Genius Loci
Der Geist des Ortes
 
 

OBEN
Prosa

Seltsame Orte

Shangri-La

James Hilton

Der verlorene Horizont

(Auszüge)



onway entdeckte zu seiner Freude, daß das Tal nicht verbotenes Gebiet war, obgleich die Schwierigkeiten des Abstiegs einen Besuch ohne Führung unmöglich machten. In Gesellschaft Tschangs verbrachten sie alle einen ganzen Tag mit der Besichtigung des grünen Talbodens, der, vom Felsrand

sehen, einen so freundlichen Anblick bot, und zumindest für Conway war der Ausflug von fesselndem Interesse. Sie reisten in Bambussänften, die gefährlich über Abgründen schwangen, während die Träger sich gleichmütig ihre Tritte auf dem abschüssigen Pfad suchten. Es war kein Weg für ängstliche Gemüter, aber als sie endlich die niedrigeren Höhen der Wälder und Vorberge erreichten, offenbarte sich überall, wie sehr die Lamaserei von Glück begünstigt war.

Denn das Tal war nichts Geringeres als ein eingeschlossenes Paradies von erstaunlicher Fruchtbarkeit, dessen Höhenunterschied von mehreren hundert Metern den ganzen Abstand von der gemäßigten zur tropischen Zone umspannte. Ernten von ungewöhnlicher Mannigfaltigkeit wuchsen hier in üppiger Fülle und un-mittelbarer Nachbarschaft heran, und dazwischen war kaum ein Zoll ungenutzten Bodens. Das ganze bebaute Gelände erstreckte sich etwa zwanzig Kilometer weit, in der Breite von etwa anderthalb bis zu acht Kilometern wechselnd, und obgleich schmal, hatte es das Glück, während des heißesten Teils des Tages Sonnenschein zu haben. Die Luft war sogar im Schatten angenehm warm, die kleinen Bäche, die den Boden bewässerten, waren jedoch eiskalt, da sie von den Schneefeldern herabkamen. Conway hatte, als er zu der überwältigenden Bergwand hinaufblickte, wieder das Gefühl, daß die Landschaft ein erhabenes und köstliches Moment von Gefahr enthielt. Hätte der Zufall nicht irgendeine Schranke aufgerichtet, wäre das ganze Tal offenbar ein See gewesen, beständig gespeist von den vergletscherten Höhen ringsum. Statt dessen rieselten nur ein paar Bächlein herab, füllten Wasserspeicher und bewässerten Felder und Pflanzungen mit einer gewissenhaften Ordnung, die eines Ingenieurs vom Gesundheitsamt würdig gewesen wäre. Die ganze natürliche Anlage war fast unheimlich günstig, solange die Struktur des Rahmens nicht durch Erdbeben oder Bergstürze verändert wurde.

Aber selbst solche unbestimmte Befürchtungen für die Zukunft konnten nur die ungetrübte Lieblichkeit der Gegenwart erhöhn. Wiederum war Conway völlig gefangengenommen, und zwar durch dieselbe Anmut und Einfallsfülle, die seine Jahre in China glücklicher gestaltet hatten als die übrigen.


Schangri-La

Das gewaltige umschließende Gebirge bot einen völligen Gegensatz zu den winzigen Rasenflächen und unkrautfreien Gärten, den bemalten Teehäusern am Bach und den gradezu leichtfertig aussehenden, spielzeuggleichen Häuschen. Die Einwohner schienen ihm eine sehr glückliche Mischung von Chinesen und Tibetanern zu sein; sie waren reinlicher und hübscher als der Durchschnitt

Quelle:
James Hilton
Der verlorene Horizont
Fischer Verlag

Über dieses Buch

Die Mönche im Lama-Kloster von Schangri-La, im "Tal aller heiligen Zeiten", halten ihre Gemeinschaft für die letzte Oase, in der die geistigen Schätze der Menschheit aufbewahrt und lebendig erhalten werden, geschützt vor Kriegen und Katastrophen und vor der Hast und den Zwängen der technischen Welt. Durch eine List wollen sie ihr einsames Kloster im Himalaya vor dem Aussterben bewahren und entführen mit Hilfe eines Flugzeugs eine kleine Gruppe von Engländern und Amerikanern in diesen entlegenen Winkel Tibets... James Hiltons berühmter Roman "Der verlorene Horizont", gehört heute zu den klassischen utopischen Romanen. Er entwirft das Idealbild einer menschlichen Gesellschaft und liest sich spannend wie ein Kriminalroman. In den unsicheren Jahren zwischen den beiden Weltkriegen geschrieben, entspricht diese romantische Utopie dem Wunsch unzähliger Menschen nach Frieden und konfliktfreiem Zusammenleben und hat auch heute noch nichts von ihrer Anziehungskraft verloren.

Über den Autor

James Hilton

James Hilton wurde 1900 in Leigh/Lancashire, England, geboren und starb 1954 in Hollywood. Nach einem Studium in Cambridge lebte er als Journalist in London und ging später in die USA, um sich in Kalifornien niederzulassen. Er hatte schon einige Bücher geschrieben, als sein Roman "Lost Horizon" ihn 1933 auf einen Schlag berühmt machte. Der Roman ist in mehreren Millionen Exemplaren auf der ganzen Welt verbreitet und wurde verfilmt mit Peter Finch, Liv Ullmann und Charles Boyer in den Hauptrollen.





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