Genius Loci
Der Geist des Ortes
 
 

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Portraits

 

"Manchmal hatte ich das große Glück der Wunschlosigkeit gespürt, jene große Stille, die jede Musik und alle Schönheit der Erde erschließt".
Herbert Tichy

 

n den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts, machten sich die ersten Bergsteiger wieder daran, die höchsten Berge des Himalaya zu ersteigen; ein Wettlauf um die 8000er begann.
Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb, gelang es einem, der sich aus

dem Wettbewerb grundsätzlich heraushielt, den 8201 m hohen Cho Oyu zu besteigen: Dem Wissenschaftler, Geologen, Journalisten, Schriftsteller und "Nicht-Berg-steiger" Herbert Tichy. Führte er dieses Unternehmen nur "nebenbei" durch, war seine eigentliche Passion das "Wandern" und die Neugierde.

Und diese Neugierde beginnt bei dem 1912 in Wien geborenen schon relativ früh: 1933, kurz nach den Abitur und vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges, reist er auf dem Sozius eines von Max Reisch (1912-1985) gefahrenen Motorrades nach Indien. Auf dieser Fahrt sieht und erlebt er das, was ihn sein ganzes späteres Leben beschäftigen sollte: Asien mit seinen Menschen. Und natürlich den Himalaya, zu diesem Zeitpunkt noch mehr Traum als Wirklichkeit.

Indien, Kailash und Gurla Mandhata

Ein Studium der Geologie eröffnet ihn in diesem Zusammenhang ganz neue Möglichkeiten. Durch die Arbeit an seiner Dissertation ("Irgendwas über die Schaarung von Muzafarabad in Beziehung zum Gesamtbau des Pir Panjal") erhält er die Möglichkeit zu einem Studienaufenthalt an der Universität im nordindischen Lahore. Doch seine Studien zur "Schaarung von Muzafarabad" liegen ihm nicht so sehr am Herzen wie der Traum von einem Marsch ins benachbarte Tibet - er will zum 6.700 Meter hohen heiligen Berg Kailash, ganz wie sein damaliges Idol Sven Hedin, der schon 1905 zum Kailash gekommen war.

Im Stile einer Alexandra David-Néel ("Europäern war die Reise zu ihm verschlossen. Ein indischer Freund wollte es wagen, mich nach Tibet zu begleiten. Wir verkleideten uns als Pilger") tritt er 1935 in Begleitung des Sherpas Kitar, des indischen Studenten Chatter Kapur sowie eines 16 jährigen Hindu-Jungen die Reise an, verkleidet als indischer Pilger. Ohne grosse Probleme pilgern sie zum heiligen Berg, umrunden ihn und nehmen ein rituelles Bad im ebenfalls heiligen Manasarovar-See.

Herbert Tichy
Tichy als indischer Pilger

Als alpinistische "Entgleisung" und eines Pilgers eigentlich nicht würdig, erweist sich der missglückte Versuch, den 7730 m hohen Gurla Mandhata zu besteigen. Zurück im ihm jetzt fremden Wien, schreibt er seine Dissertation und hält über die Pilgerreise seinen ersten Vortrag. 1937 erscheint sein in viele Sprachen übersetztes und berühmtes Buch "Zum heiligsten Berg der Welt", zu dem Sven Hedin das Geleitwort verfasste.

"Eskimos sind friedfertige Menschen". Alaska 1938

Ein Jahr später (1938) bricht Tichy zu einem halbjährigen Alaska-Aufenthalt auf und arbeitet dort als Fotograf, Matrose und Bäcker. Seine positiven Erfahrungen kumulieren in dem Satz: "Die Zivilisation Alaskas ist vielleicht die glücklichste, die der weiße Mann zu bilden imstande war. Sie ist eine Mischung aus skandinavischer Ehrlichkeit und asisatischer Ruhe mit amerikanischen Konserven und Wasserflugzeugen. Eskimos sind friedfertige Menschen."

Treibgut des Krieges

Mit dem deutschen Überfall auf Polen im September 1939 und dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, wird der 27jährige Geologe ein "kriegswichtiger Experte" und muss in den besetzten Gebieten nach Öl suchen. Doch schon bald kehrte er als

Herbert Tichy mit Lamas
Tichy mit Lamas in Tibet

Korrespondent in Begleitung eines thailändischen Ministers, der Berlin besuchte, insein geliebtes Asien zurück. ("Vier Wochen vor Ausbruch des Krieges mit Russland fuhr ich mit dem Trans-Sibirien-Express nach Osten. Dann war der Rückweg abgeschnitten, und aus den geplanten sechs Monaten wurden sieben Jahre. Die meiste Zeit davon lebte ich in Peking.") Als "Treibgut" des Krieges, unternimmt er mit nur bescheidenen Mitteln zwischen 1941- 1948 ausgedehnte Reisen (Thailand, Vietnam, China und Tibet), die er durch gelegentliche Korrespondenten-honorare für Zeitungen finanziert. In seinem Buch "Weisse Wolken über gelber Erde" berichtet er über diese Zeit.

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1953 erfüllt sich ihm ein grosser Traum: Er erhält von der nepalischen Regierung ein sehr grosszügiges "permit", mit dem er das ganze westliche Nepal durchqueren darf, inklusive der Möglichkeit, jede beliebige Route zu nehmen und jeden Gipfel zu besteigen. Mit den Sherpas Pasang Dawa Lama, Adjiba, Gyalzen und Pemba bricht er zu Fuss in den Westen des Königreiches auf, wo vor ihm als Europäer nur der Schweizer Geologe und Entwicklungshelfer Toni Hagen unterwegs gewesen war. Aus dem Team werden Freunde und mit einfachsten Mitteln ersteigen sie bisher unerstiegene Sechstausender.

Pasang Dawa war schon 1939, damals noch als junger Mann, mit dem deutsch-amerikanischen Bergsteiger Fritz Wiesner am K2 unterwegs und kam bis knapp unter den Gipfel in 8.400 Meter Höhe. Im Rahmen dieser Expedition war das Duo seiner Zeit um dreißig Jahre voraus: ohne Sauerstoff und mit bescheidensten Mitteln.

Pasang Dawa Lama
Pasang Dawa Lama

Später bilden die "namenlosen Berge" Westnepals, auf denen die beiden Freunde Pasang Dawa und Herbert Tichy stehen, das Fundament für Pasangs Vorschlag, einmal einen "richtigen" Berg zu besteigen: den 8189 m hohen Cho Oyu. Da auch bei dieser "Expedi-

tion" die finanziellen Mittel bescheiden waren, müssen sie ihr komplettes Gepäck über Bergpfade, Flusstäler und Pässe selber tragen. Nicht mehr als 900 Kilogramm betrug das Gesamtgewicht ihrer Ausrüstung - eine der ersten Kleinexpeditionen, lange vor Reinhold Messner. Als weitere Mitglieder der Expedition gewinnen sie den erfahrenen Tiroler Bergsteiger Sepp Jöchler und den Geographen und Bergsteiger Dr. Helmut Heuberger.

Herbert Tichy
Herbert Tichy mit verbundenen Händen

Den eigentlichen Gipfelwunsch verspürte der Nicht-Bergsteiger Tichy ("Ich bin kein Bergsteiger im strengen Sinn des Wortes.") erst am ca. 5800 m hohen Nangpa La-Pass, wo er erkannte: "Plötzlich aber wurde diese Wunsch-losigkeit von einer neuen Begierde gestört: Ich wollte auf dem Gipfel des Cho Oyu stehen! Das mag, da ja unser Unternehmen diesem Ziel, dem Gipfel, diente, eine seltsam verspätete Erkenntnis scheinen. Aber bisher hatte ich den Gipfel anders gewünscht."

Beinahe wäre das Unternehmen schon beim ersten Versuch in 7000 m Höhe durch ein Unwetter, das die Zelte zu zerreissen drohte, gescheitert. Bei dem Versuch, die Ausrüstung zu Retten, holte sich Tichy durch Greifen in den Schnee schwerste Erfrierungen. Doch das Glück ist auf ihrer Seite und am 19. Oktober 1954 um

ca. drei Uhr nachmittags, stehen Herbert Tichy, Pasang Dawa und Sepp Jöchler als erste Menschen auf dem Gipfel des Cho Oyu. Der Gipfel wurde zum Ort tiefer seelischer Erfahrung: "Die Welt erschien mir durchtränkt mit einer bislang unbekannten Güte und Milde. Die Grenze zwischen mir und dem Rest der Schöpfung hörten auf zu bestehen. Die Naturerscheinungen Himmel, Eis, Gestein, Wind und ich, die das Leben ausmachten, waren ein untrennbares und göttliches Ganzes. Ich selbst fühlte mich - der Widerspruch liegt auf der Hand - so mächtig wie Gott und gleichzeitig so unbedeutend wie ein Sandkorn".

Für Herbert Tichy war, wie auch er immer wieder unterstrich, der menschliche Erfolg dieser Expedition, wichtiger als der bergsteigerische. Das zeigt sich einerseits in den ausgelassenen Festlichkeiten in jeder Ortschaft, in der die erfolgreiche Expedition mit den Einheimischen feierte, und andererseits ein Jahr später an einer Einladung an Pasang Dawa Lama mit seiner jungen Frau Diki Sherpa, ihn in Österreich zu besuchen. Als Resultat der Nepal-Wanderungen und Cho Oyu-Besteigung erschienen seine Bücher "Land der namenlosen Berge" (1954) und "Cho Oyu - Gnade der Götter" (1955).

Das Ende der Reise

Auch sein weiteres Leben war von Reisen und Schreiben bestimmt. 1963 reiste er von Kapstadt nach Nairobi, 1971/72 durch Indonesien, 1976 unternahm er eine Autofahrt nach Pakistan. Die Erfahrungen dieser Reisen kann man in den Büchern "Heiße Erde - schwarze Hoffnung" (1964), "Himalaya" (1968), "Tau-Tau" (1973), "Auf fernen Gipfeln" (1976) und "See an der Sonne" (1980) nachlesen. Seine letzte Reise unternahm er 1987, nur wenige Monate nach seinem 75. Geburtstag. Herbert Tichy starb am 26. September 1987.

Tichy, der Wanderer

Tichy war eine Ausname, ein Einzelgänger ein "Wanderer", immer getrieben und unterwegs. Ihn interessierte weniger das Ziel, sondern mehr der Weg dahin und die Menschen die ihn dabei begleiteten, die er traf. "Er gehörte zu jenen, die noch ,vom Lande lebten.' Wenn er von einem hohen Pass auf unwegsamen Pfaden in ein unbekanntes Tal abstieg, wünschte er sich nichts sehnlicher, als kein Fremdkörper in dieser wundersamen Welt zu sein. Zu Tichys wahren Lehrmeistern zählten vor allem die Heiligen des Himalaya: Sadhus, Gurus. (...)", schrieb Irene Hond in einem Nachruf im Todesjahr Tichys. Im Mittelpunkt seines Lebens und Wirkens stand immer der Mensch. Nicht Berühmtheiten, sondern die einfachen Menschen, die er unterwegs traf, die das wahre Wesen eines Landes ausmachen. Er sagte einmal: "Man sagt, wenn man ein Volk kennen lernen will, muss man mit den Männern arbeiten und den Frauen schlafen. Ich sag' auch noch: Man muss dort arm sein".

Zu dieser quasi ganzheitlichen, für einen Europäer dieser Zeit ungewöhnlichen Sichtweise, kam noch eine fast demütige Haltung zur Natur, insbesondere zu den Bergen: "Berge sind für mich, auch wenn sie mich immer angezogen haben, nicht abstrakte Ziele, an denen man seine technischen Fähigkeiten und seine körperliche Leistungskraft beweisen kann, sondern nur Teile jener großen Welt, in der ich mich so wohl fühle. Ich habe die Gipfel geliebt, wie ich einzelne Menschen liebte, als gleichwertige Teile eines größeren Ganzen."

 

s.a.: Herbert Tichy - Erklärungsversuche

Quelle: Internet; Tichy, Herbert: Weisse Wolken über Gelber Erde, Federking & Thaler; Tichy, Herbert: Zum heiligsten Berg der Welt, Buchgemeinschaft Donauland; Lechenperg, Harald: Himmel-Hölle-Himalaya, Bertelsmann Lesering; Senft, Willi u. Hilde: Herbert Tichy, Weishaupt Verlag; Bonington, Chris: Triumph in Fels und Eis, Pietsch

 
Bergsteiger

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