 Der Geist des Ortes
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OBEN |
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er sich mit der Greina beschäftigt, stösst sehr bald
unweigerlich auf den Dissenter Pater Placidus Spescha. Dieser vielseitige
und überraschende Geist war alles in einem: frommer Priester und
Seelsorger, Rätoromanist, Volkskundler, Sprachforscher, Alpinist,
Mineraloge, Geologe und Geograph - und seiner Zeit oft einen Schritt
voraus. Auch auf die Greina fiel sein forschender Blick
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1752 wurde Giuli Battesta Spescha als Kind einfacher Leute in Turn
geboren. Schon früh zog es ihn als Hütebub in die Berge, wo er nebenbei
Steine und Kristalle suchte. Mit 72 Jahren erinnert er sich an diese
Zeit, als er 1824 schreibt: "Zur Naturkunde und Geographie war
ich von Jugend auf geneigt und in den Bergen fand ich alles , was
meiner Neigung frohnen (frönen) konnte". (1) Da er sich begabt
zeigte, erhielt er Schulunterricht und wurde zur weiteren Ausbildung
nach Chur und in den Vinschgau geschickt. Mit 20 Jahren, 1772, kam
er als Klosterschüler in die Benediktinerabtei Disentis und kehrte
nach einem Studienaufenthalt in Einsiedeln, 10 Jahre später als
Pater Placidus
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Kloster
Disentis |
Spescha zurück. Im Jahr seiner Priesterweihe 1782, wurde ihm seine
erste Stelle als Seelsorger zugewiesen: das Hospiz Sogn Gion auf
dem Lukmanier. Mit der Erstbesteigung des Piz Crystalina, 3128 m,
noch im gleichen Jahr und wahrscheinlich 1783, das Jahr ist nicht
ganz sicher, auch des Scopi, 3187 m, unternahm er von hier aus auch
seine ersten, wie er sie nennt "Bergreisen" . Diese Bergreisen waren
in der Regel mehrtägige Touren, auf denen er bei Hirten oder in
Pfarren talwärts nächtigte.
Unweit des Hospizes, eigentlich nur 1- 2 Wandertage entfernt, befindet
sich auf der Höhe von 2355 m, der Passo della Greina, das westliche
Tor zur Greina Hochebene, rätoromanisch Plaun la Greina. Von ihm
sagt der Pater: " Der Greinapass ist ohnehin für den Naturkundigen
von äusserster Wichtigkeit; denn da trifft man alle Gegenstände,
die zur Bewunderung der Alpen dienen. Durch die Mitte des Greinageländes
und darüber streicht Urkalkstein und Gyps;
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nördlich dieser Achse bestehet dieses Gebirg aus Gneuss, Granit
und Glimmerschiefer; südlich aus einem eisenschüssigen grauschwärzlichen
Thonschiefer, der durch das Ursära-, Cavalasca-, Skudet- Lind Monterasch-Thal
dringt. Auch an Kräutern, Schnee- und Eislagen, an bunten Weiden,
Alpseen und Wasserfällen ist es sehr reich. Kurz: hier geht nichts
ab, als eine fahrbare Bergstrasse." (2)
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In seiner Schrift "Entdeckungsreisen am Rhein" aus dem Jahr 1823
erinnert sich der 71jährige Spescha: "Mehrmals durchkreuzte ich
diese Berganhöhe, und je mehr ich sie durchging, um desto reizvoller
wurde sie für mich; so angenehm und lehrreich kam sie mir vor. Allein
die ersten Reisen hierdurch hatten theils mineralogische, theils
georgaphische Absichten ". (3) Leider wissen wir nicht immer
genau, wann diese "Durchkreuzungen" stattgefunden haben, denn 1799
verlor er durch die Brandtschatzung des Kloster Dissentis seine
gesamte Naturaliensammlung, die Kartenzeichnungen und ca. 300 Bücher
und leider auch seine persönlichen Handschriften und Aufzeichnungen,
auch die seiner bis dahin unternommenen Bergreisen - des weiteren
bedauerte er "am meisten jene auf den piz Kiötschen in den 90ger
Jahren gemacht und der österreichische Hauptmann Schellheim mir
geraubt hat. Mann muß also vergeben , wenn ich nicht von allen meinen
Bergreisen Tag und Jahr angeben kann." (4) Man kann sicherlich
annehmen, dass der Pater während seines Aufenthalts auf dem Lukmanier
im Hospiz Sogn Gion, die Greina kennen gelernt hatte, denn, wie
gesagt, die Greina war lediglich 1 - 2 Wandertage entfernt - für
ihn eigentlich kein großes Problem. Vom Pater sicher datiert ist
hingegen die letzte Reise: "Dem zufolge verlies ich Trons im
Surelva-Thal den 7tendes August 1820 und beendigte diese Reise den
13ten des nemlichen Monats"; der Grund für diese Reise war rein
pragmatisch " ... diese aber eine ökonomische und merkantilische
vor den Augen". (5)
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Das Jahr 1817 war für Graubünden wegen der Missernte von 1816 ein
Hungerjahr. Man hatte die Erfahrung gemacht, dass die Nahrungseinfuhr
aus dem Norden zur Versorgung der Bevölkerung nicht ausreichte.
Um auch eine Zufuhr aus dem klimatisch viel günstigeren Italien
im Süden zu ermöglichen, setzte man sich mit dem Bau von Passstraßen
auseinander. Konsequenzen dieser Krise waren der Bau der Straßen
über den San Bernardino- und Splügenpass in den Jahren 1821-1823.
Es existierte zwar 1818 eine Verbindung von Chur bis Truns als auch
von Biasca bis Olivione, aber Disentis hatte noch keine direkte
Verbindung in den Süden. Durch diese neue Situation drohte die Surselva
in eine wirtschaftliche Isolation zu geraten - eine Entwicklung,
die der Pater auch erkannte. Er plante und arbeitete an einem Projekt
mit einer "Seitentrasse" über den Lukmanier- bzw. Greinapass.
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Lukmanierpass
in einer
zeitgenössischen Darstellung |
In den Jahren 1818 und 1820 wandte er sich mit seinem Anliegen
durch Eingaben an Behörden und bemerkte, dass das Oberland, "
eines der vornehmsten Thäler im Kanton Rhaetien", gänzlich ohne
Handel und Verkehr sei. (6) Dazu nutzte er die durch seine Wanderungen
umfangreichen Aufzeichnungen. Sogar eine eigens für diesen Zweck
angefertigte Übersichtskarte der Greina (14 x 22 cm) lag der Eingabe
bei. Er selber bemerkt dazu: "Im Jahre 1819 und 1820 war der
Straßenbau über den Bernardin-Berg in Ansprach gesetzt, / und dies
war der Beweggrund, warum ich eine Denkschrift aufsetzte und sie
den Comißarien des Straßenbaues in Bündten übergab. Ich bedauerte
darin die Nachsicht, daß man nur einigen Bergen und Thälern den
merkantilischen Verkehr begünstige und andere, die im Allgemeinen
eben so oder noch mehr dazu geeignet wären, vergeße Rücksicht zu
nehmen. Dem nach lobte ich zwar die Betriebsamkeit der Hauptstraße
über den Bernardins-Berg, schlug aber auch vor, von der Moesa-Brücke
an
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über das Bellenter-Thal hinauf und
alsdann entweder über den Lukmanier- oder Greina-Berg und über das
oberländische Surselwa-Thal hinab eine Seitenstraße zu be-/günstigen.
Um aber der Denkschrift noch mehr Deutlichkeit und Nachdruck zu
geben, legte ich ihr einen Handriß bei, welcher die gehörigen Wege,
Berg und Thäler dazu vorstellen sollte. Weil ich aber meinen ersten
Reisen dahin, die andern Absichten dabei hatten, nicht gänzlich
trauen dürfte, unternahm ich diese zur genauen Sicherheit".
(7)
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Trotz der höheren und ausgesetzteren Lage (im Schnitt ca. 2200
m) bevorzugte Pater Placidus den Übergang über die Greina. Erst
ca. 50 Jahre später, 1870 - 1877, entschieden sich die "Comißarien
des Straßenbaues" für den Bau einer Passstraße über den niedrigeren
Lukmanier (1914 m), die durch viele Tunnel gesichert werden musste.
In einer erst kürzlich Spescha zugeordneten 45seitigen Schrift aus
dem Jahr 1818 "Gedanken über eine fahrbare Straße über den Bernardiner
Berg vom Jahre 1818 und über eine Seitenstraße aus dem Belenter-
nach dem Surselwa-Thal durch den Bergpaß Greina; von einem unbefangenen
Landmann erfasst und zur Prüfung vorgelegt" (8) unterstreicht
er die Notwendigkeit einer direkten Verbindung zwischen der Surselva
und der Hafenstadt Genua am Mittelmeer. Auch in seinen alpinistischen
Erinnerungen Entdeckungsreisen am Rhein aus dem Jahr 1823 beschreibt
er in dem Kapitel "Ersteigung des Scopi. 9te Bergreise" im Zusammenhang
mit der Gründung eines Gasthauses für Gelehrte am Luckmanierpaß:
"Die Lombardei und Piemont sind in der Näche und unweit davon
der Meerhafen Genua, folglich was dort wächset und zugeführt werden
kann, konnte man auch nach dem Lukmanier führen". (10)
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In der Einleitung zur Herausgabe der "Beschreibung der Alpen, vorzüglich
der höchsten" (1823) weist Ursula Scholian-Izeti darauf hin, dass
Spescha anfänglich selbst Bedenken an dem Aus- und Neubau der Passübergänge
äußert.; für ihn eine "Neuerung, welche man sich gefallen lässt,
mehr zum Schaden als zum Nutzen der Alpiner" (11). Und er fragt
sich in der Beschreibung des Urserental aus dem Jahr 1811: "Wäre
hiemit nicht ein sanftes, stilles , ruhiges und unschuldiges Hirtenleben
dem anderen [Leben mit Passverkehr und Handel] vorzuziehen?" "1823
überwiegt in der Beschreibung der Alpen, vorzüglich der höchsten
bei aller Ambivalenz eine vorwärts gerichtete, fortschrittsfreundliche
Einstellung: Die Strasse über den Lukmanier wird "der Alpengeschichte
die Krone aufsetzen", so Ursula Scholian Izeti und weiter: " Wie
ist Speschas Kehrtwendung vom mahnenden Prediger zum engagierten
Fürsprecher einer Strassenverbin-
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dung von der Surselva ins Tessin zu deuten? Als Ausdruck einer
wechselvollen Zeit, die manche Wertvorstellungen ins Wanken brachte?
Als konsequente Folgerung aus der einschneidenden Erfahrung der
Hungersnot von 1817? Als Distanzierung gegenüber idealisierenden
Vorstellungen einer Hirtenidylle, sobald es um die Interessen des
eigenen Tals ging, als geschickter regionalpolitischer Schachzug
gar? In der ganzen Bandbreite zwischen moralisierender Skepsis und
entschiedener Befürwortung von Entwicklung und Fortschritt weisen
die unterschiedlichen Meinungsäusserungen Speschas auf grundsätzliche
Bruchlinien seiner Zeit hin. Je nach Medium und Publikum konnte
sich das Gleichgewicht zwischen bewahrender Tradition und vorwärts
strebender Modernisierung verschieben". (12)
Aber heute, 280 Jahre später, angesichts einer immer weiter und
schneller vorranschreitenden Zerstörung der Natur, der die Greina
vor Jahren fast selber zum Opfer gefallen wäre, lässt sich diese
Behauptung nicht halten und der Pater würde sich heute ohne Einschränkung
für die Erhaltung der Greina einsetzen. In seiner Beschreibung Beschreibung
des Tujetschertales im Bündner Oberland aus dem Jahr 1805 beklagt
er bitter: "Wenn mehrere der wilden Tiere, als nur die Gemsen,
unter der Obhut der Polizei stünden, so würde ich aus Achtung vor
ihr diese unter einem besonderen Titel verzeichnet haben. [ ...]
Der Steinbock, dieses Prachtstier, weidete vor Alters auch in den
Alpen von Tujetsch; er war damals von keiner Polizei geschützt und
ist jetzt vertilgt. Auf den Schuss eines Lämmergeiers [Steinadler]
ist ein Taler, auf jenen des Bären 100 fl. gesetzt; allein das unschuldige
Murmeltier wird beim Schlafe erwürgt; beim Bären aber schläft man
selbst ein. Im Übrigen ist die Jagd und Fischerei zu allen Zeiten
und an allen Orten frei; man schiesst, fängt und schlägt die wilden
Tiere so viel und wo man kann".
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Pater
Placidus Spescha |
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1. Müller, Iso: Pater Placidus Spescha. 1752 - 1833
2. Scholian Izeti, Ursula: Beschreibung der Alpen, vorzüglich der
höchsten
3. Scholian Izeti, Ursula: Placadius Specha: Entdeckungsreisen am
Rhein
4. Scholian Izeti, Ursula Placadius Specha: Entdeckungsreisen am
Rhein
5. Scholian Izeti, Ursula: Placadius Specha: Entdeckungsreisen am
Rhein
6. Müller, Iso: Pater Placidus Spescha. 1752 - 1833
7. Scholian Izeti, Ursulai: Placadius Specha: Entdeckungsreisen
am Rhein
8. Scholian Izeti, Ursula: Placadius Specha: Entdeckungsreisen am
Rhein
9. Scholian Izeti, Ursula: Placadius Specha: Entdeckungsreisen am
Rhein
10. Scholian Izeti, Ursula: Placadius Specha: Entdeckungsreisen
am Rhein
11. Scholian Izeti, Ursula: Beschreibung der Alpen, vorzüglich der
höchsten
12. Scholian Izeti, Ursula: Beschreibung der Alpen, vorzüglich der
höchsten
Ouellen:
Müller, Iso: Pater Placidus Spescha. 1752 - 1833, Dersertina Verlag,
Disentis, 1974
Pater Placidus a Spescha - "il curios pader", Verein für
Bünddner Kulturforschung, Chur, 1995
Scholian Izeti, Ursula: Beschreibung der Alpen, vorzüglich der höchsten,
Chronos Verlag, Zürich, 2002
Scholian Izeti, Ursula: Placadius Specha: Entdeckungsreisen am Rhein,
Chronos Verlag, Zürich, 2005
B. C. Thurston: Greina - Wildes Land, Dersertina Verlag, Disentis,
1973
La Greina, Schweizerische Greina-Stiftung, Verlag Bündner Monatsblatt,Chur,
1995
s.a.: GREINA. Land aus Wasser; Licht und
Weite
Greina-Kartendarstellungen
(Terri-Hütte) in GeoFinder.ch
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