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Portraits

Alexandra David-Néel
Alexandra David-Néel

»Eine Sekunde lang fühle ich meine Einsamkeit [...]. Doch gleich darauf werde ich von einem anderen Gefühl erfasst: Samadhi, die Extase«
Alexandra David-Néel

ouise Eugénie Alexandrine Marie David, wie sie mit ihrem Mädchennamen heisst, erblickte am 24. Oktober 1868 in Saint-Mandé bei Paris als ein Kind das Licht der Welt, mit dem niemand mehr gerechnet hatte.

Ihre Mutter Alexandrine, eine inbrünstige, aber gefühlskalte Katholikin war bereits 36 Jahre alt, der kalvinistische Vater Louis 53 Jahre. Ihre Ehe war ein liebloses Nebeneinander, in der sich beide nie näherkamen. So ist es dann auch kein Wunder, dass die kleine Alexandra nur an Flucht denkt: im zarten Alter von nur fünf Jahren gelingt ihr der erste Fluchtversuch: im Bois de Vincennes streift sie den ganzen Nachmittag durch den Park und Unterhält sich mit ihren Freunden, den Blumen und Bäumen. ("Die wahren Freunde sind die Bäume, die Gräser, die Sonnenstrahlen, die Wolken, die in der Dämmerung oder im Morgengrauen am Himmel schweben, das Meer, die Berge.")

1875 zieht die Familie nach Belgien, wo das sehr lebendige und lebhafte Kind seine Kindheits - und Jugendjahre verbringen wird. Die Erziehung in den düsteren Mauern eines strengen Karmelitenklosters machten Alexandra auch nicht glücklicher, aber um so neugieriger auf den Rest der Welt. Bei einem Sommerurlaub in der Nähe von Ostende im Jahre 1883 unternahm sie einen erneuten Fluchtversuch: ". . . im Verlauf mehrerer Tage lief ich zu Fuss die belgische Küste entlang, durch Holland durch, und schiffte mich nach England ein. Ich kehrte erst zurück, als der Inhalt meiner kleinen Geldbörse aufgebraucht war". Nach dem Ende ihrer Schulausbildung verlässt sie 1888 den Kontinent und geht nach London, nicht nur zur Erweiterung ihrer Englischkenntnisse.

Alexandra David-Néel
Französische Briefmarke

Eingenommen von den Räucherstäbchen-Düften eines durchgeistigten Londoner Gnostiker-Zirkels mit Kontakt zu feinstofflichen "Instrukteuren", befasst sie sich eingehend mit Esoterik, liesst die Upanischaden und die Bhagavad-Gita, hört erstmals Begriffe wie "Karma" und "Nirvana". Um besser verstehen zu können, was sie bei den Gnostikern in London nur durch eine Nebelwand kennengelernt hatte, reisst sie nach Paris. Hier studiert sie an der Sorbonne und hat nach einer schweren seelischen Krise 1889 hinter den Mauern des Museum Guimet ihre erste wirkliche Begegnung mit dem Buddha, der die Überwindung des Leidens lehrt, sie begreift, dass sie sich vom Ich befreien muss um göttlich zu werden. Alexanandra hat ihre Berufung gefunden.

Eine Erbschaft versetzt sie in die Lage, ihre erste grosse Reise nach Asien zu unternehmen. 1891 reist sie mit dem Schiff nach Ceylon, später nach Indien, achtzehn Monate später ist die kleine Erbschaft aufgebraucht. Zurück in Frankreich, studiert sie Musik, wird Sängerin, Sopranistin.

In Tunesien begegnet sie bei einem Engagement dem "Ersten und Einzigen" Mann ihres Lebens, Philippe Néel, einem Ingenieur und Lebemann. Die beiden so grundverschiedenen Charaktere heiraten 4.08.1904, Alexandra ist zu diesem Zeitpunkt 36 Jahre Philippe 43. Später bekennt sie: "Eine sonderbare Vermählung, die unsere, wir haben eher aus Bosheit denn aus Zärtlichkeit geheiratet. Ein Wahnwitz, gewiss, doch nun ist es geschehen." (Reisetagebücher) Diese merkwürdige Ehe wird überwiegend auf Papier bestehen - auf mehr als 3000 Briefen in den kommenden 38 Jahren. In dieser Zeit haben sie nur wenige Monate gemeinsam verbracht. Im gleichen Jahr kehrt sie nach Frankreich zurück, ihr geliebter Vater stirbt.

Die Jahre 1905 bis 1911 sind geprägt durch ruheloses Arbeiten. Kongresse, Reisen - Alexandra gönnt sich keine Ruhe. In Brüssel erhält sie einen Lehrstuhl für orientalische Philosophie an dem "Institut des Hautes Etudes", der damaligen "Neuen Universität", hält Vorträge und schreibt Bücher.

Aphur Yongden
Aphur Yongden

Mit einem Forschungsauftrag in der Tasche verabschiedet sich Alexandra am 9.8.1911 von ihrem Mann. Beide können zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen, dass aus einem Abschied von ein "paar Monaten", die sei fortbleiben will, letztendlich 14 Jahre werden - der grosse Aufbruch hat begonnen. Über Ceylon und Indien erreicht sie Sikkim wo sie erstmals in den Zustand tiefster Versenkung - Samadhi - fällt. Hier lernt lernt sie 1914 ihren zukünftigen Begleiter, dem dreißig Jahre jüngeren Tibeter Aphur Yongden kennen, den sie später adoptiert.
In der Abgeschiedenheit eines Himalaya - Klosters in 4000 Meter Höhe verbringt Alexandra die nächsten zwei Jahre bis 1916. Hier wird sie die Schülerin des Meister Gömptschen und bekommt den

Namen "Leuchte der Weisheit". Durch den Tod ihrer Mutter 1918 erbt Alexandra ein beträchtliches Vermögen und wird so von ihrem Mann Philippe finanziell unabhängiger. Weitere Reisen nach Japan, China und Zentralasien folgen.

In Kumbum, einer ausgedehnten buddhistischen Klosterstadt am Rande der Wüste Gobi, in der sie als einzige Frau unter Mönchen lebt, trifft sie erste Vorbereitungen für ihren, wie sie es nennt "Grossen Plan", der Reise ins tibetische Lhasa. Am 5. Februar 1921, " an einem Tag an dem der Himmel blau und die Erde gelb ist ", lässt sie das Kloster zurück und beginnt mit Yongden die Wanderung; eine Wanderung die ursprünglich nur wenige Monate währen sollte, letztendlich aber 3 Jahre dauerte.

Inkognito, das Gesicht mit Ruß verdreckt, die Haare mit Tusche geschwärzt und mit Yongden als Begleiter, geben sie sich als Bettelpilger aus. Krankheit, Kälte, Hunger und Durst zehren an ihren Kräften, auf den Wegen lauern Strassenräuber und Diebe, immer wieder stoppen Grenzposten die Wanderer, die sie zu weiteren Umwegen zwingen.

Aber endlich, am 28 Februar 1924 erreichen Alexandra David-Néel und Yongden Lhasa. ("Wir sind in Lhasa, Sieg den Göttern, die Dämonen sind besiegt"). Nach einem zweimonatigen Aufenthalt verlässt sie enttäuscht die Stadt, der Reiz des Neuen ist vorbei. Noch im gleichen Jahr kehrt sie mit Yongden nach Frankreich, zurück wo sie wie eine Nationalheldin empfangen wird. Als "Frau auf dem Dach der Welt", "Bezwingerin der Verbotenen Stadt" wird sie gefeiert, ihr Konterfei ziert die Titelbilder aller Zeitschriften. Die französische Regierung ernennt sie zum Ritter der Ehrenlegion. Die Geografische Gesellschaft in Paris verleiht ihr die Goldene Medaille, desgleichen die Königlich-Belgische Gesellschaft für Geografie.


Potala, Lhasa

Die folgenden zwei Jahre sind geprägt von Vortragsreisen und dem Schreiben von Büchern. Sie arbeitet unermüdlich, manchmal über sechzehn Stunden am Tag. Langsam, im Alter von 60 Jahren, wird der "Leuchte der Weisheit" klar, dass sie dringend ein Alexandra und Yogden vor dem Potala, Lhasa wirkliches Zuhause braucht. Im Mai 1928 kauft Alexandra in Dinge, Hauptort des Departement Basses-Alpes und Thermalkurort, ein Anwesen mit ausgedehntem Grundstück und zwei Gebäuden, das sie "Samten Dzong" nennt, "Festung der Meditation". Die kommenden Jahre in "Samten Dzong" werden sehr fruchtbar, ausgefüllt mit literarischer Arbeit, unterbrochen von Vorträgen und kurzen Reisen. Hier widmet sie sich der Bearbeitung ihres gesammelten Materials und ihrer Reisebeschreibungen, bis sie ihre Lehrtätigkeit an der Sorbonne wieder aufnimmt.

1937 zieht es sie wieder fort. Mit Yongden besteigt sie in Brüssel die Transsibirische Eisenbahn und reist via Warschau und Moskau nach Peking. Hier gerät sie in die Wirren des chinesischen Bürgerkrieges. "Gefangen" in Ta-tsien-lu, einem ehmaligen tibetischen Marktflecken in der Provinz Si-Kang, verbringt sie die Jahre von 1938 - 1944 und erfährt hier 1941 vom Tod ihres Mannes Philippe Néel.

Sie reist 1945 weiter in "ihr Indien". Auch hier herrscht Krieg: Bürgerkrieg, Unabhängigkeitskrieg. Am 1. Juli 1946 treffen Alexandra und Yongden wieder in Paris ein. Zurückgekehrt nach "Samten Dzong" und mittlerweile um die achtzig Jahre alt, hat sie noch immer viel Kraft und Energie: sie schreibt und übersetzt nahezu ununterbrochen Bücher, korrespondiert mit ungezählten Briefpartnern.

Im Alter von 50 Jahren stirbt 1955 Yongden, ihr geliebter Freund und Gefährte. Der Schmerz über den Verlusst geht sehr tief, sie kann nicht mehr arbeiten, sie ist einsam. Aber das Leben geht weiter. Ein Jahr später, 1956, beginnt sie wieder zu schreiben. Im frühen Sommer diesen Jahres 1959 wendet sich das Schicksal erneut zu ihren Gunsten. In Aix-en-Provence lernt Alexandra Marie-Madleine Peyronnet kennen. Beide fühlen sich zueinander hingezogen ("Ich spüre, dass ich mich mit diesem Mädchen gut verstehen würde"). Im Laufe des kommenden Jahrzehnts wird Marie-Madleine das weibliche Gegenstück zu Yongden: Freundin, Sekretärin, Krankenschwester. Alexandra kann sich nun wieder getrost der Überarbeitung ihrer Schriften zuwenden. Die fast Hundertjährige ist Tag und Nacht an ihren Lehnstuhl gefesselt, unbeweglich im Körper, aber nicht im Geist und lässt noch in diesem hohen Alter ihren Reisepass verlängern.

Am Montag , den 8. September 1969 um 3.15 Uhr in der Frühe, stirbt Alexandra David-Néel.

"Nach einem Jahrhundert vielfältiger, fruchtbarer und unermüdlicher Tätigkeit ist Alexandra David-Néel in den Frieden und die Heiterkeit des Nirwana eingegangen, dessen Geheimnis und Verlockung sie ihr ganzes Leben zu ergründen versucht hat. Die Feuerbestattung findet heute morgen im Kolombarium von Marseille statt."
Méridional; 11. September 1969



Quelle:Internet; Chalon: Alexandera David-Neel, Ullstein Verlag,

 

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