Genius Loci
Der Geist des Ortes
 
 

OBEN
Heilige Berge

Parnass

Parnass

"Dort erhebt sich ein Berg zu den Sternen mit doppelten Scheitel, namens Parnass, und über die Wolken ragen die Gipfel. Dies ist das Land, wo Deukalion fährt mit seiner Gemahlin, und hier strandet sein Schiff - das Meer überdeckte sonst alles. An die corycischen Nymphen sowie an die Götter des Berges wandten sie sich im Gebet . . ."
Ovid, Metamorphosen I. 313-321



ut sichtbar erhebt sich aus der mittelgriechischen Landschaft Phokis das Gebirsmassiv des Parnass (Parnassos). Augenfällig teilt sich dieser gewaltige Gebirgsstock in den Hochparnass mit seinem Hauptgipfel Liakoúra ( der 'äußerst Ermüdende, Anstrengende' = lían; kourázo, kou-

rasménos) von 2459 m und den westlich gelegenen Niederparnass mit dem Gióna-Massiv.

Der Niederparnass ist eine verkarstete Hochfläche mit Bergseen und Tropfsteinhöhlen, von denen die Korysche Grotte als antiker Kultplatz die bekannteste ist. Der höchste Gipfel ist mit 1700 m der Gerolékas.

Der Hochparnass wird von einem Hochplateau gebildet, an dessen Rändern sich die höchsten Gipfel mit einer mittleren Höhe von 2000 - 2400 m befinden. Dieser Teil des Parnass ist Wetterscheide, aufziehende Stauwolken entlassen hier ihre nasse Fracht, der Winter ist sehr schneereich.

Der Parnass ist aber nicht einfach nur ein Berg oder Gebirgsmassiv, er steht ebenso für das Zusammenspiel zwischen Natur, Kultur und Mythos. Parnass ist Delphi, Korykische Grotte, Wohnsitz des Apollon und Dionysos, Reigenplatz der Musen. Er ist wegen seiner geographischen Lage und landschaftlichen Besonderheiten schon seit frühesten Zeiten mythenbildend gewesen.

Zeus selbst, so berichtet eine frühe Legende, habe einst zwei Adler fliegen lassen, den einen von Osten nach Westen, den anderen in die entgegengesetzte Richtung. Beide hätten sich am Fusse des Parnass, genau an der Stelle von Delphi niedergelassen.

Delphi
Delphi

In dem Mythos von Deukalion und Pyrrha, war der Parnass sogar durch die Entstehung eines neuen Menschen-geschlechts, die Wiege der Menschheit. "Dort erhob sich ein Berg zu den Sternen mit doppelten Scheitel, namens Parnass, und über die Wolken ragen die Gipfel. Dies ist das Land, wo Deukalion fährt mit seiner Gemahlin, und hier strandet sein Schiff - das Meer überdeckte sonst alles. An die corycischen Nymphen sowie an die Götter des Berges wandten sich im Gebet ..." (Ovid, Metamor-

phosen). Hier schufen sie auf Weisung des Zeus neue Menschen, indem sie Steine hinter sich warfen. Die geworfenen Steine des Deukalion ergaben Männer, aus denen der Pyrrha entstanden Frauen.

DELPHI und APOLLON

Die Besiedlung des am Süd-Fuss des Parnass gelegenen uralten Kultortes Delphi reicht bis weit in die Mitte des 2. vorchristlichen Jahrhunderts zurück. Ursprünglich wurde hier die Erdmutter Gaia verehrt. Ein bekannter Mythos berichtet, dass der Lichtgott Apollon den zur Gaia gehörenden Drachen Python tötete, der ihr Heiligtum bewachte und es in Besitz nahm.
Apollon Pythios - der Drachentöter.

An dieser Stelle entstanden dann die Säulen und Tempel Delphis. "Gnôthi seautón!" - "Erkenne dich selbst". Diese Worte sollen einst auf dem Eingangstor zur Tempelstätte gestanden haben, Mahnung an die Menschen, sich der Grenzen ihres Seins bewusst zu bleiben. Hier sass die Orakelpriesterin Pythia, umnebelt von aus einem Erdspalt aufsteigenden Dämpfen, die berühmteste Seherin der klassischen Antike, in Trance auf ihrem Dreifuss und beeinflusste Jahrhunderte lang durch ihre

Sprüche die Weltgeschichte. Der Name der Pythia leitet sich von dem von Apollon be-siegten Drachen der Gaia ab. Der Ort der weis-sagenden Pythia war der Apollontempel Delphis. Ursprünglich ein Holzbau, brannte er 548 v. Chr. nieder und wurde durch einen Neubau ersetzt, der 373 v. Chr. durch ein Erdbeben zerstört wurde. Wideraufgebaut stand der Tempel bis in die römische Zeit.

Pythia
Befragung der Pythia, Vasenbild um 480 v. Chr

Im Apollontempel fand man einen Omphalos mit der Aufschrift "GAS" (Erde), der Gaia geweiht, - ein Kultmal, das in einfacher Form, ohne ein Götterbild zu sein, die Anwesenheit einer Gottheit anzeigt. Die alten Griechen besaßen Steine mit abgerundeter Spitze, so genannte Omphaloi, in ihren Tempeln, die solche Plätze als Weltnabel kennzeichneten. Der Omphalos war also, wie jedes Kultmal, zugleich Zen-

trum des Temenos (tšmenoj, fanum) und damit axis mundi, die rituelle Mitte der Welt, die Götter und Menschen verbindet. Jeder Mittelpunkt eines Kultortes ist in diesem Sinn das Zentrum des Kosmos. Dieser "Nabel von Delphi" befindet sich heute im Museum und ist eine römische Nachbildung.

DIONYSOS

Doch der Parnass gehörte nicht nur dem Lichtgott Apollon und seinem Kult allein. Er teilte ihn mit seinem Widerpart und Widersacher, dem Gott der einfachen Leute und Bauern, dem Gott des Weines und des Rausches, Dionysos. "Und siehe", sagte Nietzsche in der 'Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik', "Apollon konnte nicht ohne Dionysos leben".

Dionysos war im erlesenen Kreis des griechischen Götterpanteons anfangs nur eine Randfigur, gewann aber zunehmend an Bedeutung und hat seit ca. dem 6. Jahrhundert v. Chr. seinen Platz neben Apollon. Insbesondere in den Wintermonaten, während Apollon bei den Hyperboreern im Norden weilte, übernahm Dionysos alljährlich das Zepter, den Sommer verbrachte er auf dem heiligen Berg.

Dionysos
Kopf einer Statue des jungen Dionysos
(1. Jhdt. n. Chr., Getty Museum, Los Angeles)

Im Parnass-Massiv, ca. zweieinhalb Gehstunden von Delphi, liegt, 1360 m hoch , die 70 m lange Korykische Grotte, die dem Gott Pan, den Nymphen und den Thyiaden geweiht war. Die Thyiaden waren mit Tierfellen bekleidete Frauen aus Attika, Delphi und Böotien, die jedes zweite Jahr rauschhafte Feste zu Ehren des Dionysos feierten. Man nannte sie auch Mänaden, die Rasenden, gleichsam von der Manía des Gottes mitgerissen, der sein Gefolge von Satyrn, Pan und den Mänaden durch den schrillen Ton des Aulos, der Doppelflöte, und das rhythmische Schlagen der Trommel und Tamburine zur Ekstase bringt.

"Häufig verfolgte der unstete Bacchus die Schar der Thyaden , die den Parnass unter Jubel mit wehendem Haar überquerte, wenn aus der ganzen Stadt Delphi die Leute wie wild die Tore stürmten, um fröhlich im Rauch der Altäre den Gott zu empfangen" , so berichtet der römische Dichter Catull in seiner "Carmen" über die rauschenden Feste des Dionysos.



MUSEN

Auch die Musen fanden, unter Apollons Führung, am Parnass eine neue Heimat, nachdem sie ihren alten Wohnsitz, den 1748 m hohen Helikon in Böotien verlassen hatten. In Delphi entspringt die den Musen heilige Quelle Kastalia. Apollon stellte der Nymphe Kastalia nach, die sich in einen Brunnen verwandelte.
Apollon Musagetes - der Musenführer

"Die Musen, Töchter des Zeus und der Mnemosyme, der "Erinnerung", jene göttlich gedachten Kräfte, die Geschehenes nicht durch den Raster des Vergessens fallen lassen, sind als Sprachrohr der Gottheit empfunden. Sie verkünden die Wahrheit den epischen Sängern der dunklen Jahrhunderte, als deren letzte die homerischen Aoiden der Ilias und Odyssee im 8. Jahrhundert v. Chr. ans Licht der europäischen Weltliteratur treten", so Gerhard Petersmann in "Der Parnass/ Die heiligen Berge der Welt" (1).

Musen
Musen am Parnass, Andrea Mantegna 1497



APOLLON UND DAPHNE

Aber kommen wir noch einmal über die Musen zu Apollon zurück: Durch einen Lorbeerzweig geschieht die Dichterweihe bei den Musen, ein Lorbeerkranz war der höchste Preis bei den zu Apollons Ehren veranstalteten musischen Wettkämpfen ... der Lorbeer, griechisch daphne, ist der heilige Baum Apollons ... Apollon hat Daphne geliebt ... und Daphne, von Apollon bedrängt, verwandelte sich in einen Lorbeerbaum ... und der Lorbeer ist der heilige Baum Apollons, Delphis und somit auch des Parnass.


" Spätere Jahrhunderte"
, so Gerhard Petersmann (1)," haben nicht mehr gefragt, wo diese Verwandlung geschehen ist. Sie haben sie mit Delphi und damit dem Parnass identifiziert. (...) Blicken wir am Ende des 20 Jahrhunderts zurück auf die Basiskultur unseres Kontinentes, die griechisch- römische Antike, so bewahrheitet sich das Wort des grossen Geographen Strabon, der um die Zeitenwende das Wort geprägt hat: ".........heilig ist der Parnass."



Quelle:Internet;(1) Die Heiligsten Berge der Welt, VFS



OM MANI PADME HUM
OM! Juwel im Herzen des Lotus!HUM!

© emmet 4-2008

 

 

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