 Der Geist des Ortes
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| | Curiosa - mit und ohne Absicht
| | Ödön von Horváth | | Die Eispickelhexe Wintersportlegendchen | | | Die Eispickelhexe, 1930er Jahre | | Hoch droben in dem Lande in dem es weder Wälder noch Wiesen nur zerklüftete Eisäcker gibt, dort haust die Eispikkelhexe. Statt den Zehen wuchsen ihr Pickelspitzen und ihre Zähne sind klein und aus blauem Stahl. Ihre Brüste sind mächtige Hängegletscher und- trinkt sie Kaffee mit Gemsenblutt darf niemand sie stören. Nicht einmal die Mauerhakenzwerge. Sie ist aller Eispickel Schutzpatronin. Drum in den Nächten auf den Hütten, wenn jene sich unbeobachtet meinen, schleichen sie aus den Schlafräumen ihrer Herrn: von den Haken herab, aus den Ecken heraus, unter den Bänken hervor - unhörbar zur Türe hinaus. Dort knien sie nieder und falten ihre Pickelschlingen und beten zum Schutzpatron um guten Schnee -
| | Wintersportlegendchen | | Wenn Schneeflocken fallen, binden sich selbst die heiligen Herren Skier unter die bloßen Sohlen. Also tat auch der heilige Franz. Und dem war kein Hang zu steil, kein Hügel zu hoch, kein Holz zu dicht, kein Hindernis zu hinterlistig - er lief und sprang und bremste derart meisterhaft, daß er nie seinen Heiligenschein verbog. So glitt er durch winterliche Wälder. Es war still ringsum und - eigentlich ist er noch keinem Menschen begegnet und auch keinem Reh. Kur eine verirrte Skispur erzählte einmal, sie habe ihn auf einer Lichtung stehen sehen, woselbst er einer Gruppe Skihaserln predigte. Die saßen um ihn herum im tiefen Schnee, rot. grün. gelb, blau -und spitzten andächtig die Ohren, wie er so sprach von unbefleckten Trockenkursen im Kloster »zur guten Bindung", von den alleinseligmachenden Stemmbögen, Umsprung-Ablässen und lauwarmen Telemark ein. Und wie erschauerten die Skihaserln, da er losdonnerte wider gewisse undogmatische Unterrichtsmethoden.
Horvath, Ödin von: Gesammelte Werke |  |  | | Quelle: Wo Europa den Himmel berührt Artemis (vergriffen) |  | | Über den Autor |  | Horváth, Ödön (Edmund) von, * 9. 12. 1901 Fiume (Rijeka, Kroatien), † 1. 6. 1938 Paris (Frankreich; Unfall), Dramatiker und Erzähler. Sohn eines österreichisch-ungarischen Diplomaten, lebte ab 1923 als Schriftsteller in Berlin und Murnau (Bayern). Aufgrund von nationalsozialistischen Repressalien 1933-38 in Wien, emigrierte im März 1938 nach Paris. Seine Stücke stehen in der Tradition des Wiener Volksstücks und der österreichischen sprachskeptischen Literatur. Vor | | allem durch die Demaskierung kleinbürgerlicher Sprache ("Bildungsjargon") und Verhaltensweisen übte er radikale Sozialkritik, wobei besonders die Frauen als Opfer erscheinen. In seinem Spätwerk, den Romanen "Jugend ohne Gott" (1937) und "Ein Kind unserer Zeit" (1938) befasste er sich mit dem Aufstieg des Faschismus. Kleist-Preis 1931 | | |
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