Der Geist des Ortes
 
 

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Portraits

Greina - Land aus Wasser Licht und Weite
 

ie hat Glück gehabt, die Greina, großes Glück. Abgelegen vom großen Touristenstrom und ohne "Nutzen", sollte dieses "unproduktive Areal" in einen Speichersee verwandelt werden. Mit Bekanntwerden des Projekts in den 70er und 80er Jahren, protestierten große Teile der Schweizer Bevölkerung. Mit Erfolg!

Das Projekt wurde November 1986 aufgegeben - eine ungewöhnliche und wenig bekannte Landschaft wurde so vor dem Untergang bewahrt und hat bis heute nichts von ihrer ursprünglichen Wildheit und Einsamkeit verloren.

Die Greina, rätoromanisch Plaun la Greina, ist eine ca. sechs Kilometer lange und einen Kilometer breite unbewohnte Hochebene, auf einer Höhe von durchschnittlich 2200 Metern gelegen. Ein für Wanderer und Naturliebhaber ideales Terrain - aber, da von Gebirgszügen umgeben, nur über Pässe und mehrstündige Anstiege zu erreichen.
Und das ist auch gut so. Denn so schwer wie sich der Aufstieg gestaltet, erschließt sich auch diese Landschaft. "Hier begegnen sich die feierliche Größe eines weiten Hochlandes mit der Vielgestaltigkeit seiner benachbarten Täler. Sie bilden eine Einheit, aber es ist nicht die Einheit einer vom menschlichen Verstand geprägten Umwelt, sondern die Einheit in der Vielfalt einer naturhaft gewachsenen Ordnung", so der Künstler Bryan Cyril Thurston (1). In dieser absolut baumlosen Landschaft gibt es keine Grenzen, in der Weitläufigkeit geht jeder Maßstab verloren, hier lassen sich die Elemente Erde, Wasser und Luft elementar erfahren.

Crap la Crusch
Crap la Crusch

Ihre Unzugänglichkeit bewahrte sie vor einer intensiven touristischen Nutzung. Drei Berghütten schließen die sich in drei Richtungen erstreckende Hochebene ab: im Osten die "Plaun la Greina" mit der Camona da Terri, im Süden die "Alpe Motterascio" mit der Capanna Motterascio und im Westen der "Piano della Greina" mit der Capanna Scaletta. Mittelpunkt ist der "Crap la Crusch", der Stein des Kreuzes, ein riesiger Felsen auf einer kleinen Anhöhe mit einem aufgesetzten Kreuz aus Eisen, der Erde und Himmel vereinigen soll. Nicht nur für die Schweiz, sondern für den gesamten Alpenraum ist diese unverdorbene Gebirgslandschaft, (fast) ohne Eingriffe des Menschen, eine der letzten Landschaften ohne extensive Nutzung. Nur wenige Kilometer trennen die Wiesen der Surselva von den ausgedehnte Schafweiden in diesem

"unproduktiven Areal". Dutzende von kleinen Gebirgsbächen und Wasseradern fließen ungestört von den umliegenden Bergen, vereinigen und verzweigen sich, mäandern durch die Ebene, bilden wieder neue Arme, Teiche und moorige Flachwasserzonen - eine Tundra. Was sich sonst nur in größerem Umfang in Norwegen, Sibirien, Kanada, Alaska und Grönland finden lässt, erwandert man hier in sechs bis acht Stunden. Würde man den Moschusochsen wieder in der Schweiz ansiedeln - hier wäre die ideale Gegend.


Form, Feuer & Erde

Wissenschaftlich betrachtet ist die Greina eine formenreiche Alluvialebene, die durch Flusserosion geformt wird. Im einer Alluvialebene bzw. Schwemmlandebene wird angeschwemmtes Material (Sande, Kies , Fels) in einer Ebene abgelagert. Für die Greina kommt das Material aus den umliegenden, teilweise noch vergletscherten Bergen. Die Berghänge mit ihren Schuttflächen werden von Hunderten kleinen Bächen durchzogen, die die Hänge über lange Zeiträume quasi immer weiter auslaugen. Das Material lagert sich dann in der Ebene an und bildet immer neue, sich immer wieder verändernde Formen. Einen natürlichen Sperriegel bilden der Muot la Greina und die nördlichen Ausläufer des Piz Tiegtschen. Hier, quasi an der engsten Stelle, haben die vereinigten Fliessgewässer die Plaun La Greina "aufgeschüttet". Gleichzeitig gräbt sich hier der Somvixerrhein an diesem natürlichen Abfluss tief ins Gestein und bildet verschiedene Wasserfälle und Stromschnellen, den "Frontscha".
Entstanden ist diese einzigartige Landschaft in der letzten Eiszeit, als der Greinaboden noch unter einer dicken Eisschicht lag, aus der nur wenige Gipfel ragten. Im wesentlichen wurde durch den Schliff der sich bewegenden Gletscher die Landschaft so geformt, wie wir sie heute kennen. Unebenheiten unter den Gletschern wurden zu für die Greina charakteristischen Rundhöckern abgeschliffen. (Alpe Motterascio, Piz Vial Südhang). Dieser Schliff machte die

Greina


Ebene zu einem Teil der europäischen Hauptwasserscheide. Nur wenige Meter Höhenunterschied entscheiden am rundgeschliffenen Greinapaß oder am Crap la Crusc: Rhein oder Po - Nordsee oder Mittelmeer. Des weiteren können aber auch vorhandene durch Gletscher geschaffene Mulden oder Verflachungen durch Erosion weiter vertieft werden. Es entstehen sogenannte Karsenken, die kein Wasser durchlassen. Hier bilden sich kleine Bergseen, die durch langsames Verlanden zu Flachmooren werden. Übrigens: Die Fläche der Gletscher an der Greina hat übrigens in den Jahren zwischen 1914 und 1973 um ca. 50 % abgenommen - das bedeutet einen "Landgewinn" von ca. 10 km².

Gehen wir erdgeschichtlich noch weiter zurück in die Zeit, als die sehr interessante Geologie der Greina entstand: die Sedimente (Carbonate) des Urmeers lagerten sich auf dem harten Urgestein (Granit/Gneis) des Gotthardmassivs ab, wurden gestaucht und teilweise in die Senkrechte geschoben. Nachdem das Gebiet im Perm (290 - 250 Mio. Jahre) einem rauen Wüstenklima ausgesetzt war, bildete sich im Trias (250 - 200 Mio. Jahre) wieder ein Meer, in dem sich erneut carbonathaltige Sedimente ablagerten. Insbesondere im Bereich des Crap la Crusch und in der Nähe des Passo della Greina treten die Trias-Sedimente als Rauhwackenzüge, einem schell verwitternden Gemisch aus Dolomit

und Kalkstein, spektakulär an die Oberfläche. Eine weitere Sedimentbildung folgte während der Jura-Zeit (200 -145,5 Mio. Jahre). Sie bilden z. B. die großen Schieferfelder des Pizzo Coroi (2785 m). Eine letzte dramatische Umbildung der Gesteine begann im Tertiär vor 65 Millionen Jahren mit dem Übereinanderschichten und Auftürmen zum alpinen Gebirge. Durch diese Umbildungen wurden die Faltformationen auf eine sehr komplizierte Weise neu geordnet. Auch heute sind trotz intensiver Forschungsarbeit noch nicht alle Fragen gelöst.
Schon 1820 erkannte Pater Placidus Spescha, der drei Reisen zur Hochebene unternahm, die Besonderheit der dortigen Geologie und schrieb:" Allein dort traf ich ein besonderes Wesen der Gebirge an, welches über die Erde empor ragte, das ich für Kalk und Gyps ansah (Rötidolomit). Diese Erscheinung kam mir seltsam vor, in dem das südliche Gebirg aus einem eisenschüssigen Tonschiefer (schwarzer Bündnerschiefer) und das nordliche aus Gneuß und Granit bestünd. Es streicht der nordlichen Thalseite nach gegen Abend bis auf die Anhöhe und senkt sich herab über das jenseitige Thal Ursära, wo es wie ein Gebirg vorragt und verschwindet".

Leben & Wasser

Die Schmelzwässer der Gletscher zum Ende der Eiszeit hinterließen insbesondere auf der Plaun la Greina, ein Glazialrelief mit einer typischen Moränenlandschaft, in das sehr bald neues Leben einzog. Während in den feuchten Niederungen der Plaun la Greina Flachmoore aus humoser Biomasse von bis zu einem Meter Mächtigkeit entstanden, und das Scheuchzerische Wollgras den Rein da Sumvitg säumt, gedeihen in den rauen Höhen der Pässe und Hänge besondere, den extremen Bedingungen speziell angepasste Pflanzengemeinschaften.

Auf den sich immer noch leicht bewegenden Schutthalden wachsen Pflanzen wie Täschelkraut, Alpenleinkraut, Alpensäuerling, Silberwurz und die seltene Mont- Cenis-Glockenblume. Windkanten stellen besondere Anforderungen an die Pflanzen. Insbesondere starker Wind, der den Schnee wegbläst, lässt nur Überlebenskünstler wie die Gämsheide (Alpenazalee), Flechten und Moose wachsen. Windkantenpflanzen wachsen extrem langsam, nur 0,1 mm pro Jahr, d.h. 100 Jahre pro Zentimeter. Vom Wanderer verursachte Trittschäden können so das Wachstum von Jahrzehnten zerstören. Die flach auf dem Boden wachsende Alpenazalee mit ihren fetthaltigen Blättern und rosa Blüten übersteht Temperaturen von -70° C, die hier insbesondere durch kalte Winde entstehen können. Durch den hohen Fettanteil der Blätter ist die Gämsheide eine wichtige Nahrungsquelle für die Hochgebirgstiere. Pflanzengemeinschaften entstehen nicht nur durch Abhängigkeit vom Klima, sondern auch Böden und Untergrund spielen eine große Rolle. So sind naturgemäß die Böden der kalkhaltigen Sedimente weniger sauer als die mit dem Untergrund des silikathaltigen Gotthardmassives. So zeigt beispielsweise der Getüpfelte Enzian sauren Boden an und der Gelbe Enzian basischen. In den entstandenen Mulden konnte sich eine Schneetälchenvegetation entwickeln. In diesem extremen Lebensraum bleibt der Schnee sehr lange liegen - hier wächst lediglich eine sehr spezialisierte Moos-, Zwergrasen- und Kriechstrauchgesellschaft.

Berücksichtigt man in diesem Zusammenhang auch noch das Wasser und die extensive Nutzung, ergibt sich eine Vielzahl von Pflanzenbiotopen. Diese Fülle an Standorten macht die Greina zu einem Refugium für seltene Pflanzenarten der Schweiz und des gesamten Alpenraums - nur der kundige Wanderer wird etwa die sehr seltene Zweifarbige Segge oder Kastanienbraune Binse bemerken. Charakteristisch für die Greina ist sicherlich das mit seinen weißen Kugeln sehr auffällige Scheuchzerschen Wollgras. Für die Greina haben Botaniker 17 in der Schweiz und 29 kantonal geschützte Pflanzen festgestellt, Pflanzen, die nicht so auffällig, aber trotzdem bedeutsam sind. Geformt und strukturiert wird der Lebensraum Greina im wesentlichen durch das Element Wasser - die Seele dieser Landschaft. So groß wie sein Einfluß auf die Pflanzenwelt, so groß ist auch sein Einfluß auf die Landschaft. Zahllose Bäche und Wasseradern durchziehen das Hochland, Quellen treten an die Oberfläche, und kleine Bergseen und sumpfige Flächen verleihen der Landschaft ihre Schönheit. Die vielen kleinen Fließgewässer vereinigen sich im talwärts immer mächtig werdenden Rein da Sumvitag.

Greina Landschaft Das Wasser formt die Landschaft

Durch die große Höhe, im Mittel 2200 m, erhält die Greina viel Niederschlag. Messungen zeigen, dass in den Wintermonaten 0,2 m/3 (200 Liter) pro Sekunde, im Frühsommer zur Zeit der Schneeschmelze jedoch 4 m/3 (4000 Liter) pro Sekunde den Weg über die Frontscha hinunter ins Tal suchen. Und weiter: würde man, auf das Jahr berechnet, die gefallene Wassermenge auf die Gesamtfläche verteilen, ergäbe sich eine Höhe von 2,5 Meter Wasser. (Zum Vergleich: 1 m Schweiz). Durch die große Höhe bleibt der Schnee in besonderen Lagen wie Mulden an den Nordseiten bis zu 200 Tage liegen; dort bleibt der Boden nur ca. 10 Wochen schneefrei.


Der Stausee

Kein Wunder war deshalb die Wahl diese Standorts für einen Stausee. Eigentlich überhaupt erst richtig bekannt wurde die Greina in den sechziger Jahren, als sie Gefahr lief, Überflutungsgebiet für ein Stauseeprojekt zu werden. Eine Staumauer von 80 m Höhe an der Camonaschlucht sollte den jungen Rein da Sumvitg/Somvixer-Rhein zu einem künstlichen See mit einem Fassungsvermögen von bis zu 63 Millionen Kubikmeter Wasser aufstauen. Die Ingenieure der Betreiber, ein Konsortium aus Nordostschweizerische Kraftwerke (NOK) Baden und Rhätische Werke für Elektrizität AG Thusis, wollten die Ebene opfern, um die Wassermassen des Somvixer Rheins zur Stromgewinnung zu nutzen. Der Baubeginn war für 1991 geplant. Bereits vier Jahre nach Vergabe der Konzession zum Bau der Staumauer im Jahre 1958, fand sich der Stausee auf Karten der Schweizer Schulatlanten eingezeichnet! Mit Bekanntwerden des Projekts in den 70er und 80er Jahren, protestierten große Teile der Bevölkerung. Auch Künstler engagierten sich. Insbesondere der Maler und Architekt Bryan Cyril Thurston, ein seit 50 Jahren in der Schweiz lebender Schotte, schuf ein umfangreiches Werk aus zahllosen Radierungen und Aquarellbildern über die Greina und machte mit Ausstellungen, Aktionen (z. B. Kultursommer 2004) Malwochen und Publikationen auf diese Gebirgswelt aufmerksam; der Komponist Armin Schibler schrieb 1975 sogar ein "Greina Oratorium".

Mit Erfolg! Nicht aus Respekt vor der Natur sondern aus wirtschaftlichen Überlegungen der Betreiber, wurde das Projekt am 11. November 1986 zurückgezogen. Im selben Jahr wurde auch die Greina-Stiftung gegründet, die einen grossen Anteil an der Verhinderung des Projekts hatte .(LINK) Mit der Entwicklung des Konzepts eines "Landschaftsrappens" als Ausgleichszahlung der ausstehenden Kraftwerksgelder an die involwierten Gemeinden, bewies sie schnell ihre Effektivität. Der Verzicht auf das Projekt bringt den Gemeinden Somvix und Vrin über den Zeitraum von vierzig Jahren jährlich 360.000 Franken als Schadenersatz. In den letzten Jahren wurde die Greina immer mehr zu einem Symbol des Widerstands gegen die hemmungslose Ausbeutung der Natur.
Wegen der besonderen Lage der Greina, war der Bau des Stausees nicht der erste Versuch, die Ebene wirtschaftlich zu nutzen. Erste Überlegungen dazu stellte 1819 der Benediktiner Placidus Spescha an. Er plante eine Passstraße vom Lukmanier- über den Greina Pass auf die Greina-Ebene, als eine Verbindung aus dem Tessin im Süden ins nördliche Bündner Oberland. Wie es seine Art war, unternahm er zur Erkundung der Landschaft ausgedehnte Wanderungen: "Mehrmals durchkreuzte ich diese Berganhöhe, und je mehr ich sie durchging, um desto reizvoller wurde sie für mich; so angenehm und lehrreich kam sie mir vor". Einen weiteren Versuch, die Ebene verkehrstechnisch zu nutzen, unternahm man 1905 mit der Planung einer Eisenbahnlinie zwischen Biasca und Chur - auch dieses Projekt, als Alternative zum Ausbau des Gotthards, kam über die Planungsphase nicht hinaus. Nichtzuletzt führten all diese Aktivitäten zur Nutzung und Zerstörung der Greina zum genauen Gegenteil - dem absoluten Schutz: die Aufnahme in das Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung der Schweiz (BLN).

Pater  Placidus Spescha
Pater Placidus Spescha



s.a.: Der Pater und die Greina


Greina-Kartendarstellungen (Terri-Hütte) in GeoFinder.ch

LINK zun Thema

Webseite der Schweizerischen Greina-Stiftung
Link:http://www.greina.stiftung.ch

Webseite Galerie mi Bildern von Bryan Cyril Thurston / Galerie Vogtei Herrliberg
Link:http://www.galerie-vogtei.ch

Kultursommer Greina 2004 - Vorstellung der Projekte
Link:http://www.terrihuette.ch/

Kultursommer Greina 2004 - Fotos der Vernissage vom 27. Juni 2004
Link:http://kunstschalter.ch/

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