Der Geist des Ortes

 
 

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Portraits

Matthias  Zurbriggen / Monte - Rosa - Ostwand

n einem schönen Morgen im August des Jahres 1886 machten sich der Alpinist, Alpin-Schriftsteller und Kaufmann Julius Kugy und der junge 30jährige Bergführer Matthias Zurbriggen vom italienischen Macugnaga aus, Alpingeschichte zu schreiben: die Erstbegehung der mit 2400 Höhen-

metern und bis zu 55° steilen Eisflanken längste Wand der Alpen, der Monte-Rosa-Ostwand.

Matthias  Zurbriggen
Matthis Zurbriggen

28 Jahre zuvor wurde der im Jahre 1856 geborene Matthias im Angesicht dieser Wand als 2jähriger über den Monte-Moro-Pass getragen. Die Eltern mussten aus Not Saas Fee verlassen, um im benachbarten italienischen Magguna, dem heutigen Macunaga, im Valle Anzascha eine neue Heimat zu suchen. Der Vater Lorenz fand ein Auskommen in einer Goldmine, verunglückte aber tödlich. 1870, mit 14 Jahren, schnürte der Hütebub sein Bündel und zog in die Welt, um sein Glück als "Allerweltshandwerker" in den Kupferminen von Annivers, beim Bau des Lötschbergtunnels, sowie in einigen Städten Italiens und Frankreichs wies auch in Tunis und Algier zu suchen. Mit einem netten Sümmchen Geld, kehrte er nach 11jähriger Abwesenheit zu seiner Mutter zurück. Auswanderungspläne nach Chile reiften in seinem Kopf. Doch "von ihrem zärtlichen Bitten überwunden", blieb er in Macunaga. Matthias eröffnete einen Krämerladen, in dem er auch Schmugglerware verkaufte, die über den Monte Moro- und Morelli Pass in schweren Jutesäcken geschleppte wurde. Bald stand allerdings mehr seine Mutter im Laden als Matthias: er hatte die Berge entdeckt.


" Das Geheimnis des Führers heißt Vorsicht"

Seine Karriere begann mit kleinen Bergführeraufträgen in die Umgebung, und in nur zwei Bergsommern reifte er mit seiner natürlichen Begabung zu "einem vollendeten Techniker mit Eispickel und Seil". Mit dem Durchstieg der Monte-Rosa-Ostwand gelang ihm ein meisterlicher Einstand. In wenigen Sommern wurden aus dem Autodidakten Zurbriggen ein verantwortungsvoller Bergführer, der es verstand sowohl mit Seil und Eisbeil, als auch mit Höhenmesser, Karte und Kompass umzugehen - eine Ausbildung zum Bergführer gab es damals noch nicht. Viele, überwiegend englische Gipfelstürmer suchten seine Führerschaft, und die kommenden Jahre in den Alpen sollten zum Auftakt einer großen Karriere werden. Mit seinen nur 1,68 m war er nicht der größte, aber seine körperliche Kraft und Robustheit, gepaart mit einem untrüglichen Sinn für richtige Entscheidungen machten ihn zum begehrtesten Führer seiner Zeit, der sich seine Kunden aussuchen konnte. Allein oder mit Kunden, als Bergführer, Kletterpartner oder auch als Reisebegleiter, erkletterte und erkundete er die Westalpen, brachte seine Kunden auf Matterhorn, Lyskamm, Dent Blanche, Weißhorn und Mont Blanc. Er führte so illustre Alpinisten und Abenteurer wie Edward Whymper, Lord Conway of Allington, das Ehepaar de Fonblanque, das Ehepaar Bullock Workman, Fürst Scipione Borghese und den Hutfabrikanten Giuseppe Borsalino.


In die Traumgebirge
William Martin Conway
William Martin Conway, (1856-1937)

1891 lernte der nun berühmte Zurbriggen Sir Martin Conway kennen - eine Bekanntschaft, mit der ein neuer Abschnitt seines Lebens beginnen sollte: die Berge der Welt. Ein Jahr später begleitet er Conway auf eine groß angelegte, achtmonatige Expedition ins Karakorum als Führer, mehr als 16 Gipfel von über 5000 Metern Höhe - darunter der Pioneer Peak mit 6890 m (Höhenrekord), wurden von ihm bestiegen. Voller Dankbarkeit vermerkt er: "Ich fühlte mich dem Himmel näher. All die Schönheit sah ich vor mir ausgebreitet, mit der ein gütiger Gott unsere Welt beschenkt hat."
Nach zwei Jahren in den Alpen, reiste er 1894 mit dem Engländer Edward FitzGerald nach Neuseeland, wo sie ge-

meinsam den Mt. Sealy,Mt. Tasman, Silberhorn und Mt. Haidinger erstbestiegen - den höchsten Berg hingegen, den 3754 m hohen Mount Cook, bestieg er allein. Eine weitere Reise nach Neuseeland mit dem Hutfabrikanten Borsalino von Alexandria war wegen widriger Wetterverhältnisse im Jahr 1895 weniger fruchtbar.

Matthias  Zurbriggen
Harper, Tuckett, Fitzgerald und Matthias Zurbriggen (r.) 1895 am Mt. Cook in Neuseeland)
Matthias  Zurbriggen
Gipfelfoto auf demMt. Haidinger mit Zurbriggen (l.) und Clark, fotografiert von Fitzgerald, anlässlich der Erstbesteigung vom 8. 02. 1895)
Auf dem Aconcagua

Mit nun vierzig Jahren schiffte er 1896 als Führer einer zehnköpfigen Expedition unter der Leitung von Edward Fitz Gerald nach Südamerika ein und landete kurz vor Weihnachten in Rio de la Plata - Ziel der Expedition war der 6959 m hohe Aconcagua. Am Fuß des Berges erhalten sie die Nachricht, dass eine deutsche Expedition das gleiche Ziel hat. Nach zwei Fehlschläge am Berg, begann die Expedition am 9. Januar 1897 mit einem dritten Versuch. Am 14. Januar musste FitzGerald ca. 500 m unter dem Gipfel entkräftet aufgeben, der Weg für Matthias war nun frei - um 16.45 stand Matthias Zurbriggen allein und als erster Mensch auf dem höchsten Berg des amerikanischen Kontinents. Mit der Besteigung des 6550 m hohen Tupungato, einem wuchtigen Berg ca. 100 km südlich des Aconcagua, der Zurbriggen schon vorher aufgefallen war, rundete er diese überaus erfolgreiche Reise ab.


Aconcagua, höchster Berg des amerikanischen Kontinents, 6962 m

"Die Schweizerberge sind doch ein unbekanntes Paradies"

Zurück in der Heimat widmete er sich wieder seinen Walliser Bergen. Im Sommer 1898 war er mit verschiedenen Auftraggebern unterwegs. So erklomm er Portjengrat, Weismies und Fletschhorn im westlichen Wallis, in Italien den Monte Leone, zog weiter über den Aletschgletscher zum Aletschhorn, Wildstrubel und Bietschhorn und dann zurück zu seinem Berg, dem Monte Rosa.

Himalayafahrt und Tien-Shan
Wiliam Hunter Workman
Wiliam Hunter Workman

Im Jahr 1899 brach er mit dem englischen Forscher Dr. Wiliam Hunter Workman und seiner Frau Fanny Bullock Workman zu seiner zweiten Himalayareise auf, die mehr dem Sammeln geographischer Kenntnisse diente. Trotzdem erreichte er mehrere Gipfel zwischen 5300 und 5900, darunter einige Erstbesteigungen. Höhepunkt der Expedition war die Besteigung des 6400 m hohen Mount Koser Gunge. Mit von der Partie war auch Fanny Workman, die als erste Frau die Höhe von 6000 m erreichte, was ihm zu der Bemerkung veranlasste "... denn ich bin überzeugt,

Fanny Bullock Workman
Fanny Bullock Workman

dass eine gute Bergsteigerin weit grössere Höhen erreichen kann, und habe nur die eine Hoffnung, dass man mich dann als Führer wählt."
Matthias Zurbriggen war in aller Munde und als Führer sehr begehrt. So begleitet er ein Jahr später den Fürsten Scipione Borghese mit seinem Freund Professor Giulio Brocherel als Führer in den Tien-Shan, der Heimat der Usbeken und Kirgisen, um dort Erstbesteigungen und wissenschaftliche Forschungen zu unternehmen. Höhepunkt dieser Expedition sollte die Besteigung des Khan Tengri sein, der damals mit einer Höhe von 7200 geführt wurde, später aber mit 6995 m vermessen wurde. Zu einem Erfolg am Gipfel kam es leider nicht. Aus wissenschaftlicher Sicht war die Expedition trotzdem ein gelungenes Unternehmen, denn Fürst Borghese belichtete auf Fotoplatten mit seiner Plattenkamera über tausend Fotos aus dieser bisher relativ unbekannten Gegend, und Borchel konnte seine Kenntnisse durch botanischen und ethnische Studien beträchtlich erweitern.
Zu einer dritten Himalayafahrt verpflichteten ihn 1902 wieder Dr. Workman. Mit von der Partie war neben Workmans Frau Fanny der Topograph Dr. K. Oesterreich. Ziel war die Erkundung des weitgehend unerforschten Tschogo-Lungma-Gletscher mit seinen Nebengletschern. Bergsteigerischer Höhepunkt sollte die Ersteigung des 7250 m hohen Mount Haramosch sein. Wegen widriger Bedingungen musste der Versuch jedoch abgebrochen werden.

Das rätselhafte Lebensende

Nun trat ein merkwürdiger Bruch in seinem Leben ein. Nach den großen Erfolgen in den Gebirgen der Welt, quasi auf dem Gipfel seines Ruhmes, brechen seine internationalen Aktivitäten abrupt ab. Nur noch als gemeiner Bergführer auf bekannten Routen in den Alpen trat er in Erscheinung. Symbolisch ist eine seiner letzten Touren: Die von ihm so geliebte Monte Rosa Ostwand mit Dr.Julius Kugy, der Wand und dem Manne, mit dem alles so glanzvoll 1886 begann. 1907 brechen seine Aktivitäten als Bergsteiger abrupt ab - und seine Name verschwindet gänzlich aus der Alpingeschichte. Von den Bergen, aus seinem geliebten "Magguna", zog er ins moderne Genf - der Grund liegt bis heute im Dunkeln. Getrennt von seiner Frau Ursula Schranz und seinen Kindern stürzte er in Not und Armut- und sicher auch in tiefe Depression. Am Rande der Verzweiflung, in tiefer Geldnot verfiel er dem Alkohol und setzte am 21. Juni 1917 seinem Leben ein Ende.

Matthias  Zurbriggen
Matthis Zurbriggen

In einem Nachruf kommt Lord Conway der Frage nach dem Lebensende auf die Spur:"Zurbriggen war leidenschaftlich, ausschweifend, überschwänglich. Er gehörte nicht zu den Männern, die gewillt sind, als Bergsteiger bis in das sechzigste Jahr auszuhalten. Sein Leben endete, als er es bis zur Neige ausgetrunken hatte." "Man hat einen guten Mann begraben, und uns war er noch mehr", so einer seiner englischen Freunde. Heute ruht Matthias Zurbriggen auf dem Friedhof von Genf.
Durch das Auffinden seines Bergführerbuches durch den Urenkel Tom Zurbriggen aus Onalaska/Wisconsin, der es im Estrich seiner Elternhauses in Iowa entdeckte und dem Schweizerischen Alpinen Museum in Bern überreichte, konnte weitere Erkenntnisse gewonnen werden - somit sind seine bergsteigerischen Unternehmungen hinreichend dokumentiert. Was aber zu dem abrupten freiwilligen Ende seiner Bergführerlaufbahn führte, ist noch immer nicht bekannt. Es blieben letztendlich mehr oder weniger nur Fragen: "Haben ihn die Berge müde gemacht oder ihn sozusagen ausgebrannt? Haben die Strapazen seinem Körper derart zugesetzt, daß er auf weitere Bergfahrten verzichten musste? Oder war er vielleicht der kleinen Bergtouren überdrüssig, weil keine Erstbesteigungen mehr winkten? " so Walter Kalbermatten und Andre Zurbriggen


"Zum Schluß noch ein Wort!
Es gibt noch einen Riesenberg, den ich gern besteigen möchte! Das ist der Mount Everest! Zum Gipfel eines jeden Berges führt ein gangbarer Weg. Ich glaube sicher, daß es auch einen auf den Mount Everest, den Allerhöchsten, gibt."

Matthias Zurbriggen

 

(1) Kalbermatten, W. / Zurbriiggen, A.: Matthias Zurbriggen

Quellen:
Internet;
Kalbermatten, W. / Zurbriiggen, A.: Matthias Zurbriggen, Selbstverlag, Saas Almagell; Trenker, L.: Helden der Berge

 

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