Der Geist des Ortes

 
 

OBEN


Johann Gottfried Seume Seume

»Ich halte den Gang für das Ehrenvollste und Selbständigste
in dem Manne und bin der Meinung, daß alles besser gehen würde,
wenn man mehr ginge.
… Fahren zeigt Ohnmacht, Gehen Kraft.«
Johann Gottfried Seume

s war die Zeit der Empfindsamkeit. Ob auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, Flucht in die Unabhängigkeit oder einfach nur banaler Liebeskummer ( seine Verlobte hatte sich gerade von ihm getrennt), ist heute nicht mehr auszumachen und letzten Endes auch ohne Belang.

Jedenfalls machte sich Johann Gottfried Seume vor etwas mehr als 200 Jahren, genau am 6. Dezember, dem Nikolaustag des Jahres 1801, auf den Weg zu einer Fussreise, aus der eines der bedeutendsten Werke der Reiseliteratur werden sollte, den "Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802".

Goethes Geschmack traf er nicht, dieser beschrieb ihn als zu "griesgrämig, misswollend und sanscoulottisch" - er reiste ja auch nicht wie Goethe: Wo Goethe Hof hielt, suchte Seume eine Unterkunft. Seine "Italienreise" war anderer Art. Seume geht - und sieht. Er sieht mit anderen Augen. Er sieht mit "unbestechlichem Blick und revolutionärem Bewusstsein", so Walter Benjamin. Er sieht als unangepasster Querdenker, als Republikaner, als Mann aus dem Volk, der in kein Klischee passt.

Als Sohn eines verarmten Bauern am 29.1.1763 in Poserna / Sachsen geboren, beginnt er, gefördert durch den Grafen Hohenthal-Knauthain, im Herbst 1780 ein Theologie-Studium in Leibzig. Schon ein Jahr später fiel er in eine religiöse Krise und wird bei einer Reise nach Paris von hessischen Werbern in den militärischen Dienst gezwungen, die ihn für den Kampf in den aufständischen, amerikanischen Kolonien an die Briten verkaufen. 1782 überquert er in einem Truppentransporter den Atlantik und Glück, nicht ins Gefecht zu müssen, da der Unabhängigkeitskrieg so gut wie entschieden war. 1784 gelangte Seume auf abenteuerlichen Wegen zurück nach Deutschland (Bremen).

Johann Gottfried Seume
Johann Gottfried Seume

Bei einem Fluchtversuch geriet er erneut in die Hände von Werbern, diesmal preussische, die ihn in ein Lager bei Emden internierten. Nach weiteren Fluchtversuchen kam er endlich 1787 frei. Ab Herbst 1787 studierte er durch erneute Förderung des Grafen Hohenthal-Knauthain Jura, Philosophie, Altphilologie und Geschichte in Leipzig. In den Jahren 1790 - 1792 war er Hofmeister und Erzieher des jungen livländischen Grafen Igelström und später Sekretär und Adjutant seines Onkels, des russischen Generals Igelström.

Mittlerweile zum Leutnant befördert, geriet er 1794 während des polnischen Aufstandes in Gefangenschaft und kehrte 1795 endlich nach Leipzig zurück, wo er als Hauslehrer arbeitete. 1797 wird er Lektor im Göschen-Verlag und brach 1801 zu seiner berühmten "Fussreise", dem "Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802" auf.

"Sparziergang nach Syrakus im Jahre 1802"

Sein Weg beginnt in Grimma bei Leipzig am 6. Dezember 1801 und führt ihn über Wien, Venedig, Rom und Neapel nach Syrakus auf Sizilien, das er im Frühjahr 1802 erreichtI. Im gleichen Jahr ist er wieder zu Haus.

Und das alles per pedes, oder besser fast alles - für einzelne Etappen gönnt er sich den Luxus einer Kutsche. Auch er wollte die Orginalschauplätze seiner antiken Autoren besuchen (Heraklit u.a. waren im Gepäck), auch er wollte anfangs Kultur erleben. Zusammen mit einer Gruppe Engländer bestieg er bei Eiseskälte den Ätna, wo sich einst der antike Philosoph und überzeugte Demokrat Empedokles in einen Krater gestürzt haben soll. Aber was als Bildungsreise, als "Grand Tour" begann, erreichte schnell eine neue Qualität.

Er beginnt hinter die Fassaden zu blicken, lässt die Hinterlassenschaften der Antike links liegen und richtet seine ganze Aufmerksamkeit auf die Menschen, denen er begegnet. Beispielsweise Venedig: Die Stadt findet er anfangs ganz "magisch", verlässt es aber bald, weil die Armut ihn bedrückte - Bettelei ist eben nicht pittoresk! Unterwegs reizen ihn die Weizenfelder und Wasserleitungen mehr als die Qualitäten von Landschaft und Architektur.

Johann Gottfried Seume
Der Fusswanderer Seume

Auf Sizilien ist er entsetzt über die dort herrschende Rückständigkeit und Armut, hervorgerufen durch Versäumnisse und Korruption der Herrschenden. Nein, " der Italiäner ist ein edler, herrlicher Mensch, aber seine Regenten sind Mönche und Mönchsknechte". Mit seinem "Spaziergang" ist er seiner Zeit weit voraus, es ist ein ungewöhnlicher Blick von unten auf die Lebensverhältnisse dieses deutschen Sehnsuchtslandes, quasi das prosaische Gegenstück zu Goethes "Italienreise".

Er "tornistert" wie er seine Art der Fussreise nennt und das ganz bewusst: "Wer geht", bemerkt er, "sieht im Durchschnitt anthropologisch und kosmisch mehr als wer fährt. ... Sobald man im Wagen sitzt, hat man sich sogleich einige Grade von der ursprünglichen Humanität entfernt."

Und was der Tornister enthält, wundert manchen Fussreisenden in heutiger Zeit: Zwei Hosen, zwei Westen, zwei Unterhosen und ein blauer Frack, zwei Paar Strümpfe, zwei Taschentücher, vier Halstücher, ein Paar Straßenschuhe, ein Paar Stiefel, ein Paar Pantoffeln. Dabei waren auch Flickzeug, eine Bürste und zwei Notizbücher. Und natürlich Bücher: Catull, Heraklit, Homer, Theokrit, Anakreon, Platus, Horaz, Virgil, Tacitus,...

Die Leichtigkeit, mit der uns das Wort "Spaziergang" in diesem Zusammenhang begegnet, wird es nicht gegeben haben. Diese Reise war gefährlich und beschwerlich, grenzt aus heutiger Sicht geradezu an Selbst- und Grenzerfahrung.

Seume betätigte sich nach seiner Rückkehr wieder als Hauslehrer. 1805 bereiste er den Nordosten Europas und stirbt am 13.06.1810 während einer Kur in Teplitz/Tschechien.


In der heutigen Zeit, in der Autos, Flugzeuge und Eisenbahnen die Füsse oder besser die eigene Muskelkraft ersetzen, in der Erholung in "Animation", "Fun" oder leerem Pauschal-Urlaub gesucht wird, ist eine Besinnung auf Seumes Art zu reisen, also bewusst, mit allen Sinnen, geradezu eine Notwendigkeit.


"Meine meisten Schicksale lagen in den Verhältnissen meines Lebens; und der letzte Gang nach Sizilien war vielleicht der erste ganz freie Entschluß von einiger Bedeutung".
Johann Gottfried Seume


Quelle:Internet


LINK zun Thema

Text des "Sparziergangs"
Link:"Sparziergang nach Syrakus im Jahre 1802"

Seume Forum
Link: www.seume.de

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