Der Geist des Ortes
 
 

OBEN
Portraits

Aktuell

29. Oktober 2009 bis 17. Januar 2010
Karl Wilhelm Diefenbach.
»Lieber sterben, als meine Ideale verleugnen!«
Das Museum Villa Stuck zeigt die erste umfassende Ausstellung über den Maler und Lebensreformer Karl Wilhelm Diefenbach (1851–1913). Barfuß und in Kutte gekleidet, machte er Ende des 19. Jahrhunderts als exzentrische Künstlerpersönlichkeit nicht nur in der bayerischen Hauptstadt von sich reden.
mehr ...

 

Text: Hermann Müller

uf einem Berg erlebte er die Vision und Wandlung seines Lebens. Am 10. Februar 1882 tritt Diefenbach nach einer durchwachten Nacht, schweißgebadet ins Freie. Er steht auf dem Hohenpeißenberg, vor sich am Horizont die endlose Kette der Alpengipfel.

Alpengipfel. In der kühlen Glut der aufge henden Sonne erstrahlen die schneebedeckten Eisriesen. In diesem Anblick und Augenblick findet Diefenbach seine bleibende Botschaft, die er von nun an als Apostel der Natur verkündet..

"In DIR ist Gott! Der Himmel und das Paradies, die Heimat Deines Geistes, Deiner Seele, der Erde wonnerfüllte Herrlichkeit, des Weltalls ewge Unermesslichkeit als Keim verborgen liegt in jedes Menschen Brust! - Erkenn Dich selbst! - Nur die Erkenntnis Deiner GOETTLICHKEIT befreit Dich von den Banden und dem Fluch des Irrtums, des Verbrechens, des namenlosen Elends, der Schändung Deiner selbst und Deiner Mutter Erde! - Erkenne, Menschheit, deine Mutter, die NATUR, die rein und frei als höchstes Wesen dich geboren und nicht befleckt mit Erbsünd, Fluch und Schande dich in ihr blühend Eden setzte. Dass alle Herrlichkeit des Erdballs, des Weltalls Unermesslichkeit als Keim verborgen liegt in jedes Menschen Brust! Erkenne dich, Mensch "

Karl Wilhelm Diefenbach, 1898

So prägend war diese Erfahrung, dass er von nun an seine Kinder und Freunde immer wieder auf hohe Berge führte, um sie von deren Gipfel das Schauspiel der erwachenden Sonne erleben zu lassen. Er selbst ließ sich auch durch schwere Krankheit nicht abhalten, dieses Erlebnis immer neu zu suchen. "Auf seinem dreirädrigen Krankenfahrstuhle ließ er sich, begleitet und unterstützt von jüngeren Freunden, durch einen vorgespannten starken Ochsen und einen das Tier führenden Bauernknecht von Aschau am Chiemsee in abenteuerlicher, oft lebens-gefährlicher Fahrt während der Nacht vor Pfingsten 1889 den schmalen Zickzackweg bis zu den zerklüfteten Felsschroffen der hohen Kampenwand bringen, um von jener Höhe aus, auf welcher er zehn Jahre früher einen ganzen Sommer in weltentrückter Einsamkeit zugebracht hatte, wieder einmal das majestätische Schauspiel der aufgehenden Sonne zu genießen."

 

Diefenbach, der Maler und Gründer von ‚HUMANITAS, Werkstätte für Religion, Kunst & Wissenschaft' (1885), vollbrachte das Kunststück, zwei Berufungen in einer Person zu vereinigen: Künder und Künstler. Sein Kunststudium in Schwabing mündete in lebenslang unermüdlichen Schaffensrausch. Sein 2 m hoher, 68 m langer Schattenriss-Fries ‚Per aspera ad astra', aus 34 Einzeltafeln, traf die Stimmung der Zeit, wurde aber ungerechterweise unter dem Namen seines Schülers Fidus bekannt. Heute steht es in einem eigenen Museum in seiner Geburtsstadt Hadamar in Hessen. Als Haupt einer patriarchalischen Künstlerfamlilie, im legendären Steinbruchhaus von Höllriegelskreuth bei München, später bei Wien, veranlasste Diefenbach nicht nur den ersten Nudistenprozess der Geschichte. Er gab zugleich den Anstoß für die folgende Körperkulturbewegung, für Vegetariersiedlungen und Landkommunen. Zu seinen Schülern gehörte der Maler Fidus, der mit seinem 'Lichtgebet' das Kultbild der Jugendbewegung schuf; der Tscheche Frantisek Kupka, ein Pionier der abstrakten Malerei, und Gusto Gräser, Dichter und Mitbegründer des Monte Verità von Ascona.


-Detail aus ‚Per aspera ad astra'

Einerseits bekam Meister Diefenbach, seiner provokativen Kleider- und Haartracht wegen, Pinakothekverbot, dann aber verlief 1889 seine erste große Gemäldeausstellung in der Münchener Löwengrube erfolgreich, und eine zweite in Wien lockte 80.000 Besucher an - sein Durchbruch als Maler. Über dubiose Machenschaften österreichischer Kunst-manager, die ihn um seinen gesamten Besitz brachten und zeitweise zum Obdachlosen machten, schrieb Diefenbach in klassischer Prosa 600 Seiten.

Umlauert von Gerichtsvollziehern, wurde er in x Verhandlungen, oft Sorgerechtsprozessen, in denen der leidende Künstler-Philosoph von der Tragbahre aus sich selbst verteidigte, mit Staunen erregender Geistesschärfe, meist freigesprochen. 1891 auf dem ersten Friedenskongress in Wien war dieser wehr- und streithafte Friedensapostel der vorsitzenden Bertha von Suttner viel zu extrem und also suspekt. Aus Wien vertrieben, durchquerte Diefenbach mit seiner Familie zu Fuß die Alpen, malte wochenlang in Almhütten des Karwendel Berggeister, Elfenreigen und Nixentänze.


"Du sollst nicht töten"

Ihn trieb es Indien zu. In Ägypten, wo er als "Derwisch des Westens" hoch angesehen war, versuchte er ein Waisenhaus in Sphinxform zu gründen, Basishalle 150 x 250 m, mit Bildhauerwerkstätte, Schwimmbad, Familiengruft, Fahrstuhl, dreistöckigen Ausstellungssälen. Letzte Lebensjahre verbrachte er, ständig malend, mit Unbill ringend, kränkelnd und zunehmend verbittert, sein Lebenswerk als gescheitert sehend, auf Capri. Belacht, umstritten und umwittert, von seinen Schülern ehrfürchtig verehrt, war er ein einsamer Pionier und Märtyrer gewesen, der den Grundstein legte für die Alternativ-, Umwelt- und Friedensbewegungen, die sich ein halbes Jahrhundert nach ihm entfalten sollten. Aus Deutschland und Österreich war er, nicht zuletzt seiner Überzeugungen wegen, vertrieben worden. Auf Capri blieb er ungeschoren, hatte als Maler durchschlagenden Erfolg, kam zu Wohlstand und hohem Ansehen. Nach seinem Tod jedoch versank sein Nachlass , Hunderte von Gemälden, in einen mehr als fünfzigjährigen Schlaf, versteckt in neapolitanischen Kellern und in den Abstellräumen eines Klosters. Heute füllen seine Gemälde ein zweites Diefenbach-Museum, neben Hadamar, in der Certosa di San Giovanni auf Capri.


"Berggeist"

Der späte Diefenbach hat die etwas naive Natur- und Reformschwärmerei seiner Frühzeit abgestreift. Seine Landschaftsbilder sind Seelengemälde, in denen eine erhabene Ruhe - ganz im Gegensatz zu seinem sturmbewegten Leben -, eine feierliche Stille, ein heroisches Dulden und Hoffen sich ausspricht. Seine Leidenschaft für Fels, Berg und Meer kostete ihm letztlich das Leben. An schwerer Lungenentzündung darniederliegend, ließ er sich nicht abhalten, einen wütenden Meeressturm aus nächster Nähe zu beobachten. Wenige Tage später war Diefenbach tot.

Das BUCH zun Thema
 

Per Aspera Ad Astra
Karl Wilhelm Diefenbach
Anmerkungen von Claudia Wagner

Unter Mithilfe seines ehemaligen Schülers Hugo Höppener genannt “Fidus”, dem auch lange Zeit einseitig die Urheberschaft zugeschrieben wurde, entstand dieses wohl bedeutendste Jugendwerk Karl Wilhelm Diefenbachs.

 
 

Der 68 m lange Fries, ein heiteres Panorama voller Jugend, Schönheit und Harmonie, befindet sich heute im Stadtmuseum seiner Geburtsstadt Hadamar. Erstmals 1893 in Wien als Buch herausgegeben, fanden spätere wiederholte Auflagen in Deutschland eine große Verbreitung. Diese preiswerte Ausgabe beruht auf der von Friedrich von Spaun 1900 herausgegebenen Ausgabe und beinhaltet neben dem eigentlichen Fries auch Diefenbachs dichterischen Kommentar.
Paperback, 75 Seiten mit Abbildungen
ISBN: 3-937726-01-2
neuwertig, ungelesen,
EUR 14,-

 
Jetzt wieder lieferbar!
 

Meister Diefenbachs Alpenwanderung
Hermann Müller (Hrsg.)

Im Jahre 1895 wurde das Karwendelgebirge für einige Monate Zuflucht und Werkstätte für eine wandernde Künstlergemeinschaft. Der Maler und Lebensreformer Karl Wilhelm Diefenbach (1851-1913) war in Wien durch eine Ausstellung schlagartig berühmt, dann aber durch einen Betrüger um alle seine Gemälde und sein ganzes Vermögen gebracht worden. Als Mittel- und Obdachloser entschloss er sich, mit seinen Kindern und einigen Schülern durch die Alpen zu wandern mit dem heimlichen Sehnsuchtsziel Indien oder Ägypten.

 
 

In Almhütten des Karwendel schuf er einige seiner bekanntesten Werke. Wie die kleine Reisegesellschaft alle Schwierigkeiten überwand - Hunger und Kälte, Abweisung durch die Besitzenden, eine Rebellion der Schüler, die ihren Meister „entlarven“ wollten -, wie ihnen schließlich, fast durch ein Wunder, die Überfahrt nach Ägypten gelang, wo Diefenbach als „Derwisch des Westens“ empfangen und geehrt wurde, das erzählt in ihrem bisher unveröffentlichten Tagebuch Magdalene Bachmann, Diefenbachs Hauslehrerin, Sekretärin und Geliebte. Ein Dokument aus dem abenteuerlichen Leben eines Kulturrebellen.
Paperback, 141 Seiten mit 25 Abb.
ISBN: 3-937726-00-4
EUR 14,-

Der Katalog zur Ausstellung
 

Karl Wilhelm Diefenbach.
(1851 - 1913)
Lieber sterben, als meine Ideale verleugnen!

Mit Textbeiträgen von Hermann Müller, Marina Schuster, Noemi Smolik und Claudia Wagner

Der Katalog zeigt Gemälde und Arbeiten auf Papier, auch von seinen Schülern Hugo Höppener, gen. Fidus, Gusto Gräser sowie František Kupka und stellt das Leben Diefenbachs anhand einzigartiger Dokumente und Fotografien vor. Im Mittelpunkt steht Diefenbachs monumentaler Fries Per aspera ad astra (1892), der auf einer Gesamtlänge

 
 

von 68 Metern in scherenschnittähnlichen Szenen nackter, kindlicher Fröhlichkeit das persönliche Glaubensbekenntnis des Lebensreformers illustriert.
Verlag Edition Minerva
Broschur mit Schutzumschlag, 239 S. mit mehr als 240 Abbildungen in Farbe und Schwarzweiß
EUR 25,-


Lebensreformer
 

Drum Tao-Wind ins Winterland! Drei radikale Naturpropheten: Karl Wilheln Diefenbach - Gustaf Nagel - Gusto Gräser
Ulrich Holbein

Schon vor 100 Jahren (und vorher) wanderten einige abzählbare, markante Frühhippies durch die Welt, barfüßige Weltverbesserer, Wanderprediger, verspottet als Kohlrabi-Apostel und Kartoffel-Christusse, die mit dem ‚Zurück zur Natur' ernst machten und das ganze Programm von 1967 bis 1976 bereits draufhatten: Pazifismus, freie Liebe, Technikkritik, Spießerverachtung, lange Haare, Nudismus, Vegetarismus. Einiges davon findet sich in diesen Buch wieder. Neben einer allgemeine Weltgeschichte naturprophetischer Gestalten,

 
 

drei rigorose Lebensläufe von der Wiege bis zum Absturz, drei extreme Schicksale, drei höchst unterschiedliche Charaktere: Karl Wilheln Diefenbach - Gustaf Nagel - Gusto Gräser
ISBN 978-3-922708-05-6 - Der Grüne Zweig GZ 260
Broschur, 95 Seiten mit zahlr. Abb.
EUR 15,-


Bitte hier bestellen:
 

LINK zun Thema
 

Karl Wilhelm Diefenbach.
»Lieber sterben, als meine Ideale verleugnen!«

Das Museum Villa Stuck zeigt vom 29. Oktober 2009 bis 17. Januar 2010 die erste umfassende Ausstellung über den Maler und Lebensreformer Karl Wilhelm Diefenbach (1851–1913).
Villa Stuck

Das BR-Magazin "Capriccio" hat die Ausstellung des Malers, Lebensreformers und Ur-Hippies Karl Wilhelm Diefenbach besucht.
mehr ...

Ein Audio Beitrag des BR zur Ausstellung
mehr ...

 

Profunder Kenner Karl Wilhelm Diefenbachs und Herausgeber der im Umbruch-Verlag erscheinenden Diefenbach-Bücher, ist Hermann Müller. Er leitet das "Deutsche Monte Verita Archiv Freudenstein mit Gräser Archiv".
Link:gusto-graeser.de

 

Daueraustellung des 68 Meter langen Wandfrieses "Per aspera ad astra" von Karl Wilhelm Diefenbach im Stadtmuseum Hadamar.
Link: Stadtmuseum Hadamar

Dissertation der Kuratorin der Diefenbach-Ausstellung in der Villa Stuck
"Der Künstler Karl Wilhelm Diefenbach (1851-1913)
Meister und Mission Mit einem Werkkatalog aller bekannten Ölgemälde"
mehr ...

 

  emmet.de ist nicht für die Inhalte externer Webseiten verantwortlich
Bergsteiger

© emmet 11 - 2009

Counter by WebHits Counter