Genius Loci
Der Geist des Ortes

 
 

OBEN
Prosa

Andächtiges

Lama Anagarika Govinda


Lama Anagarika Govinda

Der weg der weissen Wolken



Es gibt Berge, die bloss Berge sind, und es gibt solche, die Persönlichkeit aufweisen. Die Persönlichkeit eines Berges hängt nicht von dessen seltsamer Formgebung ab, die ihn von anderen Bergen unterscheidet genausowenig wie ein wunderlich geschnittenes Gesicht oder ungewohnte Taten aus einem Individuum noch keine Persönlichkeit machen. Persöhnlichkeit besteht in der Kraft, andere zu beinflußen, und diese Kraft ist der Konsequenz, Harmonie und Zielstrebigkeit des Charakters zuzuschreiben.
Ein Mensch, der diese Eigenschaften in höchster Perfektion in sich vereint, wird zum geeigneten Führer der Menschheit, mag er Herrscher, Denker oder Heiligersein, und wir würdigen ihn als ein Gefäss überirdischer Kraft. Falls diese Eigenschaften einem Berg innewohnen, wird er für uns zu einem Gefäss kosmischer Kraft, und wir bezeichnen ihn als heiligen Berg. Die Kraft eines solchen Berges ist so gross und doch so substil, dass sich Pilger von nah und fern unwiderstehlich von ihm angezogen fühlen, wie von der Macht des unsichtbaren Magneten; und in ihrem unerklärlichen Drang, sich diesem heiligen Ort zu nähern und ihn zu würdigen, erdulden sie unsagbare Mühsal und Entbehrung. Niemand hat einem solchen Berg den Titel der Heiligkeit verliehen; der Berg wird Kraft seiner eigenen magnetischen und psychischen Ausstrahlung intuitiv als geheiligt anerkannt.
Er benötigt weder Verfechter seiner Heiligkeit, noch Organisatoren seiner Verehrung; jeder seiner Anhänger hat von Natur aus das Bedürfnis, ihm Ehrfurcht zu bezeugen. Dieses verehrende oder religiöse Verhalten wird weder durch wissenschaftliche Fakten - wie beispielsweise Vermessungsdaten-, die beim modern denkenden Menschen an erster Stelle stehen, noch durch das Streben nach einer "Eroberung" des Berges beeinflusst.

 

Quelle:
Lama Anagarika Govinda
Der Weg der weissen Wolken
O. W Barth Verlag

Über den Text

Lama A. Govindas Reise durch Tibet fand Ende der vierziger Jahre statt - während der letzten Jahre tibetischer Unabhängigkeit vor der Okkupation durch China. Sein Bericht lässt uns verstehen, warum Tibet jahrhundertelang das Zentrum der spirituellen Entwicklung unseres Planeten war. Äusserlich stellt sie sich als abenteuerliche Reise mit kulturellen Höhepunkten dar - die innere Reise, die parallel hierzu stattfand , führte den Autor zu einem tiefen Verständnis der Bedeutung des Lebens.

 

Über den Autor

Lama Anagarika Govinda

Lama Anagarika Govinda, mit seinem bürgerlichen Namen Ernst Lothar Hoffmann, wurde 1898 in Waldheim, Sachsen als und Sohn eines deutschen Vaters und einer bolivianischen Mutter geboren. Der Philosoph, Psychologe, Archäologe und Künstler studierte in Burma und Ceylon buddhistische Philosophie. Nach Lehr- und Forschungstätigkeiten in Indien und Tibet gründete er die buddhistische Gemeinschaft "Arya Maitreya Mandala Sangha". Er war einer der letzten Zeugen jenes

sagenumwobenen und faszinierenden Tibet, das vielleicht schon bald gänzlich verschwunden sein wird. Er starb 1985 in Mill Valley, Californien.





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