Genius Loci
Der Geist des Ortes

 
 

OBEN
Heilige Berge
Sanchi Sanchi
A

n den nördlichen Ausläufern des Vindhya-Gebirges im indischen Bundesstaat Madhya Pradesh, erhebt sich inmitten der Dekkhan-Hochebene und in der Nähe der Industriestadt Bhopal, ein kleiner Hügel namens Sanchi.

Auf ihm befindet sich, schon von weitem sichtbar, der älteste und besterhaltenste buddhistische Stupa- Komplex Indiens. Erbaut wurden diese bedeutenden buddhistischen Bauwerke vom 3. König der Maurya-Dynastie Kaiser Ashoka. Zwischen 200 v. Chr. und 600 n. Chr. war Sanchi eines der Hauptzentren der buddhistischen Kultur und des Klosterwesens in Indien.

Nach anfänglich blutigen Feldzügen, änderte Ashoka (268 - 232 v. Chr) seine Ansichten, wurde Buddhist und bemühte sich, dem buddhistischen Dharma zum Sieg zu verhelfen. Zum ersten mal in der Geschichte wurde Indien von einem Herrscher regiert, der seine Politik auf eine hochentwickeltes Sittengesetz gründete. Auf einer Vielzahl an "Felsedikten", Gravuren auf Felswänden und Steinsäulen, rief er seine Untertanen zur Gewaltlosigkeit, Dankbarkeit und Toleranz auf - einige dieser Säulen standen auch in Sanchi.

Einen wichtigen Beitrag bei der Errichtung der Stupen, leisteten die reichen Kaufleute der Handelsstadt Vidisha, die am der Kreuzung zweier Karawanenstrassen, nicht weit von Sanchi lag. Die Kaufleute Vidishas sponsorten die Klosteranlage, entstammte doch Ashokas Frau, Königin Devi, einer reichen Handelsfamilie aus Vidisha.

Einstmals sollen es tausende grosse und kleine Stupen gewesen sein, die er zu Ehren Buddhas errichtet haben soll - erhalten geblieben sind aber auf dem Klosterberg nur wenige. Ein Stupa ist ein Denkmal für eine Reliquie Buddhas oder eines seiner Nachfolger mit heiligmässigem Lebenswandel, ebenso wird er als Symbol für den erleuchteten Buddha betrachtet; als dreidimen-sionales Mandala ist der Stupa mit dem Weltenberg Meru Abbild des Kosmos. Der

Sanchi
Der Stupa Nr. 1, "Grosse Stupa"

Legende nach stritten sich nach dem Tode Buddhas, acht Fürsten um seine Asche und Gebeine, die nach der Verbrennungszeremonie blieben. Jeder von ihnen wollte ein großen Gebäude zu seinem Gedächtnis bauen. Schließlich einigten sie sich, die sterblichen Überreste untereinander zu teilen und errichteten acht Stupen .

Da in jenen frühen Zeiten viele Bauten aus Holz, Lehm oder Ziegel errichtet wurden, deren Haltbarkeit nicht besonders hoch war, wurden die Ziegelstupen später in Steinbauweise befestigt. Der Übergang von der Holz/Ziegelbauweise zur Steinbauweise ist in den Bildhauerarbeiten der Tore und an dem die Stupen umgebenden Zaun noch deutlich zu sehen.

Der Verfall Sanchis begann im 13. Jahrhundert. Ein Grund mag das Zusammenbrechen der grossen indischen Reiche gewesen sein, die den Handel gefördert hatten und in deren Klasse die meisten Anhänger Buddhas zu finden waren. Die wunderbaren Gebäude verfielen im Laufe der Jahrhunderte, wurden von Bäumen und Sträuchern überwuchert.

Erst Anfang des 19. Jahrhunderts entdeckte der britische General Taylor 1818 die völlig von der Vegetation überwachsenen Monumente. Ein Kaptain Johnson, seinerzeit englischer Gesandter in Bhopal, öffnete 1822 auf der Suche nach Schätzen den grossen Stupa, womit er ein weiteres Zusam-menstürzen des Bauwerks hervorrief;

Sanchi
Sanchi um 1850

einheimische Bauern benutzten Material als Baustoff für ihre Häuser. 1853 wurden bei Ausgrabungsarbeiten Reliquien zweier Schüler Buddhas gefunden. Mt der eigentlichen Restaurierung der noch vorhandenen Bausubstanz begann man 1881, in den Jahren 1912-1919 nahmen diese erheblich an Umfang zu. Weitere Grabungen folgten, 1936 entdeckten die Wissenschaftler der Überreste mehrerer Klosteranlagen.

Beherrscht wird die Anlage durch den "Grossen Stupa". Dieses wohl bedeutendste Bauwerk von Sanchi wurde unter Kaiser Ashoka errichtet, später in der Shunga-Dynastie (2.Jh. v. Chr) nahezu auf das Doppelte erweitert und mit einer Steinkalotte ummauert. Mit einem Durchmesser von 36,60 m und einer Höhe von 16,46 m (ohne den Pilaster mit den drei Schirmen) beeindruckt es auch heute noch jeden Besucher. Ein Steinzaun, Vedika genannt, begrenzt den Raum für die heilige Umwandlung des Stupa im Uhrzeigersinn, als zentralem Ritus. Die vier Eingänge zum Rundgang wurden mit vier prächtigen ca. 10 m hohen Toren oder " Toranas " geschmückt, die im 1. und 2. Jahrh. v. Chr. errichtet wurden. In hunderten von äußerst lebendigen und detaillierten Reliefen, werden Szenen aus dem Leben Buddhas und aus den Jatakas gezeigt, sie geben eine Vorstellung von der hohen Meisterschaft der Steinmetzkunst im alten Indien und vom Leben in jener Zeit.


Rekonstruktion der Anlage

Jedes vollständig von Reliefs bedeckte Tor, variiert dabei ein eigenes Hauptthema: Das Osttor die Geburt Buddhas, das Südtor den Kampf um seine Überreste, das prächtig geschmückte Nordtor die Wunder, die Buddha zugeschrieben werden, sowie am Westtor Darstellungen Buddhas als Baum der Erleuchtung. Betrachtet man den Grundriss des Stupa, sind schnell dessen Mandala-Qualitäten erkennbar - Kreise, Quadrate und die vier Tore. Im Umkreis

des "Grossen Stupa" befinden sich noch weitere Stupen, Reste von Tempeln und mehreren alten Klöstern, ein von Mönchen bewohntes neues Kloster sowie ein kleines Museum. Der Stupa Nr.3 in der Nähe, wurde zu selben Zeit wie der grosse erbaut, ist aber kleiner und schlichter und hat nur ein Portal. Obwohl er künstlerisch nicht so wertvoll ist, ist er doch von grosser religiöser Bedeutung, beherbergt der Stupa doch die Schreine von Shariputtra und Maugdalyayana, zwei bedeutende Schüler Buddhas.

Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang der sogenannte "Stupa 2", ein kleines Bauwerk auf künstlicher Terrasse am Westhang, ca. 320 m unter dem Gipfel des heiligen Berges. Im 2. Jahr. v. Chr. erbaut, finden sich hier auf den senkrechten und waagerechten Zaunbalken, die ältesten Reliefs von Sanchi. Der Reliquienraum liegt hier seltsamerweise nicht im Zentrum und beherbergt Reliquien von mindestens drei Generationen berühmter Lehrer.

Der große Stupa von Sanchi gilt heute quasi als Prototyp einer Stupa - wo immer der Buddhismus Fuss fasste, wurde dieser Bau, von örtlichen Traditionen beeinflußt, zum Vorbild: in Tibet zum Chörten, in Sri Lanka zum Dagobasu und in China und Japan zu den Pagoden.

Wegen seiner relativen Abgeschiedenheit ist der Stupenhügel ein stiller und beschaulicher Ort geblieben und wird heute als Ort der Meditation genutzt und gilt nicht nur den Anhängern des Buddhismus als frühes Symbol für Mitgefühl, Toleranz und Friedfertigkeit.

Shirivasta
 

Quelle: Internet; Gratzl, K., Heilige Berge, Hollinek; Albnese, M., Indien, K. Müller Verlag; Lexikon des Buddhismus, Herder Verlag



OM MANI PADME HUM
OM! Juwel im Herzen des Lotus!HUM!

© emmet 4-2008

 

 

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