Genius Loci
Der Geist des Ortes
 
 

OBEN
Heilige Berge
Tise - Kailash

Tise - KailashA
Tise - der heilige Berg des Bön

Die Anhänger der Bön-Religion, der eigentlichen angestammten und ursprünglichen Religion Tibets, sind ebenfalls eng mit dem Kailash verbunden. Für sie war der Berg schon heilig, bevor der Buddhismus im 7. Jahrhundert den Bön-Glauben verdrängte. Die Bön-Religion hat sich aber trotz massiver Beeinflussung des Buddhismus, bis in die heutige Zeit erhalten können und findet mittlerweile auch im Westen grösseres Interesse.

Um "konkurrenzfähig" zu bleiben, beeinflussten sich im Laufe ihrer Geschichte in Tibet beide Religionen gegenseitig; das Resultat ist der Lamaismus, eine spezielle tibetische Form des Buddhismus.

In der Frühzeit des Bön, jener schamanistischen Phase, die man inhaltlich durchaus mit dem tibetischen Volksglauben gleichsetzen kann, hatte jede Landschaft einen Hauptgott oder Bergahnen, der auf besonderen Bergen residierte. Auch der Kailash wird in dieser frühen Zeit als "Tise - Seelenberg des weissen Schnees" verehrt.

In alten Texten werden insbesondere drei Gottheiten auf dem Tise erwähnt: Der als Lokalgott verehrte Kriegsführer Ti se (Tise Lhatsen), der dem Berg auch wohl seinen Namen gab, wird mit der Tönpa Shenrab-Mythologie Zusammenhang gebracht. Ti se gehörte, so ein anderer Text, zu den Tsen genannten himmlischen Wesen auf dem Kailash, die von Padmasambhava unterworfen wurden. Ein anderer lokaler Berggott, Ge kohd, wurde ebenfalls in dieser frühen Phase des Bön hier verehrt, desweiteren die im tibetischen Volksglauben noch immer verehrte "Göttin des Himmelsraumes", gNam phi gun rgal.

Tise mit Stupa
Tise mit Stupa

Mit dieser Göttin stehen auch frühe Schöpfungsmythen des Bön in Zusammenhang. In der alten tibetischen Schrift, Ti se` i dkar chang, heisst es, dass der Weltinhalt aus einem weissen

(Wohltätiger Vater, Herr des Seins) und einem schwarzen Ei (dämonische, böse Kräfte) geschaffen wurden.

Mit dieser Göttin stehen auch frühe Schöpfungsmythen des Bön in Zusammenhang. In der alten tibetischen Schrift, Ti se` i dkar chang, heisst es, dass der Weltinhalt aus einem weissen (Wohltätiger Vater, Herr des Seins) und einem schwarzen Ei (dämonische, böse Kräfte) geschaffen wurden. Aus dieser Paarung entstanden neben der erstgeborenen Schwester "Göttin des Himmelsraumes", die ja ihren Platz auf dem Tise hat, weitere siebzehn Geschwister.

Diese Vorstellungen wurden in der zweiten Phase des Bön "... aber zugunsten eines von Anfang an bestehenden Prinzips, das als Leerheit bezeichnet wird (ye nyid ston pa oder bon nyid), überwunden: aus der Leerheit soll sich dann ein göttlicher Emanationsprozeß (sprul) befreit haben (sgrol), der sich als Lichterscheinung manifestierte. Diese soll entsprechend der lokalen, also urtümlichen kosmogonischen Vorstellungen - dem Schnee des Tise-Berges und den Gewässern des Ma pham Sees entströmt sein. Aus dem Licht entwickelten sich die fünf Elemente, die sich im kosmischen Ei verdinglichten (brdol). Aus dem Ei entstand ('byun ba) der Erscheinungskörper (sprulpa) des dbal chen ge khod und seinem Gefolge von insgesamt 360 Göttern. Schließlich erschien als magische Manifestation (rdsu'phrul ) des Ge khöd der "weiße Yak der Existenz" (srid kyi g. yag dkar po), der letztendlich in das Land Zhang Zhung, das Land des Bon herabstieg (byong): er stieg vom Himmel auf das Gebirge herab, riß mit seinem Gehörn das Gebirge zur Rechten und zur Linken auf. Die Erde bedeckte sich somit mit Blumen und damit war die Schöpfung vollendet", so Andrea Loseris (1).

In den alten Schöpfungsmythen des frühen Bön wurde der Tise als eine "Himmelsleiter" gesehen, ähnlich dem "Himmels-Strick", an den Tönpa Shenrab auf die Erde in das Land Zhang Zhung (Shangshung, Zan Zun) auf den Tise hinabstieg. Dieses geheimnisvolle Land Zhang Zhung ist die Geburtsstätte der zweiten, durch Tönpa Shenrab Miwoche eingeleitete Phase des Bön, des Yungdrung-Bön oder Svastika-Böns.

Tönpa Shenrab Miwoche
Tönpa Shenrab Miwoche

Die Wissenschaft ist sich im wesentlichen darüber einig, dass dieses Königreich ein kulturell sehr hoch entwickeltes Land war, in dem die Philosophie des Vajaryana (Diamantfahrzeug)-Buddhismus schon weitaus früher praktiziert wurde, also schon bevor der am Mönchtum orientierte Buddhismus über Indien Zentraltibet erreichte. Ähnlich dem Buddhismus den Bön-Gottheiten gegenüber, vereinnahmte auch in dieser Phase der Bön die lokalen Gottheiten und transformierte sie zu "Schützern der Bön-Lehre" bzw. eigenen Meditationsgottheiten. So erreichten auch die drei ursprünglichen, am Tise beheimateten Lokalgottheiten einen neuen Stellenwert.

In einer alten tibetischen Schrift (Ti se` i dkar chang) heisst es, Tönpa Shenrab Miwoche sei zum Heile der Lebewesen auf die Erde gekommen. Mittels aus seinem Körper austretender Lichtstrahlen, die bis zur Spitze eines Weidenbaumes strahlten, stieg aus dem Götterpalast

Akanistha nieder. Die Strahlen trafen den Türkisvogel Kuckuck, der sich daraufhin auf das Haupt der schon oben erwähnten "Göttin des Himmelsraumes" setzte, sie dadurch schwängerte und Tönpa Shenrab Rinpoche gebar. Er begab sich zunächst ins Paradies Òd gsal lha, inkarnierte sich als Sohn des dortigen Königs und stieg, begleitet von Erdbeben, Donner und Blitzen, in das Reich Zhang Zhung. Unter der Führung des Ti se kämpften die Götter Zhang Zhungs gegen ihn, aber Tönpa Shenrab siegte und machte sie zu Bewahrern seiner Lehre.

Im Ti se` i dkar chang heisst es weiter, der Tise sei "der Nabel der Welt", der "unter dem Himmelsrund wie ein Schirm mit acht Stäben aufragt, und über der Erde wie ein Lotos mit acht Blüttenblättern". Er und der Manasarovar-See (tibetisch Tso Mapham oder auch Ma spans) seien durch Feuer, Wasser und Wind unzerstörbar und deshalb ewig. Von ihrem Wesen her sind der Kristallberg Kailash und der Mandala-See Manasarowar Orte der Erleuchtung, hier werden alle weiteren Shenrabs die Erleuchtung finden.

(1) Loseries, Andrea, Kailasa, in: Die heiligsten Berge der Welt, Verlag f. Sammler

Übersicht

Einführung
Der Kailash als Zentrum eines "natürlichen" Mandalas
Der Kailash als Weltenberg Meru
"Der kostbare See" - Der Manasarowar-See
Der "hinduistische" Kailash
Der Kailash und die Jain-Religion
Der Kailash und der tibetische Buddhismus
Tise - der heilige Berg des Bön
Die Kora

Quelle: Internet; Lama Anagarika Govinda, Der Weg der weissen Wolken, Knaur; Jonson, R. / Moran, K., Der heilige Berg Kailash, Bruckmann; Die heiligen Berge der Welt, Verlag für Sammler; Gruschke, A., Die heiligen Stätten der Tibeter, Diderichs; Bätz, F., Berg der Götter, Weishaupt; Lexikon des Buddhismus, Herder; Gratzl, K, .Mythos Berg, Hollinek

OM MANI PADME HUM
OM! Juwel im Herzen des Lotus!HUM!

© emmet 4-2008

 

 

 

Counter by WebHits Counter