Genius Loci
Der Geist des Ortes

 
 

OBEN
Prosa

Erklärungsversuche

Gletscher -Gruner


Gottlieb Sigmund Gruner:

Rechtfertigung der Berge
aus der Darlegung ihres
Nutzens, 1775




Betrachten wir die Eisgebirge überhaupt und in Absicht auf ihre Schneedecken allein, so ist die Klage über ihr Dasein höchst ungerecht und ganz gewiß, daß diese beschneiten Firsten dem Lande ungleich nützlicher sind, als sie sein würden, wenn sie hingegen mit den fettesten Weiden bekleidet wären. Nicht nur reinigen sie uns die Luft, nicht nur unterhalten sie den Lauf der Flüsse und spenden uns durch dieselben so unzählige Wohltaten aus, sondern sie schützen uns zugleich vor vielem Verderben, dem wir sonst gewilß und sehr oft ausgesetzt sein würden. Würde die Menge des Schnees, der Sommer und Winter auf dieselben fällt, sich in Gestalt des Regens daselbst einfinden, so würde derselbe unfehlbar in großer Menge von den Bergen herunterströmen und wegen ihrem steilen Abhang durch die allzusehr aufgeschwellten Flüsse und Bäche beständige und gefährliche Überschwemmungen verursachen und nicht nur den Anwohnern, sondern dem ganzen Lande unaufhörlichen Schaden zuströmen. In den heißen und trocknen Jahrszeiten hingegen würden, zu unglaublichen Nachteile des Landes, alle Flüsse vertrocknen, wenn nicht diese großen Schneehaufen ihnen beständig Unterhalt verschaffen würden.

Quelle:
Wo Europa den Himmel berührt
Artemis Verlag

Über den Autor

20.7.1717 Trachselwald,gestorben10.4.1778 Utzenstorf, ref., von Bern. Sohn des Johann Rudolf, Pfarrers. ? 1) 1755 Rosina Schnell, von Burgdorf, 2) 1764 Katharina Esther Delosea. Besuch der Lateinschule in Burgdorf. 1737 Sprachaufenthalt in Neuenburg. Stud. der Rechtswissenschaften in Bern, 1739 Notar. 1741 für kurze Zeit Archivar des Landgrafen von Hessen-Homburg. Als Hofmeister des Prinzen Christian von Anhalt-Schaumburg bereiste G. ab 1743 Preussen und Schlesien. 1749 war er Vizeamtsschreiber im bern. Thorberg, 1755 Fürsprech in Bern, 1764 Landschreiber von Landshut und Fraubrunnen. In seinem wegweisenden Werk "Die Eisgebirge des Schweizerlandes" (3 Bde., 1760-62) lieferte G. die erste allg. Eiszeit- und Gletschertheorie und die erste schweiz. Fundstellenkarte für Mineralien, in seinem "Versuch eines Verzeichnisses der Mineralien des Schweizerlandes" (1775) den ersten Klassifikationsversuch der Schweizer Mineralien. G. baute eine reiche Mineralien- und Fossiliensammlung auf. Ab 1762 war er Mitglied der Ökonom. Gesellschaft Bern, die ihm sechs Mal einen Preis verlieh. Als Aufklärer hatte er weit gespannte Interessen, jedoch keinen Anspruch auf wissenschaftl. Genauigkeit.

Quelle: Historisches Lexikon, Schweiz





© emmet 6-2005