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Herr Staatsminister von Goethe, Sie
haben langjährige bergsteigerische Erfahrungen.
Ja, ich habe die Furka, den Gotthard bestiegen! Dieser erhabenen,
unvergleichlichen Naturszenen werden immer vor meinem Geiste stehen.
Gab es noch andere Schweizer Gipfel, die im Verlauf Ihrer drei
Reisen in das Land der Eidgenossen von Ihnen bezwungen wurden? Ich
denke da beispielsweise an die Dole.
Ich war in einiger Sorge wegen des Nebels, doch zog ich aus der
Gestalt des obern Himmels einige gute Vorbedeutungen. Wir betraten
endlich den obern Gipfel und sahen mit größtem Vergnügen uns heute
gegönnt, was uns gestern versagt war. Das ganze Pays de Vaud und
de Gex lag wie eine Flurkarte unter uns, alle Besitzungen mit grünen
Zäunen abgeschnitten, wie die Beete eines Parterres. Wir waren so
hoch, daß die Höhen und Vertiefungen des vordern Landes gar nicht
erschienen.
War Ihnen so weit oben niemals schwindlig, ich meine, litten
Sie nie an Höhenangst?
Wenn ja, wie konnten Sie diese überwinden? Ich erstieg ganz allein
den höchsten Gipfel des (Straßburger) Münsterturms und saß in dem
sogenannten Hals unter dem Kopf oder der Krone, wie mans nennt,
wohl eine Viertelstunde lang, bis ich es wagte, wieder heraus in
die freie Luft zu treten, wo man auf einer Platte, die kaum eine
Elle ins Gevierte haben wird, ohne sich sonderlich anhalten zu können,
stehend das unendliche Land vor sich sieht, indessen die nahsten
Umgebungen und Zierarten die Kirche und alles, worauf und worüber
man steht, verbergen. Es ist völlig, als wenn man sich auf einer
Montgolfiere in die Luft erhoben sähe. Dergleichen Angst und Qual
wiederholte ich so oft, bis der Eindruck mir ganz gleichgültig ward.
Allem Anschein nach interessierten Sie sich besonders für den Gotthard.
Warum?
Der Gotthard ist zwar nicht das höchste Gebirg der Schweiz, und
in Savoyer übertrifft ihn der Montblanc an Höhe um sehr vieles;
doch behauptet er den Rang eines königlichen Gebirges über alle
andere, weil die größten Gebirgsketten bei ihm zusammenlaufen und
sich an ihn lehnen. Ja, wenn ich mich nicht irre, so hat mir Herr
Wyttenbach zu Bern, der von dem höchsten Gipfel die Spitzen der
übrigen Gebirge gesehen, erzählt, daß sich diese gleichsam gegen
ihn zu neigen scheinen. Die Gebirge von Schwyz und Unterwalden,
gekettet an die von Uri, steigen von Mitternacht, von Morgen die
Gebirge des Graubündner Landes, von Mittag die der italienischen
Vogteien herauf, und von Abend drangt sich durch die Furka das doppelte
Gebirg, welches Wallis einschließt, an ihn heran.
Auch in Italien gibt es herrliche Berge, zumal die Vulkane. Auf
der Profilkarte sind Vesuv und Ätna unschwer an den Rauch? wolken
zu erkennen. Sie als geologisch Interessierter haben sich die sicher
nicht entgehen lassen, oder?
Die Kunde einer soeben ausbrechenden Lava, die für Neapel unsichtbar
nach Ottajano hinunterfließt, reizte mich, zum drittenmale den Vesuv
zu besuchen ...
... und den Gnpfel zu bezwingen!?
Am Fuße des steilen Hanges empfingen uns zwei Führer, ein älterer
und ein jüngerer, beides tüchtige Leute. Der erste schleppte mich,
der zweite Tischbein den Berg hinauf. Sie schleppten, sage ich:
denn ein solcher Führer umgürtet sich mit einem ledernen Riemen,
in welchen der Reisende greift und, hinaufwärts gezogen, sich an
einem Stabe, auf seinen eigenen Füßen, desto leichter empor hilft.
Und wie stellte sich die Situation am Ätna dar?
Die Lavamassen im Vordergrunde, der Doppelgipfel des Monte Rosso
links, gerade über uns die Wälder von Nicolosi, aus denen der beschneite,
wenig rauchende Gipfel hervorstieg. Wir rückten dem roten Berge
näher, ich stieg hinauf: er ist ganz aus rotem vulkanischem Grus,
Asche und Steinen zusammengehäuft. Um die Mündung hätte sich bequem
herumgehen lassen, hätte nicht ein gewaltsam stürmischer Morgenwind
jeden Schritt unsicher gemacht.
Ich verstehe, Sie konnten gar nicht bis ganz hinauf. Wie haben Ihre
Vulkanbesteigungen sich auf Ihre Haltung zur immer mehr Zulauf gewinnenden
Theorie der vulkanischen Erdentstehung ausgewirkt?
Die Sache mag sein wie sie will, so muß geschrieben stehen, daß
ich diese vermaledeite Polterkammer der neuen Weltschöpfung verfluche,
und es wird gewiß irgendein junger geistreicher Mann aufstehen,
der sich diesem allgemeinen verrückten Konsens zu widersetzen Mut
hat.
Lassen Sie mich grundsätzlich nachhaken, weshalb geologische
Fragen Sie über viele Jahre so stark bewegt haben?
Durch ein außerordentliches Weltereignis wurde die Gemütsruhe des
Knaben zum erstenmal im tiefsten erschüttert. Am 1. November 1755
ereignete sich das Erdbeben von Lissabon und verbreitete über die
in Frieden und Ruhe schon eingewohnte Welteinen ungeheuren Schrecken.
Und deshalb wollten Sie sich vergewissern, daß der Erdboden mitsamt
seinen Erhebungen eigentlich doch festgefugt ist?
Jeder Weg in unbekannte Gebirge bestätigte die alte Erfahrung, daß
das Höchste und das Tiefste Granit sei, daß diese Steinart, die
man nun näher kennen? und von andern unterscheiden lernte, die Grundfeste
unserer Erde sei, worauf sich alle übrigen mannigfaltigen Gebirge
hinaufgebildet. In den innersten Eingeweiden der Erde ruht sie unerschüttert,
ihre hohe Rücken steigen empor, deren Gipfel nie das alles umgebende
Wasser erreichte. So viel wissen wir von diesem Gestein und wenig
mehr. Aus bekannten Bestandteilen, auf eine geheimnisreiche Weise
zusammengesetzt erlaubt es ebensowenig seinen Ursprung aus Feuer
wie aus Wasser herzuleiten.
Dies gilt für den gesamten Erdball.. .?
Ist doch das Urgebirge eben deshalb so respektabel, weil es sich
überall gleichsieht und man den Granit und Gneis aus Brasilien,
wie mir die Exemplare zuhanden gekommen sind, von dem europäisch?nördlichen
nicht zu unterscheiden vermöchte.
Sagen Sie uns abschließend noch, welche Gipfelbezwingung Ihnen die
größte Genugtuung verschafft hat.
Ich machte mich allein auf, etwa den letzten November (7771), au
Pferde, mit einem Mantelsack und ritt durch Schloßen, Frost und
Koth auf Nordhausen den Harz hinein in die Baumannshöhle, über Wernigerode,
Goslar und den hohen Harz und überwand alle Schwierigkeiten und
stand den 8. Dez., glaub ich, Mittags um eins auf dem Brocken oben
in der heitersten, brennendsten Sonne, über dem anderthalb Ellen
hohen Schnee, und sah die Gegend von Teutschland unter mir alles
von Wolken bedeckt, daß der Förster den ich mit Mühe persuadirt
hatte, mich zu führen, selbst vor Verwunderung außer sich kam, sich
da zu sehen, da er viel Jahre am Fuße wohnend das immer unmöglich
geglaubt hatte.
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