Genius Loci
Der Geist des Ortes

 
 

OBEN
Heilige Berge
Kailash
Kang Rimpoche

»Um die Anweisung des Marpa Lho Brag zu erfüllen, komme ich, der berühmte Milarepa, zum Schneeberg Tise zur Meditation«
Milarepa A>

Der Kailash und der tibetische Buddhismus

Die Einbeziehung des Kailash unter dem Namen Tise, "Schneejuwel" oder "Grosser Schneeberg", in die tibetisch-buddhistische Tradition begann schon sehr früh. Der buddhistischen Geschichtsschreibung nach, führte schon Buddha Sakyamuni auf dem Tise ein Lehrgespräch.

In der alten, die gesamte Metaphysik der Buddhisten umfassenden Lehrsammlung Abhidharma, wird der Tise als der Weltenberg Meru angesehen. Ähnlich den anderen Religionen des Kailash, befindet sich der Berg Meru in der Mitte eines Mandalas, von goldenen und eisernen Bergketten umgeben. ("Es heisst, dass dieser auch der grosse Berg Tise ist, der Kopf, der die vier grossen Flüsse vereint, im Nabel des südlichen Jambudvipa, der gleichzeitig mit den vier Kontinenten entstanden ist." (1))

Im Anuttarayoga -Tantra, dem "Unübertrefflichen Tantra", wird die Schöpfung in der Meditation stufenweise nachvollzogen. Dabei gelangt der Meditierende aus dem Zustand der Leere über jeweils ein Wind-Mandala (bau, YAM), ein Feuer-Mandala (rot, RAM) und einem Wasser-Mandala (weiss, BAM) zu einem Erd-Mandala (SUM) mit einem quadratischen Grundriss. Aus dessen Mitte ragt der Weltenberg Meru, dessen Nordseite aus Lapislazuli, Ostseite aus Kristall, Südseite aus Gold und Westseite aus Rubin besteht.

Der Tise ist durch den Zusammenhang mit dem Cakrasamvara-Madala, dem "Rad der höchsten Wonne", für die buddhistisch-tantrische Tradition von grosser Bedeutung. Dieses, seit dem 7. Jh. fassbare Tantra, ist auf innere Meditationspraktiken ausgerichtet und ein bedeutendes "Mutter-Tantra" der höchsten Yoga Tantra-Klasse, die alle wesentlichen Lehren der weiblichen Buddhas, Vajradakinis und Vajrayoginis, enthält. Es dient dazu, den Geist des "Klaren Lichtes" zu entfalten und zu meistern und wird in allen vier Hauptschulen des Tibetischen Buddhismus gelehrt. Schon in den frühen Quellen des Tantra-Cakrasamvara-Schrifttums wird der Meru mit dem Tise identifiziert, selbst Buddha beschrieb in den Sutras den Tise wie den Meru. Die Kommentare zu diesem Wurzeltantra sind deshalb eine der wichtigsten Quellen über den Tise.

Cakrasamvara
Cakrasamvara in seiner
zwölfarmigen Manifestation

"Die folgende Episode ", so Andrea Loseries," schildert die Weihungen des Tise zum Cakrasamvara-Madala, wie sie in den Kommentaren zum Tantra enthalten ist: Nach langen Zeiten der

Vollkommenheit war die Welt wieder in ein Zeitalter des Streites gefallen. Damals herrschte über Magadha in Jambudvipa eine Emmanation (II) des grossen Gottes Isvara, namens `Jigs byed chen po (=Grosser Furchteinflösser) und dessen Frau Dus mtshan ma, eine Ausstrahlung der Parvati.

Zu jener Zeit geschah es, dass vierundzwanzig Geisterwesen von 24 dem Vajrayana heiligen Orten Besitz nahmen: vom Himmel fielen vier Götter (lha) und vier Gandharvas (dri za) (...). Weiters sind aus dem Boden vier Yaksas (gnod sbyin) und vier Raksasas (sprin po) nach Jambudvipa gekommen, von denen der Dämon Mig mi bzan in den Norden gefallen ist, speziell in den Himalaya genannten Teil oder sog. "Grossen Schneeberg Tise", welcher deshalb als einer von acht "Erdwandler-Orten" gilt. Aus der Unterwelt sind vier Nagas (klu) und vier Halbgötter (lha min) aufgetaucht.(...) Gleichzeitig hausten ständig vier Kimmara mi`am ci und vier Phra men ma auf den acht grauenerregenden Leichenstätten, welche drohten die Macht über die drei Welten zu übernehmen.(...)

Eines Tages, nach langer Zeit, erkannte der grosse Lehrer Vajradhara, der im Tusita-Paradies weilte, dass die Zeit gekommen war, um diese bösen Wesen zu bezwingen. Ohne sich aus dem Zustand des grossen Mitleids zu bewegen (...) erhob er sich aus seinem absoluten Erleuchtungskörper (Dharmakaya) zum Wohl aller Wesen und manifestierte sich (...) auf der Spitze des Weltenberges Meru. Dort wurde ihm von den transzendenten Buddha Aksobhaya, (...) dem Cakrasamvara im Mandala der fünf Richtungsbuddhas zugeordnet ist, ein Götterpalast errichtet. Die übrigen Buddhas entsandten als Geschenk aus ihrem Mandala jeweils jene göttlichen Emanationen, die schliesslich das 62-fache Göttermandala des Demchog bildeten." (1)

Die schon erwähnte Lehrsammlung Abhidharma weiss über den Kailash zu berichten, dass er den Menschen in verschiedenen Formen erscheine, so den Bodhisattvas als Götterpalast, den Menschen mit spiritueller Erfahrung als Berg mit Bildwerken von Buddhas und anderen Erleuchteten, und letztendlich den ungebildeten Menschen als Fels und Stein.

Milarepa
Milarepa, Ausschnitt aus
einem Thangka

Ab dem 8. Jh. wurde der Kailash zum "Meditationsberg" für tibetische Asketen. Hier sind insbesondere der Dichter-Heilige Jetsüm Milarepa und Padmasambhava (Guru Rinpoche) zu nennen, die sich lange Jahre im Kailash-Gebiet aufhielten und dort meditierten.

Insbesondere die Werke Milarepas liefern wichtiges Material über den heiligen Berg. Seine Lebensgeschichte und die "Hunderttausend Gesänge", " Mila Gurbun", sind Höhepunkte der tibetischen Literatur sowie des spirituellen Denkens und stellen eine wesentliche Inspiration für Praktizierende dar. Milarepa, einer der grössten Mystiker der Menschheit, praktizierte einen Lebensstiel der absoluten yogischen Askese. Nur mit einem Baumwolltuch bekleidet und barfuss lebte er in Höhlen der Kailash- Himalaya-Region und erwarb erstaunliche Fähigkeiten.

Durch das "Innere Hitze"-Mantra (tumo, gtum mo), war es ihm möglich, im Klima des Hochgebirges, dem Cakrasamvara-Tantra entsprechend, im Zustand der "höchsten Wonne" leben zu dürfen.

Milarepa ist auch der Protagonist der wohl bekanntesten Heiligenlegende um den Kailash, in dem er gegen den Bön-Priester Naro Bönchung antritt und den Kailash für den Buddhismus in Anspruch nehmen will. (" Auf Tise, diesem König der Berge von Jambudvipa, habe ich, der tibetische Baumwoll-Yogi, mit dem Dharma den Bön-Po besiegt und die Praxis-Linie des Buddha zum Tag gemacht! " Milarepa)

Milarepas Guru Marpa entlässt ihn nach Abschluss seiner Ausbildung mit der Aufforderung zum Kailash zu gehen und dort zu meditieren. ("Um die Anweisung des Marpa Lho Brag zu erfüllen, komme ich, der berühmte Milarepa, zum Schneeberg Tise zur Meditation" Milarepa.)

Marpa
Marpa, Milarepas Guru

Dort begegnet ihm der Bön-Priester Naro Bönchung (Naro bon chun), der ihn durch Schmähungen zu einem Wettkampf herausfordert. Nun entwickelt sich ein Wettkampf bei dem Wunder auf Wunder folgt; so trug er beispielsweise den Manasarovar-See auf nur einer Fingerspitze. Der Bön-Po musste letztendlich seine Niederlage eingestehen und Milarepa wies ihm einen anderen Berg zu: den Gurla Mandhata (an anderer Stelle den Bönri). Die Spuren dieses Wettstreits lassen sich heute noch in Form einer Vielzahl heiliger Orte am Kailash im Rahmen der Kora aufsuchen.

Durch Milarepa geriet der Berg unter den Einfluss der Kagyüpa -Schule , "Ka" bedeutet Wort , "gyü" Überlieferung und meint die direkte Unterweisung vom Guru auf den Schüler. Sie gründeten am Kailash und Manasarowar-See Klöster und das Gebiet entwickelte sich zu einem Zentrum der Meditation und Spiritualität.

Milarepas Nachfolger Gampopa , sandte Meditations-Schüler zum Kailash und anderen heiligen Bergen wie den Lapchi Kang und Takpa Shelri (Tsari) , die die Berge für die Kayüpa-Schule öffneten und dort weitere Zweige der Kayüpa-Schule gründeten. Für den Drugpa Kagyüpa-Zweig ist der Kailash von grosser spiritueller Bedeutung. Insbesondere das Gyangtha-Kloster im westlich vom Kailash gelegenen Darlun-Tal entwickelte sich zu einem Zentrum, das von vielen Pilgern zur Unterweisung aufgesucht wurde.

Gampopa
Gampopa

Viele Yogis folgten diesen spirituellen Meistern, gaben sich am Kailash der Versenkung hin und verstärkten das Kraftfeld Kailash mit ihrer Erleuchtung. Durch das segensreiche Wirken dieser Heiligen wurde der Kailash zum wohl wertvollsten Pilgerort Tibets, vielleicht sogar der Welt.

(1) Loseries, Andrea, Kailasa, in: Die heiligsten Berge der Welt, Verlag f. Sammler

Übersicht

Einführung
Der Kailash als Zentrum eines "natürlichen" Mandalas
Der Kailash als Weltenberg Meru
"Der kostbare See" - Der Manasarowar-See
Der "hinduistische" Kailash
Der Kailash und die Jain-Religion
Der Kailash und der tibetische Buddhismus
Tise - der heilige Berg des Bön
Die Kora

Quelle: Internet; Lama Anagarika Govinda, Der Weg der weissen Wolken, Knaur; Jonson, R. / Moran, K., Der heilige Berg Kailash, Bruckmann; Die heiligen Berge der Welt, Verlag für Sammler; Gruschke, A., Die heiligen Stätten der Tibeter, Diderichs; Bätz, F., Berg der Götter, Weishaupt; Lexikon des Buddhismus, Herder; Gratzl, K, .Mythos Berg, Hollinek

OM MANI PADME HUM
OM! Juwel im Herzen des Lotus!HUM!

© emmet 11-2002