Genius Loci
Der Geist des Ortes
 
 

OBEN
Prosa

(Reise) - Erfahrungen


Heinrich Harrer

Sieben Jahre in Tibet

Audienz beim Dalai Lama

(Auszüge)



ein zweites tibetisches Neujahr in Lhasa war gekommen. Diesmal machte ich alle Phasen des Festes von Anfang an mit. Wieder kamen Zehntausende in die Stadt, und ganz Lhasa glich einem Heerlager. Man feierte den Beginn des »Feuer-Schwein- Jahres«, und der Prunk der Zeremonien stand dem des Vor-

jahres um nichts nach. Mich interessierten natürlich besonders jene Veranstaltungen, die ich vor einem Jahr wegen meiner Krankheit versäumt hatte. Das Bild, das mir von diesem Fest heute noch am lebhaftesten in Erinnerung ist, war der Aufmarsch der tausend Soldaten in alten Ritterrüstungen. Dieser Brauch geht auf ein historisches Ereignis zurück. Einst war eine mohammedanische Armee gegen Lhasa gezogen, während des ungeheuer schwierigen Vormarsches am Fuße des Nyentschenthanglha-Gebirges aber von heftigen Schneestürmen überrascht worden und völlig eingeschneit. Die Bönpos dieses Gebietes hatten die Rüstungen der erfrorenen Soldaten im Triumph nach Lhasa gebracht, und seither werden sie jedes Neujahr hervorgeholt und von tausend tibetischen Soldaten zur Schau getragen. Die alten Fahnen ziehen vorbei, die Kettenhemden der Männer und Rosse klirren, die Helme mit den Urdu-Inschriften glänzen in der Sonne, in den engen Gassen widerhallen die Schüsse der alten Vorderladerbüchsen ... Ein seltsames Bild, dieser mittelalterliche Zug in der altertümlichen Stadt! Er wirkt in diesem Rahmen so echt, daß es Wirklichkeit sein könnte, nicht historische Reminiszenz.

Von zwei adeligen Generalen geführt, marschiert die Truppe über den Parkhor zu einem freien Platz am Stadtrand. Dort warten schon Zehntausende, um ein riesiges Feuer geschart, in dessen Flammen die Opfergaben zum Himmel lohen: ganze Lasten von Butter und Feldfrüchten. Die Menge sieht gebannt zu, indes die Mönche Totenköpfe und symbolische Figuren böser Geister in die Flammen werfen. Gleichzeitig donnern dumpfe Kanonenschüsse zu den Bergen empor: Aus eingegrabenen Mörsern schießen die Soldaten jedem Gipfel seinen Salut. Und als Höhepunkt wankt das Orakel in Trance zum Feuer und bricht nach kurzem Tanz zusammen.(...)

Bei diesem Neujahrsfest teilte uns der Oberste Kämmerer Seiner Heiligkeit mit, daß wir auf der Empfangsliste des Dalai Lama stünden. Obwohl wir den jungen Gott schon einige Male gesehen und er uns bei den Prozessionen unverkennbar zugelächelt hatte, waren wir doch sehr aufgeregt, ihm nun im Potala gegenüberzutreten. Ich fühlte, daß diese Einladung große Bedeutung für uns haben mußte. Und wirklich war sie der Anfang jener Ent-

der Potala in Lhasa
Der Potala in Lhasa

wicklung, die mich später in die unmittelbare Nähe des jungen Gottes führte. Am festgesetzten Tag zogen wir unsere Fellmäntel an, kauften die teuersten weißen Schleifen, die wir in der Stadt auftreiben konnten, und stiegen inmitten einer bunten Menge - Mönche, Nomaden und festlich gekleidete Frauen - die vielen Steinstufen zum Potala empor. Je höher wir kamen, desto eindrucksvoller wurde das Stadtbild unter uns. Von hier erst kamen die schönen Gärten zur Geltung, die villenartigen Häuser. Der Weg führte an unzähligen Gebetsmühlen vorbei, die die Passanten ständig in Bewegung hielten, dann betraten wir durch eines der großen Haupttore das Innere des Potala.

Dunkle Gänge, die Wände mit seltsamen Schutzgöttern bemalt, führen durch die unteren Stockwerke in einen Hof. Riesige Lichtschächte münden hier, acht bis zehn Meter tief, und zeigen die ungeheure Dicke der Mauern. Aus diesem Hof führen steile Leitern einige Stockwerke hoch bis zu einem offenen Dach. Vorsichtig steigt einer nach dem ändern hinauf, jeder bemüht sich, lautloser als sein Nachbar zu sein, und die hünenhaften Mönchssoldaten haben keinen Grund, ihre Peitsche zu gebrauchen. Oben steht schon eine dichtgedrängte Menge, denn jeder kann sich zu Neujahr den persönlichen Segen des Lebenden Buddha holen.

Der Dalai Lama als Kind
Seine Heiligkeit der 14. Dalai
Lama als Kind

Auf dem Dach gab es noch mehrere kleine Aufbauten mit goldenen Dächern; sie enthielten die Räume des Dalai Lama. In einer langen Schlange, an der Spitze die Mönche, bewegten sich die Gläubigen einer Tür zu, vor der die Mönchsbeamten gerade ihre tägliche Zusammenkunft abhielten. Wir beide kommen gleich nach den Mönchen an die Reihe. Als wir den Empfangsraum betreten, recken wir unsere Hälse, um über die vielen Köpfe hinweg gleich einen Blick auf den Lebenden Buddha werfen zu können. Und, seine Würde einen Augenblick vergessend, reckt auch er den Hals, um die beiden Fremden zu sehen, von denen er schon so viel gehört hat.

In Buddhastellung, leicht vorgeneigt, sitzt er auf einem mit kostbarem Brokat bespannten Thron. Stundenlang muß er so die Gläubigen an sich vorbeiziehen lassen und sie segnen. Zu Füßen des Thrones liegen Berge von Geldsäckchen und Seidenrollen und Hunderte von weißen Schleifen. Wir wußten, daß wir unsere Schleifen nicht ihm persönlich überreichen durften - einer der Äbte nimmt sie entgegen. Wie wir jetzt selbst vor ihm stehen, kann ich es nicht lassen, entgegen der Etikette einen verstohlenen Blick auf sein Gesicht zu werfen. Ein neugieriges Knabenlächeln liegt auf den hellen, schönen Zügen, und mit der segnenden Hand drückt er leicht auf meinen Kopf, wie er es auch bei den Mönchen tut. Alles geht sehr schnell - im nächsten Augenblick stehen wir schon vor dem etwas niedrigeren Thron des Regenten. Auch er gibt uns durch Handauflegen seinen Segen, dann legt uns ein Abt rote Amulettschleifen um den Hals, und wir werden gebeten, auf Kissen Platz zu nehmen. Reis und Tee werden serviert, und wir werfen der Sitte gemäß ein paar Körner auf den Boden als Opfer für die Götter. Von unserer ruhigen Ecke aus können wir jetzt wunderbar beobachten, was um uns vorgeht. Noch Tausende ziehen an dem jungen Gottkönig vorbei, um seinen Segen zu erhalten. Demütig gebeugt, die Zunge herausgestreckt - ein seltsames Bild! Keiner wagt den Blick zu heben. Ein leichtes Streicheln mit einer Seidenquaste ersetzt jetzt das Handauflegen, das den Mönchen und uns zuteil wurde. Wir folgen mit unseren Blicken dem langen Zug, der noch immer zur Tür hereinströmt: Da ist keiner, der nicht wenigstens ein kleines Geschenk mitbringt. Oft ist es nur eine zerschlissene Schleife, dann wieder kommen Pilger, die ein beladenes Gefolge mitführen. Alle Gaben werden gleich vom Schatzmeister registriert und, wenn brauchbar, dem Haushalt des Potala zugeteilt. Die vielen Seidenschleifen werden später wieder verkauft oder bei den Wettbewerben an die Sieger verteilt. Nur die Geldsäckchen, die vor den Thron gelegt werden, bleiben persönliches Eigentum des Gottkönigs. Sie fließen in die Gold- und Silberkammern des Potala, in denen sich seit Jahrhunderten ungeheure Schätze anhäufen und von einer Inkarnation auf die andere vererben.

Aber eindrucksvoller als die Geschenke ist die Hingabe auf den Gesichtern aller dieser Menschen. Für viele ist es der größte Augenblick ihres Lebens. Tausende Kilometer kamen sie hierher gepilgert, haben sich in den Staub geworfen und sind auf den Knien gerutscht, manche waren monate- und jahrelang unterwegs, haben Hunger und Kälte gelitten, um hier gesegnet zu werden. Die automatische Bewegung mit der Seidenquaste schien mir ein geringer Lohn für so viel Hingabe, aber jeder strahlt hochbeglückt, wenn ihm ein Mönchsbeamter außerdem noch eine dünne Seiden-schleife um den Hals legt. Diese Schleife wird das ganze Leben lang aufbewahrt, in einem Amulettkästchen oder eingenäht in einen Beutel trägt man sie mit sich und ist überzeugt, daß sie vor allem Unheil bewahrt. Die Art der Schleife richtet sich nach dem Rang des Empfängers, doch jede hat den berühmten dreifachen mystischen Knoten. Die geknoteten Schleifen bereiten die Mönchsbeamten vor, und nur für die Minister und die höchsten Äbte knüpft sie der Dalai Lama in ihrer Gegenwart selbst.

Die Atmosphäre in dem nicht sehr großen Raum, der Licht und Luft nur durch ein Oberlicht erhält, ist drückend. Der Geruch der Butterlampen und die Weihrauchschwaden legen sich beklemmend auf die Brust, über den vielen Menschen lastet eine Stille, in der das Scharren der Schuhe das einzige Geräusch ist. Obwohl es für uns ein langgehegter Wunsch gewesen war, den Gottkönig zu sehen, und obwohl es auch sonst noch genug zu sehen gab, atmeten wir auf, als die Zeremonie zu Ende war. Wahrscheinlich geht es allen Anwesenden so, außer der segenerflehenden Menge, denn die höchsten Würdenträger mußten stehend Stunde um Stunde der feierlichen Handlung beiwohnen. Aber das ist ein Teil ihres hohen Amtes und gilt als besondere Ehre.

Dalai Lama
Seine Heiligkeit der 14. Dalai
Lama im Kreise seiner Familie

Sobald der letzte Besucher den Raum verläßt, erhebt sich der Dalai Lama und mit ihm alle Anwesenden. Gestützt von seinen Dienern, begibt er sich in seine Privatgemächer, während wir in ehrfürchtig gebeugter Stellung verharren. Beim Fortgehen tritt ein Mönchsbeamter auf uns zu und überreicht jedem von uns eine funkelnagelneue Hundert-Sang-Note. »Gyalpo Rimpotsche ki sörere«, sagt er, »dies ist ein Geschenk des edlen Königs!« Wir waren von dieser Geste sehr überrascht, um so mehr, als wir erfuhren, daß noch niemand in dieser Form beschenkt worden

 

Quelle:
Heinrich Harrer
Sieben Jahre in Tibet
Ullstein-Verlag

Über dieses Buch

Harrer berichtet von den Erlebnissen, die ihm in dem unzugänglichen und geheimnisvoll Tibet zugestoßen sind. Der 26jährige nahm der deutschen Nanga-Parbat-Expedition un der Leitung von Peter Aufschnaiter teil; auf der Rückreise wurde er im Hafen von Karatschi vom Ausbruch des Zweiten Weltkrieg überrascht und kam in Gefangenschaft in in sehe Internierungslager. Im April 1944 geland ihm die Flucht nach Tibet. Die Bevölkerung verweigerte ihm zunächst Lebensmittel und Unterkunft. Nach einigen Irrwegen öffnet ihnen die "verbotene Stadt" Lhasa doch ihre Tore. Harrer wird Freund und Lehrer des Gottkönigs Dalai Lama. Dies nicht nur ein atemberaubender Abenteubericht, sondern eine Dokumentation der letzten Jahre des theokratischen Tibets vor der Besetzung durch die rotchinesischen Truppen

Über den Autor

Heinrich Harrer u. d. Dalai Lama

Heinrich Harrer wurde 1912 in Hüttenberg/ Kärnten geboren. Neben seiner Tätigkeit als Lehrer für Turnen und Geographie war er begeisterter Bergsteiger und Skiläufer (1936 Mitglied der Olympia-Mannschaft). Als Bergsteiger gelang ihm die Erstbesteigung der Eiger-Nordwand. Des Weiteren war er Teilnehmen einer Naga-Parbat-Expedition. 1944 Flucht aus einem indischen Internierungslager nach Tibet. Aus den ersten Kontakten zum Hof des Dalai Lama entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft, die bis heute besteht. Zahlreiche Expeditionen brachten ihn in alle fünf Kontinente. In mehr als 30 Fernsehsendungen berichtete er über diese Abenteuer.

Heinrich Harrer ist tot

Bergsteigerlegende und Freund des Dalai Lama Heinrich Harrer ist am Samstag im 94. Lebensjahr in Kärnten gestorben. Der Erstbesteiger der Eiger-Nordwand, Lehrer des Dalai Lama habe „mit großer Ruhe seine letzte Expedition angetreten“, berichtete seine Familie. Harrer war durch seine legendäre Erstbesteigung der Eiger-Nordwand im Jahre 1938 sowie seine abenteuerliche Flucht aus britischer Gefangenschaft in die verbotene Stadt Lhasa im damals unabhängigen Tibet berühmt geworden. Er wurde Berater und Freund des Dalai Lama, mit dem er am gleichen Tag Geburtstag hat.





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