Genius Loci
Der Geist des Ortes

 
 

OBEN
Prosa

Erklärungsversuche

Hnas Rudolf Grimm


Hans Rudolf Grimm:

Von den Wundern der Natur
und andere Seltsamkeiten




Gletscher-Berg, so voller Eiszapfen hanget, wird beschrieben: Der Gletscherberg in Grindelwald bei Ober-Hasli gelegen ist eines von den größten Wundern der Natur. Dieser Berg hat die Eigenschaft, wie der Berg Ätna so im Mittelländischen Meer gelegen, der ständig kracht und Feuer ausspeit. Dieser Gletscher kracht auch ständig als wie ein Donner und wirft Steinen und Sand aus, daß die Menschen, die dort herum wohnen, nicht sicher sind, sondern öfters weiter ziehen müssen. Dann hat dieser Berg viele Klüfte, deren etliche über hundert Klafter tief sind; und so kommt die Sonne niemals in diesen Ort, deswegen dieser Berg Sommer und Winter voller Eiszapfen hanget als wie der schönste Kristall, der dortherum auch anzutreffen ist.

Der Scheiben-Fluh: Es wird auch gemeldet von der Scheiben-Fluh im Schangnau, allwo die Emmen entspringt, daß auf demselben Berg ein großes Loch hinabgeht und wenn man mutwillig etwas darein werfe, so gebe es ein ungestüm Wetter. Es komme auch zu Zeiten, wenn es ander Wetter geben wolle, eine Jungfrau heraus, welche an der Sonne ihre Haar strähle und zöpfe.

Der Ber Kaukasus: Kaukasus ist gelegen in Indien, nach dem Norden hin, und sondert Indien von Skythenland. Dieser Berg ist so hoch, daß es auf demselben niemals Nacht wird.

Der Berg Ararat, darauf sich die Arche gelagert: Dieser Berg liegt an den Grenzen Armeniens und hängt an den Kaspischen Gebirgen in Persien. Die Armenier nennen ihn Messina und die Persier Agri. Dieser Fels ist von dunkelblauen Steinen und ist fast glänzig. Weil er viele Bergwerke hat, erscheint er von weitem ganz wachsgelb. Es ist ein lauterer Fels ohne Holz und ganz kahl. Wer auf diesen Berg hinauf gehen will zu der Arche Noah, der hat sechs Tag hinauf zu gehen und kommt in dreierlei Wolken und Winde. Die ersten Wolken sind neblig, in der Mitte des Berges ist die Luft und die Wolken ganz kalt und mit Schnee angefüllt. Aber zuoberst auf diesem Berg sei die Luft gemäßigt und ganz lieblich und keine Veränderung zu spüren.

Ein Exempel, dass ein Berg umgefallen ist: Man schreibt von dem schönen Flecken Plurs in Graubünden gelegen, daß Anno 1618, den 25.Augsten, ein nächstgelegener Berg auf den Flecken gefallen, welcher die sehr hoffärtigen Einwohner samt dem Flecken bedeckt. Darüber dieser Flecken alsobald zu einem See geworden. Wo kommen die Erdbeben natürlicherweise her? Es sagen die Naturkündiger die Erde habe viel unterirdische Löcher und Gänge in welche der Wind komme. Wenn dann solche starktreibenden Winde, so in der Erden und den Erdlöchern verborgen, durchbrechen wollen, so entsteht ein Erdbeben.

Die Ursache, warum die Flüsse meistens in den Bergen entspringen: Die Berge sind rechte Urquellen der Flüsse, denn sie gehen tief in die Erde und in die Wasser-Adern. Denn so haben die Wasser auch ihre Zweige und Äste und ein verborgener Samen. Und so haben die Berge und die Wasser auch eine Vereinigung mit dem Gestirn, denn so werden die Berge verglichen mit einem Brennhafen, darunter das Feuer ist welches die Wasser in die flöhe treiben tut, welches hernach oben zu den Bergen herausschwitzt und einen Fluß verursachen tut.

Berg-Seen werden beschrieben: Es werden diejenigen Berg-Seen genannt so auf und zwischen den Bergen liegen, als der Pilatus-Berg-See auf dem Fracmont bei Luzern, der Eulisberg-See im Unterwaldner-Land, der Melch-See auf den Bergen im gleichen Land, der St. Gotthards-Berg-See im Urner-Land, wie auch der Hinderburgersee bei Brienz gegen das Lepontier- oder OberHasli-Land gelegen. Dieser letzte hat viele und gute Fische, allein weil er oft und viel gefriert, so sind dieselben meistens alle blind.

Wunder-Seen werden beschrieben: Man sagt, daß auf dem Fracmont, allwo der sogenannte Pilatusberg-See anzutreffen ist, der römische Landpfleger Pilatus soll begraben liegen. Dieser Berg-See habe die Eigenschaft, wenn man etwas darein wirft, so erfolge durch die Bewegung alsobald ein Donnerwetter. Eine gleiche Natur soll auch der sogenannte Eulisberg-See im UnterwaldnerLand haben, denn es soll derjenige, der in diesen See ruft, kein Jahr mehr leben. Allein, ich halte solche Beschreibungen nur für eine Fabel, um die Kinder dadurch abzuschrecken, daß sie nicht auf die Berge gehen.

Wie die Berg-Seen ihr Wasser von der Sündflut bekommen: Die Natur-Kundigen schreiben von solchen Berg-Seen, daß ihr Wasser von der Sündflut herkommt, als diese über die höchsten Berge gegangen ist. Und weil diese Wasser gar eng zwischen den Bergen und in den Tälern eingeschlossen sind und nicht wie andere Wasser ablaufen können, haben sie zwischen den Bergen und Tälern verbleiben müssen.

Von den Hunger- und Wunder-Brunnen: Es gibt im Schweizerland hin und wieder gar viel Hunger-Brunnen auf den Bergen. Diese haben die Natur, daß wenn es teure Zeiten geben will, so kommt das Wasser viel stärker aus der Erde und Berge hervor; wenn es aber wohlfeil werden will, so wird man wenig Wasser an diesen Orten antreffen. Es ist deswegen ein bekannt Sprichwort: "Große Wasser, kleine Brot, kleine Wasser, große Brot." Betreffend die Maien-Brunnen: es werden die Maien-Brunnen genannt, so auf den höchsten Bergen, wo das Vieh im Mai zur Alp geht, hervorquellen. Hernach tut sich dieser Brunnen allgemach verlieren. Betreffend die Wundert-Brunnen: so ist ein solcher Wunder-Brunnen im Qberhasli-Land auf der Äugstlen, dort auf der Mädis-Alp. Dieser hat die Eigenschaft, daß wenn das Vieh im Maien auf die Alp oder Berg getrieben wird, so findet das Vieh kein Wasser. Dann, so fängt das Vieh an zu brüllen, über das so hört man das Wasser im Erdreich daher rauschen, darauf der Brunnen hervor quellen tut. Und so hat das Wasser die Eigenschaft, daß es nicht leiden kann, daß man etwas Unsauberes darin wäscht, ausgenommen das Milchgeschirr, so allzeit sauber muß gehalten sein. Anders, so bleibt das Wasser zurück. Hernach, wenn das Vieh davon getrieben wird, tut sich der Brunnen allgemach verlieren.

Quelle:
Vom großen Misch-Masch und 197 andre Meinungen, Historien und Verse von Hans Rudolf Grimm, Buchbinder, Trompeter und Flachmaler.
Herausgegeben von Rene Simmen, Verleger in Zürich (1965)

Über den Autor

15.09.1665 - 5.1.749. Sohn des Johann Rudolf, Deutschlehrmeisters. ? 1) 1690 Katharina Kupferschmied, 2) 1710 Elisabeth Brunner, 3) 1741 Margaretha Lerch, Witwe des Ammanns von Hasle. Nach der Buchbinderlehre um 1686-90 Wanderschaft bis zur Nord- und zur Ostsee. Auch als Flachmaler, Poet, Wirt, Posaunist und Trompeter tätig. Als Trompeter nahm er 1712 am 2. Villmergerkrieg teil. 1709 Grossrat von Burgdorf, 1728-30 Unterspitalvogt. Wegen Unterschlagung Verlust der bürgerl. Ehre und Ausschluss aus dem Rat. Publikation volkstüml. Schriften, die Wundergeschichten, Sagen und Denkverse enthalten. G.s bis 1798 mehrfach aufgelegtes Werk "Kleine Schweitzer Cronica oder Geschichtbuch" (1723) ist voll von Fehlern und Verdrehungen, zeichnet sich aber auch durch lebendige Schilderungen aus. G. verfasste es für die "Bauren", das einfach Volk.

 





© emmet 11-2006