wird deutlich, wie heilige
Räume, Berge und Stätten in der Vorstellungswelt der Gläubigen naturnaher
Religionen eine transzendentale Wirklichkeit voller Symbolik bilden,
die sich von der naturwissenschaftlich bestimmten Realität des Hochgebirges
im modernen Denken fundamental unterscheidet. Es ist eine Weltsicht,
die das Hochgebirge nicht als eine Ansammlung von Gipfeln, Gletschern
und Tälern wahrnimmt, sondern als Aufenthaltsort übernatürlicher
Kräfte und Wesen. Eine Ausnahme von diesem Antagonismus findet sich
allein in Japan, in dessen Gesellschaft nach GERLITZ (1994, 190)
eine erstaunliche Synthese von mythischer Bergverehrung und naturwissenschaftlich-technischer
Weltsicht weit verbreitet ist.
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Dieser Text ist eine gekürzte Fassung von E.GRÖTZBACH (2004) -
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Literatur
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