Der Geist des Ortes
 
 

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Portraits

Gusto Gräser"Was "Was könntest du, o teure Erden, doch für ein Berg der Wonnen werden!"
Gusto Gräser
 
Text: Hermann Müller

hr meiner Kindheit waldumkränzte Tage…" Der Dichter und Philosoph Gustav Arthur Gräser, der sich Gusto nannte, wurde hinter den Wäldern geboren, am 16. Februar 1879 zu Kronstadt in Siebenbürgen.
Ein Hochland, umkränzt von den Gipfeln der Karpaten. Die Schule quälte ihn, es zog ihn "zu dem Bächlein, in den Wald, da gab's keine Analysen, da gewann mein Geist Gestalt". Dieser Losung ist er treu geblieben.

Der neunzehnjährige Kunstschüler bricht vollends aus den Zwängen der Zivilisation. Er zerstört seine Bilder, lässt Besitz und Beruf hinter sich und begibt sich auf die Wanderschaft. Nicht hohe Berge sind sein Ziel sondern der höchste Berg: das Utopia einer neuen, naturfrommen, naturheiligenden Menschheit. Seine Gegenwart sieht er einem verhängnisvollen Mach- und Machtwahn verfallen. Er sucht die Alternative und gründet mit Freunden auf dem Weinberg von Ascona eine Siedlung, in der er sein Ideal von Naturnähe, Einfachheit und Freiheit verwirklichen will. "Monte Verità", Berg der Wahrheit nennen die Siedler den bescheidenen Hügel.

Zu Fuß und meist barfuß hatten sie die Alpen überquert. Gusto, enttäuscht von der Verfälschung des Unternehmens zu einem Sanatorium, verlässt Ascona, setzt seine Wanderungen quer durch Europa fort. Schläft meist im Freien, in offenen Kapellen oder im Wald. Eine Bleibe findet er zeitweise in den Wäldern hinter dem Monte Verità.
Dort schenkt die Gemeinde Losone ihm ein Stück Land mit Felsenberg und Höhle. Dies wird die Landschaft seiner Seele, Ort einer zweiten Geburt aus dem Schoß des Berges. Er spricht mit ihm, er hört ihn sprechen, er lässt sich von ihm beraten. Von nun an fühlt er sich als Sendbote der wilden Natur. "Als dein Bote heimlich ausgesendet ward ich, künden deine Waltemacht". Hermann Hesse wird sein Schüler, lebt einige Wochen mit ihm zusammen in seinem Felsennest. In seinen Büchern hat Hesse das Bild eines Waldheiligen in die Welt getragen. Seine Helden sind Wanderer und Einsiedler. Er selbst hat das Leben eines gelehrten Einsiedlers geführt und zu einem Muster geprägt.
Ein anderer Gräserfreund, der Drechsler Muck Lamberty, zog nach dem Krieg mit einer Schar junger Menschen singend und tanzend durch Thüringen und riss Zehntausende mit sich. Die Schar schlief in den Wäldern, feierte in Kirchen, die sie mit Blumen, Kränzen und Zweigen zu einem festlichen Wald gestalteten. Gräser sprach an ihren Lagerfeuern, seine Gedichte flatterten ihrem Zug voran.

Diese und andere Gräserfreunde gehörten zu den ersten, die in ihren Manifesten den Schutz der Natur einforderten. In der Weimarer Zeit bildeten sie die Vorhut einer "grünen" Bewegung. Lange bevor es ein Waldsterben gab, hat es Gräser kommen sehen und in seinen Reden zur Umkehr gemahnt. "Wald und das Wohl der Welt" waren für ihn untrennbar. Seine Freunde gründeten Land- und Handwerker-kommunen, andere zogen mit Fidel und Druckerpresse über die Landstraßen und warben auf Flugblättern für ressourcenschonende Selbstversorgung und Selbsthilfe, auch als Gegenmittel gegen innere Verödung: "Hier, jetzt, im Augenblick leben!" Diese Ansätze alternativen Lebens wurden in der Hitlerzeit zerschlagen.
Gräser trat auf als Anwalt der Wildnis. Als ihm der Weg zu praktischer Wirkung verschlossen wurde, hat er Berg, Wald und Wildnis in die Sprache gerettet. Er hat, in den Worten seines Freundes Hesse, "das heilige Waldlied" gedichtet. In seiner mythischen Dichtung nimmt der Weltgeist die Züge des Waldes an, der Weltwalter

Gusto Gräser
In den Strassen von Berlin. 1928

erscheint als Weltwalder. Er/Sie verkörpert sich in weiblicher Gestalt als die Urmuttermaid, "in ihrer Hütten mitten in der Welt wildwonnig wohnend, all Krumb und Krank zu junger Schöne schonend". Schonung wird sein Losungswort, "Ehrfurcht zum Selbst in dem geringsten Ding".


Gräser will unser männlich-patriarchales Weltbild umschaffen in ein Bild der Mütterlichkeit, der großen Urmutter Natur. Als zentrales Symbol feiert er den nährenden Weltbaum, "der zweiget, dreiet, wirbeldreht, hah trilliont, sich trennt, sich paart, heißfleißig nur zusammenwandelwohnt im Sam, Urfreunds Paarheiterkeit."
Gräser war ein Wanderer, hat viele Jahre seines Lebens die Mitte Europas durchwandert, hat seine Weisheit in Wald und Berg gefunden. Aber mehr noch ist er ein Wanderer des Geistes. Er hat Gipfel erstiegen, unter denen die Achttausender dieser Welt klein erscheinen. Ohne Sicherung, meist allein, hungernd und frierend, verlacht und verfolgt, unbeugsam auf dem Weg zu dem einen Ziel: "O möchte diese Erden einst noch ein Berg der Wonnen werden".

"Denn, wer satt den toten Plunder, heilfroh ehrt das Lebenswunder, mehrt des Lebens Wonnewerk, fällt als wie ein Sam zum Berg."
Gusto Gräser

Gusto Gräser

Gusto Gräser: Berggedichte
Heilige Berge: Monte Verita




Das BUCH zun Thema
- Neuerscheinung -
 

Gusto Gräser. TAO. Der grüne Prophet aus Siebenbürgen
Hermann Müller (Hrsg.)

Sein Weg zum Berg der Wahrheit.
Hunderte Bilder und Textseiten zu: Gusto Gräser. Ernst Gräser. Karl Gräser. Hermann Hesse. Monte Verità - Gedichte. Sprüche. Gemälde. Plastik. Zitate. Literatur. Lebenslauf.
CD mit insgesamt 560 Bildern, 338 Gedichten und Sprüchen

CD in Jewelcase
ISBN:
ISBN: 978 - 3937726 - 05 - 2
EUR 12,00
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Gusto Gräser. TAO. DAS HEILENDE GEHEIMNIS
Hermann Müller (Hrsg.)

Übersetzungen des Tao Te King gibt es zu Dutzenden. Meist sind sie nebulös und kaum verständlich, weil sie sich von der Denkwelt des Chinesischen nicht lösen können. Gusto Gräser, selbst Einsiedler und Erdenwanderer in härenem Gewand, konnte aus eigener Erfahrung schöpfen und so eine Nachdichtung schaffen, die nicht an Worten klebt sondern aus dem Geist des TAO lebt. Durch ihn und in ihm ist der Chinese Laotse ein Deutscher geworden.
Gräsers Nachdichtung überzeugt durch die Klarheit und Einfachheit der Sprache, durch ihren würdevollen Gang und ihr kraftvolles Pathos. Der Sinn wird sinnlich, wird hörbar, plastische Poesie.

Die Weisheit des Chinesen bleibt nicht länger eine ferne Sage, sie wird Forderung des Tages, Anruf und Mahnung zur Wandlung. Wir sind gemeint, Menschen des 21. Jahrhunderts. Die Gelehrsamkeit fällt weg, das Wort des großen Alten wird wieder jung. Gräser war ein Wanderer, lebte auf und von der Straße, schlief in Wäldern, wohnte in Felshöhlen. Der frische Wind seines sturmbewegten Lebens fegt den Staub vom vergilbten Pergament.

Broschur, 106 Seiten
ISBN:
978-3-937726-04-5
EUR 14,00

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Gusto Gräser. ERDSTERNZEIT
Hermann Müller (Hrsg.)

Der Monte Verità bei Ascona, von Gusto Gräser mitbegründet, wurde zu Beginn des Jahrhunderts ein geistiges Zentrum, das schöpferische Kräfte aus ganz Europa an sich zog. Jahrzehntelang hat der "Stromer", der "Vagabund", der "lachende Siebenbürger" in deutschsprachigen Großstädten "öffentliche Gespräche" abgehalten, hat auf Spruchkarten und Flugblättern, vor allem aber im Gespräch seine Mitmenschen aufzurütteln versucht. Seine Gedichte wollten nicht "Kunst" sein, sind immer Ansprache und Mahnung. Sein Lebenswerk ist ungedruckt geblieben. Seine Zeitgenossen kannten nur Bruch-stücke, Vorläufiges, Zufälliges.

Heute erst, mit dieser Auswahl, hat der Leser die Möglichkeit, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Besser aber: teilzuhaben an einem Vermögen, teilzunehmen an einer Befreiung. Es handelt sich um eine Auswahl, eine Zusammenstellung von Gedichten und Sprüchen, wie sie der Dichter selber nie gegeben hat und wohl nie gegeben hätte. Gräser hat seine Goldkörner zwischen Sand und Kiesgeröll vergraben. Sie auszusieben und blankzureiben wäre ihm als Verzerrung der Wirklichkeit erschienen, der Wirklichkeit, die immer auch banal, unrein, gemischt und schlicht alltäglich ist. Mit wunderlicher Fremdheit schauen uns diese Texte an, lassen uns zurückschaudern vor so viel brausender Bejahungskraft.

Broschur, 160 Seiten
ISBN:
978-3-937726-02
EUR 9,00

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Drum Tao-Wind ins Winterland! Drei radikale Naturpropheten: Karl Wilheln Diefenbach - Gustaf Nagel - Gusto Gräser
Holbein, Ulrich)

Schon vor 100 Jahren (und vorher) wanderten einige abzählbare, markante Frühhippies durch die Welt, barfüßige Weltverbesserer, Wanderprediger, verspottet als Kohlrabi-Apostel und Kartoffel-Christusse, die mit dem ‚Zurück zur Natur' ernst machten und das ganze Programm von 1967 bis 1976 bereits draufhatten: Pazifismus, freie Liebe, Technikkritik, Spießerverachtung, lange Haare, Nudismus, Vegetarismus. Einiges davon findet sich in diesen Buch wieder. Neben einer allgemeine

Weltgeschichte naturprophetischer Gestalten, drei rigorose Lebensläufe von der Wiege bis zum Absturz, drei extreme Schicksale, drei höchst unterschiedliche Charaktere: Karl Wilheln Diefenbach - Gustaf Nagel - Gusto Gräser
ISBN 978-3-922708-05-6 - Der Grüne Zweig GZ 260

Broschur, 95 Seiten mit zahlr. Abb.
EUR 15,00

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zur Zeit nicht lieferbar - NA 2009

Gusto Gräser. Aus Leben und Werk
Hermann Müller (Hrsg.)

Wer offenen Herzens Gusto Gräser begegnet, der lernt einen Menschen kennen, dessen Reinheit, Wahrhaftigkeit und Mut, unbestritten und unbestreitbar sind. Der Kulturhistoriker Martin Green sieht ihn als den 'Gandhi des Westens', als das "europäische Gegenstück" zum indischen Symbol gewaltlosen Wiederstandes.
Er selbst verstand sich schlicht als den "Freund", der die Menschen an ihr tieferes Selbst erinnert. Durch seine Gründung Monte Verita bei Ascona hat Gräser einen Ort geschaffen, der heute als "Anfang der Gegenkultur" (Green) bzw. "zentrales Versuchsfeld für alternative Lebensformen" (Frecot) erkannt wird.

Heute erst, mit dieser Auswahl, hat der Leser die Möglichkeit, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Besser aber: teilzuhaben an er Fremdheit schauen uns diese Texte an, lassen uns zurückschaudern vor so viel brausender Bejahungskraft.

Broschur, ca. 150 Seiten mit zahlr. Abb.
ca. EUR 15,00

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LINK zun Thema

Webseite des von Hermann Müller geleiteten "Deutsches Monte Verita Archiv Freudenstein mit Gräser Archiv". Das Archiv bewahrt als wertvollstes Gut, in Originalen oder Kopien, den gesamten Nachlass von Gusto Gräser (1879-1958) und alles, was sich von seinem Leben und Werk sonst erhalten hat
Link: http://www.gusto-graeser.info

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