 Der Geist des Ortes
| | |  OBEN | |  | twa 30 Kilometer nordwestlich von Barcelona, erhebt sich aus der katalanischen Hügelebene der 1200 m hohe Gebirgsstock des Montserrat. Dieser Berg ruft schon beim ersten Anblick Überraschung hervor, denn schon von weitem fällt die eigenartige, ja bizarre Form des Gebirges auf, | | dessen Silhouette den Zähnen einer mächtigen Säge nicht unähnlich ist. Daher mag auch sein Name rühren, denn das katalanische Wort Montserrat bedeutet soviel wie "gesägter, zersägter Berg". Der Montserrat ist natürlich nicht infolge seiner Form ein sakraler Berg und Wallfahrtsort, sondern wegen seiner sehr alten Einsiedeleien und dem Benediktiner-Kloster gleichen Namens mit der berühmten Schwarzen Madonna .
| | Der etwa 10 km lange und 5 km breite, nach allen Seiten steil abfallende Gebirgsstock mit seiner höchsten Erhebung, dem 1235 m hohen "Pic de Sant Jeroni", bildet fast den geographischen Mittelpunkt Kataloniens. Von Südosten her durchschneidet den Berg ein "Vall Malalt" ("böses Tal") genannter, gewaltiger Spalt, an dessen Anfang auf einem Felsvorsprung in einer Höhe von 725 m über dem Meeresspiegel das Kloster Montserrat liegt .
| | Legenden | | Senkrecht aus der Ebene aufsteigend, war der eigentümlich geformte heilige Berg schon seit frühesten Zeiten ein Ort, der die Phantasie der Menschen beflügelte. Dies drückt sich einerseits in der Vielzahl der volkstümlichen Namen wie "der Elefan- |  Der aus der katalanischen Ebene steigende Montserrat | rüssel", "der Katzen-kopf", "die Kapuze", "die Glocke" oder "das Stühlchen" aus, die man den einzelnen Felsgebil-den gegebenen hat und andererseits in den Legenden und Sagen, die um die Entstehung des Ber- | | es ranken. So berichtete der GLOBUS, eine populärwissenschaftliche Zeitschrift aus dem 19 . Jahrh., in seiner Ausgabe vom Oktober 1869: " Die Sage geht, am Tage, da der Erlöser jene letzten Worte von dem Kreuz herab gesprochen, in jener Stunde seines Todes sei der Berg geborsten und gerissen, und er bleibe so bis zum Tage des Gerichts."(1) | | Einer weiteren Sage nach soll der Gebirgsstock einstmals so steil gewesen sein, dass er nicht zu ersteigen war. Engel hätten dann mit einer Säge den Berg angeschnitten um einen Palast zu bauen, der das katalanische Land erleuchten soll. Dieses Motiv wurde von dem katalanischen Dichter Jacint Verdaguer, einem der grossen Epiker der neueren Literaturgeschichte, aufgegriffen und in seiner "Ode an die Jungfrau" literarisch verarbeite. | | 
| | Geologie | | Für die Geologen stellt sich die Entstehung solcher aussergewöhnlichen Formen natürlich wissenschaftlich dar. Entstanden ist der Gebirgsstock aus zwei verschiedenen Gesteinsschichten: einem Sockel aus eozänen Konglomerat- und | | Sandsteinschichten (ca. 60 Mio. Jahre alt) und darüber einem 550 m starken Block aus oligozänem Sedimentgestein (ca. 30 Mio. Jahre alt), der sich aus Schottern zusammensetzt, die durch eine Art "Naturzement" zusammengehalten werden. Im Laufe der Jahrtausende formten dann Wind, Regen, Schnee, Hitze, Kälte und Nebel jene Formen, die die Phantasie des Betrachters auch heute noch immer nachhaltig anregen. |  Luftaufnahme des Montserrat | | Geschichte | | Der Montserrat hat offenbar schon sehr früh eine religiöse Bedeutung erhalten. Belegt ist, dass schon in vorchristlicher Zeit hier ein Venustempel gestanden haben muss, der , so berichtet die Legende,durch den Erzengel Michael zerstört wurde. An Stelle des Venustempels, so eine andere Legende, wurde dann 880 zu Ehren eines wunderbringenden Marienbildes ein Kloster gegründet, welches erstmalig, und das ist Fakt, im Jahre 888 in einer Urkunde erwähnt wurde. Einsiedlermönche, Benediktiner, sollen schon um das 8. /9. Jahrh. auf dem Montserrat in Einsiedeleien gelebt haben. Aus dem 10. Jahrh. sind uns bereits die Namen von vier Einsiedeleien belegt, von denen eine, Santa Maria, der Jungfrau Maria geweiht war. Oliba, Abt von Ripoll und Bischof von Vic, eine der wichtigsten Persönlichkeiten der mittelalterlichen Kirchengeschichte Katalaniens, erweiterte dann 1025 die neben der Santa Maria Einsidelei bestehenden Bauten und gründete so das Kloster Montserrat. | | Durch die Wundertaten, die der im 12./13. Jahrh. aufgefundenen Schwarzen Madonna zugeschrieben wurden, wuchs das Kloster schnell an. Der Legende nach, war diese Madonna in einer Höhle mit Namen "Grotte der Jungfrau" im Montserrat eingeschlossen, und wurde durch ein Lichtwunder von einem Mönch offenbart. Eine andere Legende berichtet, sie sei ein Werk des heiligen Lukas, der durch den heiligen Petrus nach Spanien kam. Die aus dem Holz eines Olivenbaums geschnitzte |  Seitliche Sicht der Madonna | Madonna zeigt eine sitzende Maria auf einem Thron mit einem Jesuskind im Arm. We-gen ihrer dunklen Farbe erhielt die Madonna den Beinamen Moreneta, "die kleine Schwarze". |  Detail der Madonna | | Durch ihre Wundertaten verbreitete sich der Ruhm der Moreneta insbesondere im spanischen Herrschaftsgebiet sehr schnell, wie wenig später entstandene Handschriften belegen. Das war nicht zuletzt auf den Pilgerweg nach Santiago de Compostela zurückzuführen, der zu dieser Zeit schon sehr gut begangen war. Der kastilische König Alfons der Weise verherrlicht in | | sechs seiner Cantigas (1221) die auf dem Montserrat geschehenen Wunder. | | Im 16. Jahrh., zum Höhepunkt des spanischen Reiches, war es der Montserrat- Einsiedler Bernat Boïl, der den Ruhm der Morenta bis nach Amerika tragen sollte. Er begleitete Kolumbus auf seiner zweiten Reise 1493, in das kurz zuvor entdeckte Amerika, er soll es gewesen sein, der der heute zu den britischen Kronkolonien gehörenden Antillen-Insel ihren Namen Montserrat gegeben hat. Aus dieser Beziehung entstand eine enge Verbindung zur Neuen Welt: so waren die ersten Kirchen die in Peru und Mexiko errichtet wurden, der Madonna geweiht und zahlreiche Klöster in Brasilien tragen ihren Namen. |  | | Dass ihrem Ruf in dieser Zeit nicht nur einfache Pilger folgten, beweist eine lange Liste illusterer Namen von Herrschern und Königen (Fernando und Isabella, Carlos I., Felipe II., Ludwig XIV.), Päpsten (Benedikt XIII.), späteren Heiligen ( Vinzenz Ferrer, Joseph von Calasanz ) und anderen Persönlichkeiten (Kolumbus, Cervantes, Wilhelm von Humboldt ). Auch Ignatius von Loyola (1491 bis 1556), der als Ritter nach Montserrat kam, weilte 1522 im Kloster um dort in strenger Askese Klarheit über sich und sein weiteres Leben zu gewinnen. Am Ende legte er | | vor dem Gnadenbild seine Waffen ab, ging hinaus verschenkte seine Kleider, hüllte sich in Lumpen, nahm einen Wanderstock und zog weiter. |  Ignatius von Loyola legt seine Waffen ab | | Um der nicht abreissenden Flut der Pilger gerecht zu werden, wurde der bestehende Kloster-Komplex im 16. Jahrh. durch diverse Nebengebäude und eine Pilgerherberge erweitert, die kleine romanische Kirche musste zugunsten einer grösseren spätgotischen, die mit der heutigen Basilika weitgehend übereinstimmt, weichen. Zur Zeit der napoleonischen Invasion und der folgenden Befreiungskriege Anfang des 19. Jahrhunderts wurde das Kloster 1811 von napoleonischen Truppen fast vollständig zerstört, und die unglaublichen Reichtümer des Klosters gingen verloren. Um das Gnadenbild vor der plündernden Soldateska zu schützen, wurde es in einem Versteck in Sicherheit gebracht. |  | | Neuzeit | | Doch schon ein halbes Jahrh. später erholte sich das Kloster von diesem schweren Rückschlag und wurde zum geistig-religiösen Zentrum des Landes. Gegenüber der faschistischen Obrigkeit während der Franco-Diktatur, nahmen die | | Mönche eine ausgesprochen kritische und mutige Haltung ein: unter dem Abt Escarré war es ein Zentrum des katalonischen Wider-standes, der "Renaixença", zwischen 1960 und 1970 schützte es mehr als 300 Intellektuelle und Verfolgte des Franco-Regimes, 23 Montserrat-Mönche wurden in den 1930er Jahren hingerichtet, der Abt floh ins Exil nach Rom. |  Abt Escarré |  | | Nicht zuletzt hat der Montserrat mit der Zeit auch einen besonderen Symbolwert für geistige Erhebung und Verinnerlichung erhalten, und dies insbesondere durch die deutsche Romantik. Als Friedrich Schiller die Schilderung las, die Wilhelm von Humboldt von seinem Besuch auf dem Montserrat gab, rief er aus, Montserrat | | sauge den Menschen von der äusseren Welt weg in die innere Welt hinein und von Goethe stammt der Ausspruch: "Der Mensch wird nirgendwo seine Ruhe finden, außer im eigenen Montserrat." Beide spielten in ihren Werken auf den Heiligen Berg an, und das Haus, in dem Beethoven in Wien starb, war ehedem im Besitz des Klosters. Unbelegt ist dagegen die Theorie, inwieweit sich Richard Wagner für seinen Parsifal von Montserrat inspirieren liess.
| | Andere Namen: Mons Servatus, Edilius. Mons Medulius
(1) Globus, Illustr. Zeitschrift für Länder- u. Völkerkunde, Bd. 16, Nr. 11,Oktober 1869 |
Quelle: Internet; Gratzl, K, .Mythos Berg, Hollinek |
 |  | |
© emmet 4-2008
| |