Genius Loci
Der Geist des Ortes

 
 

OBEN
Prosa

Bergfahrten



Dieter Fuchs /Johann Wolfgang von Goethe

Ein Bergvagabunden-Gespräch mit einem mehrfachen europäischen Gipfelstürmer

Herr Staatsminister von Goethe, Sie haben langjährige bergsteigerische Erfahrungen.
Ja, ich habe die Furka, den Gotthard bestiegen! Dieser erhabenen, unvergleichlichen Naturszenen werden immer vor meinem Geiste stehen.

Gab es noch andere Schweizer Gipfel, die im Verlauf Ihrer drei Reisen in das Land der Eidgenossen von Ihnen bezwungen wurden? Ich denke da beispielsweise an die Dole.
Ich war in einiger Sorge wegen des Nebels, doch zog ich aus der Gestalt des obern Himmels einige gute Vorbedeutungen. Wir betraten endlich den obern Gipfel und sahen mit größtem Vergnügen uns heute gegönnt, was uns gestern versagt war. Das ganze Pays de Vaud und de Gex lag wie eine Flurkarte unter uns, alle Besitzungen mit grünen Zäunen abgeschnitten, wie die Beete eines Parterres. Wir waren so hoch, daß die Höhen und Vertiefungen des vordern Landes gar nicht erschienen.

War Ihnen so weit oben niemals schwindlig, ich meine, litten Sie nie an Höhenangst?
Wenn ja, wie konnten Sie diese überwinden? Ich erstieg ganz allein den höchsten Gipfel des (Straßburger) Münsterturms und saß in dem sogenannten Hals unter dem Kopf oder der Krone, wie mans nennt, wohl eine Viertelstunde lang, bis ich es wagte, wieder heraus in die freie Luft zu treten, wo man auf einer Platte, die kaum eine Elle ins Gevierte haben wird, ohne sich sonderlich anhalten zu können, stehend das unendliche Land vor sich sieht, indessen die nahsten Umgebungen und Zierarten die Kirche und alles, worauf und worüber man steht, verbergen. Es ist völlig, als wenn man sich auf einer Montgolfiere in die Luft erhoben sähe. Dergleichen Angst und Qual wiederholte ich so oft, bis der Eindruck mir ganz gleichgültig ward.

Allem Anschein nach interessierten Sie sich besonders für den Gotthard. Warum?

Der Gotthard ist zwar nicht das höchste Gebirg der Schweiz, und in Savoyer übertrifft ihn der Montblanc an Höhe um sehr vieles; doch behauptet er den Rang eines königlichen Gebirges über alle andere, weil die größten Gebirgsketten bei ihm zusammenlaufen und sich an ihn lehnen. Ja, wenn ich mich nicht irre, so hat mir Herr Wyttenbach zu Bern, der von dem höchsten Gipfel die Spitzen der übrigen Gebirge gesehen, erzählt, daß sich diese gleichsam gegen ihn zu neigen scheinen. Die Gebirge von Schwyz und Unterwalden, gekettet an die von Uri, steigen von Mitternacht, von Morgen die Gebirge des Graubündner Landes, von Mittag die der italienischen Vogteien herauf, und von Abend drangt sich durch die Furka das doppelte Gebirg, welches Wallis einschließt, an ihn heran.

Auch in Italien gibt es herrliche Berge, zumal die Vulkane. Auf der Profilkarte sind Vesuv und Ätna unschwer an den Rauch? wolken zu erkennen. Sie als geologisch Interessierter haben sich die sicher nicht entgehen lassen, oder?
Die Kunde einer soeben ausbrechenden Lava, die für Neapel unsichtbar nach Ottajano hinunterfließt, reizte mich, zum drittenmale den Vesuv zu besuchen ...

... und den Gnpfel zu bezwingen!?

Am Fuße des steilen Hanges empfingen uns zwei Führer, ein älterer und ein jüngerer, beides tüchtige Leute. Der erste schleppte mich, der zweite Tischbein den Berg hinauf. Sie schleppten, sage ich: denn ein solcher Führer umgürtet sich mit einem ledernen Riemen, in welchen der Reisende greift und, hinaufwärts gezogen, sich an einem Stabe, auf seinen eigenen Füßen, desto leichter empor hilft.

Und wie stellte sich die Situation am Ätna dar?
Die Lavamassen im Vordergrunde, der Doppelgipfel des Monte Rosso links, gerade über uns die Wälder von Nicolosi, aus denen der beschneite, wenig rauchende Gipfel hervorstieg. Wir rückten dem roten Berge näher, ich stieg hinauf: er ist ganz aus rotem vulkanischem Grus, Asche und Steinen zusammengehäuft. Um die Mündung hätte sich bequem herumgehen lassen, hätte nicht ein gewaltsam stürmischer Morgenwind jeden Schritt unsicher gemacht.

Ich verstehe, Sie konnten gar nicht bis ganz hinauf. Wie haben Ihre Vulkanbesteigungen sich auf Ihre Haltung zur immer mehr Zulauf gewinnenden Theorie der vulkanischen Erdentstehung ausgewirkt?

Die Sache mag sein wie sie will, so muß geschrieben stehen, daß ich diese vermaledeite Polterkammer der neuen Weltschöpfung verfluche, und es wird gewiß irgendein junger geistreicher Mann aufstehen, der sich diesem allgemeinen verrückten Konsens zu widersetzen Mut hat.

Lassen Sie mich grundsätzlich nachhaken, weshalb geologische Fragen Sie über viele Jahre so stark bewegt haben?
Durch ein außerordentliches Weltereignis wurde die Gemütsruhe des Knaben zum erstenmal im tiefsten erschüttert. Am 1. November 1755 ereignete sich das Erdbeben von Lissabon und verbreitete über die in Frieden und Ruhe schon eingewohnte Welteinen ungeheuren Schrecken.

Und deshalb wollten Sie sich vergewissern, daß der Erdboden mitsamt seinen Erhebungen eigentlich doch festgefugt ist?

Jeder Weg in unbekannte Gebirge bestätigte die alte Erfahrung, daß das Höchste und das Tiefste Granit sei, daß diese Steinart, die man nun näher kennen? und von andern unterscheiden lernte, die Grundfeste unserer Erde sei, worauf sich alle übrigen mannigfaltigen Gebirge hinaufgebildet. In den innersten Eingeweiden der Erde ruht sie unerschüttert, ihre hohe Rücken steigen empor, deren Gipfel nie das alles umgebende Wasser erreichte. So viel wissen wir von diesem Gestein und wenig mehr. Aus bekannten Bestandteilen, auf eine geheimnisreiche Weise zusammengesetzt erlaubt es ebensowenig seinen Ursprung aus Feuer wie aus Wasser herzuleiten.

Dies gilt für den gesamten Erdball.. .?

Ist doch das Urgebirge eben deshalb so respektabel, weil es sich überall gleichsieht und man den Granit und Gneis aus Brasilien, wie mir die Exemplare zuhanden gekommen sind, von dem europäisch?nördlichen nicht zu unterscheiden vermöchte.

Sagen Sie uns abschließend noch, welche Gipfelbezwingung Ihnen die größte Genugtuung verschafft hat.

Ich machte mich allein auf, etwa den letzten November (7771), au Pferde, mit einem Mantelsack und ritt durch Schloßen, Frost und Koth auf Nordhausen den Harz hinein in die Baumannshöhle, über Wernigerode, Goslar und den hohen Harz und überwand alle Schwierigkeiten und stand den 8. Dez., glaub ich, Mittags um eins auf dem Brocken oben in der heitersten, brennendsten Sonne, über dem anderthalb Ellen hohen Schnee, und sah die Gegend von Teutschland unter mir alles von Wolken bedeckt, daß der Förster den ich mit Mühe persuadirt hatte, mich zu führen, selbst vor Verwunderung außer sich kam, sich da zu sehen, da er viel Jahre am Fuße wohnend das immer unmöglich geglaubt hatte.

Quelle:
Was der Berg ruft
Herausgegeben von Angelika Wellmann / RECLAM LEIPZIG

Über den Autor

Goethe

Am 28. August 1749 erblickte Johann Wolfgang von Goethe in Frankfurt das Licht der Welt. Die Familie war recht wohlhabend, und auf Wunsch des Vaters studierte Wolfgang in Leipzig und Straßburg Rechtswissenschaften. 1775 rief ihn Herzog Karl August an den Hof nach Weimar, wo Goethe Minister wurde. Seine erste Italienreise unternahm er 1786 - 1788 , 1790 besuchte er Italien zum zweiten Mal. 1804 wird Goethe zum Wirklichen Geheimrat ernannt. 1808 trifft er sich mit Napoleon in Erfurt, 1815 Ernennung zum Staatsminister. Goethe stirbt im Alter von 82 Jahren am 22. März 1832 in Weimar.

Der Dichter, Naturwissenschaftler, Kunsttheoretiker und Staatsmann war ein reichbegabter Mensch, lebenslang vom Glück begünstigt. Als bekanntester Vertreter der Weimarer Klassik, war er Verfasser von Gedichten, Dramen und Prosa-Werken und gilt er als der große deutsche Dichter.
Bedeutende Werke:
Götz von Berlichingen, 1773 · Die Leiden des jungen Werther, 1774 · Iphigenie auf Tauris, 1779 · Egmont, 1788 · Torquato Tasso, 1790 · Wilhelm Meisters Lehrjahre, 1795 · Faust Teil 1, 1808 · Westöstlicher Divan, 1819 · Dichtung und Wahrheit, 1811 - 1813 · Faust Teil 2, 1831




Das BUCH zun Thema
 

Was der Berg ruft
Herausgegeben von Angelika Wellmann

Die Berge haben seit jeher die Dichter und Denker fasziniert. Viele von ihnen schnürten gar selbst Rucksack und Stiefel, um schwindelnde Höhen zu erklimmen und die Welt von oben zu betrachten. Die literarischen Zeugnisse dieser Faszination gehören zu den originellsten Stücken der Weltliteratur. Heiteres, Romantisches und Grausiges - von der Alm über die Alp bis zu den Gipfeln.

 
 

Angelika Wellmann hat eine vielseitige literarische Auswahl aus verschiedenen Epochen und Genres versammelt: Komisches von Heinz Erhardt; Klassisches von Petrarca, Goethe und Thomas Mann; Parodistisches von Mark Twain; Abenteuerliches von Jon Kracauer; Erhabenes von Adorno und Georg Simmel. Und selbstverständlich darf auch die hinreißende Bergromantik von Johanna Spyris "Heidi" und Peter Roseggers "Waldbauernbub" nicht fehlen. Ein Buch für Gipfelstürmer und solche, die es werden wollen. Und natürlich für all diejenigen, die die Berge lieber vom Sofa aus betrachten.
286 Seiten mit zahlr. Abbildungen, Paperback,
Reclam Leipzig, 2000
EUR 12,-

 
 

Diese Bücher
hier bestellen:
  
 




© emmet 12-2006