 Der Geist des Ortes
| | |  OBEN | |  | itten im weiten Massailand, in der trockenen Savanne Nord-Tansanias, erhebt sich wie eine Kathedrale der Vulkan Ol Doinyo Lengai. Der Ol Doinyo Lengai ist ein heiliger Berg und bestimmt das Leben der Menschen in seinem Einflussbereich schon seit alters her. | | Das sind insbesondere die Massai, ein in Südkenia und Nord-Tansania no-madisierendes Hirtenvolk. Sie stellen auf dem afrikanischen Kontinent durch Gestalt, Religion und Anschauung eine Ausnahme da; Merkmale anderer Kulturen, abgesehen von den obligatorischen westlichen Einflüssen, denen sich ia keine Kultur mehr entziehen kann, sind nicht zu finden. | | Dieser ungewöhnliche Vulkan mit einer Höhe von 2950 m, produziert eine einzigartige, "kalte", an Karbonaten und Natrium reiche Lava mit geringer Viskosität. Im Gegensatz zur normalen, zähflüssigen Lava mit einer Temperatur von ca. 1000°C, hat die des Ol Doinyo Lengai nur ca. 590°C. In der Dunkelheit glüht sie in einem matten rot bis orange. Diese Lava bleicht schnell mit Luftkontakt aus und ähnelt dann Schnee. So wird das Erscheinungsbild des Berges, insbesondere im oberen Bereich, von dieser hellen Masse geprägt. |  Blick in den aktiven Bereich des Kraters | Der Gipfelbereich des Berges besteht aus zwei gegensätzlichen Kratern. Während der eine durch Pflanzenbewuchs fast grün ist, gleicht der ande-re eher einer Mond-landschaft, in der es raucht, brodelt und zischt. | | Am Fuße des Ol Doinyo Lengai befindet sich der Lake Natron, der "Glutkessel Ostafrikas". Selten sinkt hier das Thermometer unter vierzig Grad Celsius. Sodahaltiges Mineral wird mit dem Regen in den See gespült, nur Flamingos, die zweimal im Jahr zum Brüten kommen, scheinen sich hier wohl zu fühlen. Das Seewasser ist für Mensch und Tier ungenießbar, aber die Quellen des Berges sind nicht weit. Sie liefern das einzige Trinkwasser in der glühend heißen Steppe und sichern somit das Überleben der Massai. | Für die Massai ist der Ol Doinyo Lengai ein heiliger Berg. Er ist Sitz und Wohnung von "Engai", des einen und einzigen Gottes", der sich als guter schwarzer und als strafender roter Gott manifestiert. Der schwarze, gute Gott steht für Regen, lässt das Gras wachsen (Fruchtbarkeit), der Rote Gott steht für Blitz und Tod (Zerstörung). Engai hat kein Geschlecht, ist ein absolut körperlos. Eine bildliche oder figürliche Darstellung Engais gibt es nicht, eine Sünde würde nach ihrem Glauben der begehen, der es versuchen würde; über ein Aussehen wird auch nicht nachgedacht. | | Dieser Gott gab ihnen ihre Lebens-grundlage, die Rinder. Sie wurden vor langer Zeit an den Wurzeln eines wilden Feigen-baumes, von ihm auf die Erde herabgelassen. Es liegt nahe, dass der Feigenbaum ebenfalls verehrt wird und jeder Massai, der an einem Feigenbaum vorbeigeht, legt etwas heiliges Gras unter den Baum. Für die Massai ist auch die Savanne und damit insbesondere das Gras, als Lebensgrundlage für die Rinder, die Schöpfung ihres Gottes Engai und damit heilig. |  Massai in festlicher Bemalung | | Bei Dürren, Krankheit und kriegerischen Auseinandersetzungen mit Nachbarstämmen opfern die Massai am Fuße des mystischen Berges Lämmer und Ziegen und hoffen, Engais Zorn zu besänftigen. | | In Tänzen, Gesängen und Zeremonien preisen sie ihren Berggott, der ihnen, wenn er gnädig gestimmt ist, sintflutartigen Regen beschert. Er beschützt Menschen und Vieh - und nur er ist ewig, alles andere ist sterblich. Die Massai übrigens besteigen den Berg selbst nicht, tolerieren aber, wenn andere es tun. 2.000 Höhenmeter müssen bewältigt werden, bis der Vulkankegel erreicht ist. | | Dieser Monotheismus der Massai ist im Kontext der in Afrika fast gänzlich animistisch geprägten Religionen, äusserst ungewöhnlich. In diesem Zusammenhang gibt es Theorien, die auf eine mögliche Einwanderung der Massai aus dem semitischen Kulturkreis hinweisen, da eine ganze Reihe Parallelitäten mit dem Monotheismus des alten Israel auszumachen sind. Auch hinsichtlich ihres Herkommens, Aussehens und ihrer Weltanschauung besteht noch eindeutiger Forschungsbedarf. |  | Der Ol Dainyo Lengai ist auch noch für ein weiteres Volk heilig; auf der dem Massailand abgewandten Seite des Berges, leben die Sonjo, ein im Gegensatz zu den Massai ackerbautreibendes und damit sesshaftes Volk. In ihrem Bantudialekt nennen sie den Berg Mongongo yo Mugwe, "Berg Gottes". Auf dem Gipfel lebt die Sonnengottheit Khambegen, die für das Wohl der Sonjo sorgt. Sie glauben im Gegensatz zu den Massai an ein Weltenende, das dann eintritt, wenn der Berg explodiert. |
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