 Der Geist des Ortes
| | |  OBEN | |  |  | er Arzt und Naturforscher Belsazar de la Motte Hacquet, kurz Belsazar Hacquet, war über dreissig Jahre lang jährlich mehrere Monate in den Ostalpen unterwegs. Die Resultate dieser überaus fruchtbaren Reisen finden sich in einer kaum | | zu überschauenden Vielzahl von Veröffentlichungen und übten einen nachhaltigen Einfluss auf die gesamte spätere Alpenforschung aus. Somit gebührt Belsazar Hacquet die gleiche Bedeutung wie den beiden Erforschern der Westalpen Johann Jakob Scheuchzer und Horace-Bénédict de Saussure. | | Belsazar Hacquet wurde 1740 oder 1739 als aussereheliches Kind eines aristokratischen Vaters, den er wie seine Mutter nicht kannte, zu Leconquet in der Bretagne geboren. "Trotz des Wanderlebens, das ich führte," lernte der intelligente Junge Lesen und Schreiben und "oblag den humanistischen Studien" im Jesuitenkollegium zu Pont-a-Masson, die er mit dem Erreichen der Doktorwürde in der "sogenannten jesuitischen Philosophie" beendete. Nach einem Studium der Heilkunde in Paris, unternahm der junge Belsazar Reisen nach Spanien und England und wurde 1757 zum Dienst in der französischen Marine gepresst. Hier begann seine abenteuerliche militärische "Karriere" als Militärarzt und Chirurg, die ihn nacheinander in die Gefangenschaft der Engländer, Franzosen, Preussen und Österreicher führte. | | 1761 quittierte er den Militärdienst und besuchte in seinem Heimatland die Spitäler von Paris und Montpellier, "um den Unterschied zwischen der Behandlung in diesem und derjenigen im Kriege kennen zu lernen." Als Regimentschirurg und Lehrer der Anatomie trat er im gleichen Jahr wieder in die Dienste der Österreicher und wurde, entgegen anfänglichen Versprechen, 1763 aus dem Militärdienst entlassen. Daraufhin beschloss er, "die Christenheit auf immer zu verlassen." Dieser Entschluss führte ihn über Polen und Konstantinopel nach Bessarabien, wo ihn aber die Pest einholte. Von der Krankheit genesen, hörte er 1764 in Wien an der dortigen Universität Vorlesungen zum Thema Medizin, Physik, Mechanik usw. Von jetzt an begann sich sein Schicksal zu wenden. |  Gerhard von Swieten | Durch die Bekanntschaft mit Gerhard von Swieten, dem Leibarzt Maria Theresias, liess er sich in den von ihm "angestrebten Zivildienst versetzen; ich wählte Kärnthen wegen der Naturwissenschaften und wegen der berühmten Quecksilbergruben." Es war die Stelle eines Bergarztes, die er 1766 in Idria erhielt - in diesem südöstlichen Alpenteil Österreichs sollte er mehr als zwanzig Jahre verbringen. Was in diesen Jahren neben seiner Arbeit als Arzt an freier Zeit übrigblieb, füllte er vor allem mit Reisen, auf denen er ausführliche forschte. Sie lassen sich in etwa in chronologischer Abfolge folgendermassen darstellen: | | 1768 "durchzog ich die Alpen von Hochkärnthen". 1769 "bereiste ich ganz Italien, wo ich die Befriedigung hatte, die schönen vulkanischen Erscheinungen des Vesuv und Ätna zu sehen". 1771 durchreiste er Kärnten und die Obersteiermark. | | In den Jahren 1772 bis 1777 galten seine Reisen, die ihn bis in die Türkei und Istrien führten, vor allem der Erzgewinnung, Bergbau und Botanik, bis ihn 1778 wieder alpine Aufgaben riefen: "Ich erstieg alle Berge der julischen Alpenkette, welche quer durch Krain und Croatien geht, um meine erste Gesteinskarte anzufertigen." Das Jahr 1781 sah ihn in Ober- und Niederkärnten, Friaul, Krain, Tirol, Schweiz, Bayern und im Bistum Salzburg. Die Reisen der Jahre 1783 bis 1787, die ihn nach Bosnien, ins Salzburgische, in die Obersteiermark, Böhmen, Sachsen, Brandenburg und bis an die Grenzen von Türkisch-Kroatien führten, dienten vor allem wieder zur Erweiterung seines Wissens in Bergbau, Mineralogie und Naturkunde. |  7te Tafel, welche die Granitberge Bernina mit ihrem Eisberge von der Ostseite vorstellt. (aus: Physikalisch-Politische Reise)
| In diesen äusserst fruchtbaren Jahren veröffentlichte Hacquet die Ergebnisse seiner Reisen und Forschungen in einer Reihe von grösseren Werken und in einer Fülle kleinerer Arbeiten für diverse Zeitschriften. Die Forschungen beschränkten sich nicht nur auf ein spezielles Gebiet, sondern berührten, wie zu seiner Zeit mehr oder weniger üblich, mehrere wissenschaftliche Disziplinen. Gleichzeitig führte er eine umfangreiche Korrespondenz mit den bedeutendsten Vertretern seiner Wissensgebiete in ganz Europa - jedoch durch eine Feuersbrunst 1774 ging "fast alles zu Grunde, meine Papiere und meine Correspondenz". In diese Zeit, 1779, fällt auch ein Aufenthalt an der Pasterze, wo er die Besteigung des Großglockners anregt. | | 1782 bestieg Belsazar Hacquet im Rahmen seiner Forschungsreisen den 2863 m hohen Triglav, den höchsten Gipfel der Trenta-Gruppe in den Julischen Alpen. Dieses war seinerseits die erste beglaubigte Besteigung des höchsten Punktes des dreigipfeligen heiligen Berges der Slowenen - bei vorherigen Versuchen 1777 und 1779 erreichte er nur den Vorgipfel. "Ich habe zu diesem Ende das Jahr darauf, als ich eine Botanische Reise in das Gebirge des Terglou (Triglav) machte, diesen Berg mit einem einschenklichten Barometer nochmals gemessen. Ich nahm mir diesmal bey Besteigung des Berges vor, wo es möglich wäre, bey Sonnen Aufgang auf dem letzten Gipfel des Berges zu seyn, um bey dieser Gelegenheit die richtige Lage des Bergs Klokner, Grindouz und Dobratsch abnehmen, und um diese Gebirge in ihrer wahren Lage gehörig aufs Papier auftragen zu können."( 1784) | | Einen Ruf als Professor an die Universität Lemberg (Leopoldstadt) 1785, schlägt er aus, kann aber einer erneuten Berufung 1787 nicht widerstehen, "da ich meine Nachforschungen im südlichen Teil der Monarchie beendet hatte." - 1810 beendete er seine universitäre Laufbahn. Natürlich füllte er die freie Zeit in den Jahren 1787 - 1810 mit Reisen, die ihn bis nach Dänemark und Schweden führten. | | Belsazar Hacquet stirbt am 10.01. 1815 zu Wien "an Entkräftung. Seine Eingeweide verrichteten nicht mehr ihre Funktion. Er wünschte sein Ende; der Kopf blieb immer heiter, sein Gemüt ruhig ..." , wie sein Testamentsvollstrecker Ribini in einem Brief vom 28.01.1815 dem Freiherr von Moll, einem Freund Hacquets, mitteilte. | | In der heutigen Zeit ist der Name Belsazar Hacquet fast vergessen - wenige kennen ihn als einen der Glocknerpioniere , an dessen Besteigung er grossen Anteil hat, oder vielleicht noch als Mineralogen. Im Österreich des späten 18. Jahrhunderts war er hingegen als Forscher und Wissenschaftler eine bedeutende Persönlichkeit. Liesst man seinen abenteuerlichen Lebenslauf, fallen sofort seine weiten und ausgedehnten Reisen und Wanderungen auf - Hacquet war über 30 Jahre lang jährlich mehrere Monate unterwegs, damit dürfte er der am weitesten gereiste Forscher seiner Zeit gewesen sein. | | Dieses ungeheuer grosse Gebiet der Ostalpen, quasi von den Rhein-Quellen bis in den Balkan, ist von ihm teilweise mehrmals durchwandert worden. Seine Ziele waren keine modernen alpinistischen "Leistungen", aber unter der Berücksichtigung der harten damaligen Verhältnisse, war das Reisen in den Alpen mit den zahlreichen Passüberquerungen und schlechten Wegverhältnissen eine grosse physische wie psychische Leistung und ist aus heutiger Sicht nicht hoch genug einzuschätzen - fehlten doch die für den "Gipfelstürmer" des 20/21. Jahrhunderts gerade in den Ostalpen so beliebten "Jausestationen" und Hütten. Die Ergebnisse seiner Forschertätigkeit sind eine kaum zu überschauende Vielzahl an Veröffentlichungen, wobei insbesondere seine Reisebeschreibungen des ostalpinen Raumes von besonderer Bedeutung sind. Sie enthalten neben einer Fülle von Beobachtungen über Geologie, Mineralogie, Botanik und Montanistik, auch ethnographische und soziale Themen und geben damit einen hervorragenden Einblick in die damaligen Lebensverhältnisse in diesem Lebensraum. |  Titelkupfer | | Grundlage dieser alpinen Forschertätigkeit war neben seiner bis ins Alter reichenden gute körperlichen Konstitution und Gesundheit ("1799 hatte ich das 60. Lebensjahr erreicht; ich war noch gesund und kräftig, ...") auch ein scharfsichtiger Geist, sowie Enthaltsamkeit, Willensstärke und Bedürfnislosigkeit. So wanderte er "stets allein, seinem Schicksal überlassen mit seiner Rosinante" und "opferte sein Vermögen und Kräfte zum Wohle des Staates" um "Verachtung und Verlachung" als kargen Lohn zu ernten. | | Die Forschung in den Ostalpen beschränkte sich vor dem Erscheinen Belsazar Hacquetsauf wenige geologische Probleme, die in Einzelbeschreibungen dargelegt wurden: Karstphänomene, die Wirkungen des fliessenden Wassers und natürlich die Gletscher. Aber erst Hacquet, ausgerüstet mit den erforderlichen chemischen und physikalischen Kenntnissen, hat diese Fragen in der ihm eigenen klaren Art erforscht. Er war der erste, der eine Erklärung der als Dolinen bezeichneten Einbrüche im Karst gegeben hat: "Diese vielfältigen Aushöhlungen des Gebirges haben natürlicher Weise durch Auswaschung des Wassers Einsenkungen verursachen müssen" .(1) | | Verloren sich seine Vorgänger noch in räumlich begrenzten Einzelbe-schreibungen alpiner geophysikalischer Phänomene, war Belsazar Hacquet auf Grund seines umfassenden Wissens und Erfahrungen, in der Lage, vernetzt und interdisziplinär die richtigen Schlüsse zu ziehen. Ihm gebührt der Verdienst, die Dreiteilung der Ostalpen zum ersten Male von Nord nach Süd erkannt zu haben. | | Als Zeitgenosse, beide sind ja 1740 geboren, liegt der Vergleich mit Horace-Bénédict de Saussure nahe. " Saussure und Hacquet", so J. Huber (2), " verhalten sich in ihrer wissenschaftlichen Bedeutung nach wie die beiden Gipfel, die sie im Dienste der Wissenschaft bestiegen, Montblanc und Tiglav." Es lässt sich nicht leugnen, dass de Saussure seine Beobachtungen präziser fasst und übersichtlicher ordnet, insofern ist die wissenschaftliche Ausbeute seiner Werke grösser. "Im Gegensatz zu Hacquet wandelte de Saussure", so J. Huber weiter, "auf vielfach betretenen Wegen, während Hacquet erst mühsam neue Pfade bahnen musste; Saussure saß an einer wissenschaftlichen Zentrale, während Hacquet in einem Winkel von Europa wohnte, wo wenig oder keine Liebhaber von neuen Büchern sind (...)." Vergessen darf auch nicht werden, dass de Saussure wegen seiner glücklichen finanziellen Lage, über dreissig Jahre |
 Horace-Bénédict de Saussure | | seinen Forschungen hat nachgehen können, Hacquet aber durch die Versetzung nach Lemberg und diverse andere Hemmnisse, in dieser Kontinuität seiner Arbeit als alpiner Forscher nicht nachgehen konnte. | | Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die Auswirkungen seiner Leistungen auf die Entwicklung des Alpinismus in dieser Alpenhälfte. Hier kann man feststellen, dass die Besteigung des Triglav und des Grossglockners, an der er massgeblich beteiligt war, wenngleich er auch nie einen Fuss auf diesen Berg setzte, den gleichen Einfluss auf den Alpinismus hatte, wie die Besteigung des Montblanc für die Westalpen, an der Horace-Bénédict de Saussure grossen Anteil hatte. "Was Saussure für den Montblanc, das bedeutet Hacquet für den Triglav", so Julius Kugy. (3)
| | Siehe auch: Horace-Bénédict de Saussure Johann Jakob Scheuchzer | | |  | | | | Alle Zitate, soweit nicht anders angegeben, aus: Biographie und Testament, in: Belsazar Hacquet, Bruckmann, München (1) Physikal.- Politische Reise, 1. Teil (2) Die Anfänge der alpinen Forschung in den Ostalpen und im Karstgebiete.(bis 1800) Würzburg 1907. (3) Richter, Erschliessung der Ostalpen, Band III. |  |  | | | | Quelle: Internet; Gratzel,K., Mythos Berg, Hollinek; Seitz,G., Wo Europa den Himmel berührt, Artemis Verlag, Belsazar Hacquet, Alpine Klassiker, Bruckmann; |  | |