Genius Loci
Der Geist des Ortes

 
 

OBEN
Prosa

Bergfahrten



Franz Hohler

Richetli

Zwischen dem Durnachtal und dem Richetlipaß liegt das Richetli. Wenn man nicht genau weiß, wie man es geographisch richtig bezeichnen soll, als gewölbten Abhang, Talkessel oder -kegel, kann man

 

das Buch "Grund und Grat" zu Rate ziehen, in welchem Paul Zinsli alle Ausdrücke zusammengetragen hat, welche die Bergbewohner für die verschiedenen Bodenformen kennen.
Er ist ein ordentlicher und reinlicher Mensch. Unter dem Dach vor der Hütte hängen Leitern, lange schmale Wassertröge für die Schafe, und darunter sind gespaltene Holzvorräte auf geschichtet. Ein paar Schritte von der Hütte weg steht ein Bänklein für den Abendblick auf die umliegenden Berge, man sieht zwar nicht besonders weit. Weiter drüben gegen eine kleine Felswand zu ist eine Quelle gefaßt; sie sprudelt nicht sondern liegt einfach still und klar zwischen den Brettern.
Im Innern ist die ganze Hütte gegen die Ritzen mit Zeitungen, Plakaten und Kartons von Lebensmitteln austapeziert, Elm 1000 m Glarus, France Sports d'hiver, Einer aß Ravioli, König und Königin von England. Die Decken für das Strohlager sind an einem Nagel aufgehängt, es hat auch ein kleines Strohlager für den Hund. Ein wackliger Eisenofen steht auf vier dünnen Beinen. Über dem Herd ein Besteckhalter mit ein paar Messern und Gabeln, ein Löffel mit graviertem Stiel ist besonders platziert, dann zwei Regale mit Tassen und Tellern, einer Kanne und einem Kesselchen, darunter ein Titelbild eines Heftchens, Wyatt Earp, Fernsehabenteuer-Reihe, es zeigt einen Mann mit schwarzem Cowboyhut und schwarzem Colt. Auf der Sitzbank am Tisch liegt die übrige Lektüre des Schäfers, "Schloß Hubertus" Band 1 und 2 sowie wie "Der Mann im Salz" von Ludwig Ganghofer. Da es in dem einen Raum, aus dem die Hütte besteht, keinen Schrank gibt, hängen alle Geräte und was sonst noch benötigt wird, an der Wand, eine Krätze, ein Rucksack, eine Säge, ein Schermesser, die Mäntel des Schäfers aus altem Uniformstoff, dann eine Sturmlaterne, eine Tasche, Schlüsselbünde aus alten Flaschenverschlüssen, Bürsten, Becken, Pfannen und Pfannendeckel. Wenn der Schäfer nicht da ist, steht auch der Spaltstock mit der Axt in der Hütte.
In der Ecke gegenüber dem Ofen, wo man früher die Heiligenbilder und Marienstatuet-tenaufbewahrte, hängt alles Persönliche des Schäfers. Er scheint der seltene Fall eines Schäfers zu sein, der genau so ist, wie sich ein Städter einen Schäfer vorstellt. Er schreibt sich jedesmal ein, wenn er wieder einen Sommer lang hier war. Auf einem Karton heißt es

Franz Grünbacher!
Schäfer aus Südtirol


und dann kommen die Jahrzahlen, seit 1958 war er jeden Sommer im Richetli. Ein Karton einer Cartoleria aus Bozen dient als Rahmen für ein aufgeklebtes Gedicht, "Der Tag des Herrn", das er aus einer Zeitung ausgeschnitten hat. Eine abgeschossene Postkarte mit deutschem Aufdruck und italienischer Briefmarke steckt auch an der Wand, sowie zwei Vierzeiler von ihm, mit Bleistift auf graue Schachteldeckel geschrieben. Weiter unten hängt die

Erinnerung Am 25. Juni 19+62 ist mein Treuer Freund und helfer, nach einem 12 Jährigen Dienst, als zu verlässiger und braver Schäfer Hund verändet. Er war 8 Jahre bei Kaspar Rhyner als Schäfer Hund, und 4 Sommer bei mir den jetzigen Schäfer Franz Grünbacher. Kann nur gutes über ihn berichten, über meinen unvergeslichen Lieben. Er stand im 15 Lebens Jahre. Bäss

Und darunter, in einem Strauß von Edelweiß und Alpenrosen, die Worte BERG HEIL und Im Treuen Gedenken! Ich habe in der Hütte sehr gut geschlafen und bin am anderen Tag weitergegangen, über den Richtlipaß auf die Wichlenmatt und gegen den

 

Quelle:
Franz Hohler
Idyllen
Luchterhand Verlag

 

Über den Autor

Franz Hohler, geboren am 1.3. 1943 in Biel (Schweiz), wuchs auf in Olten, machte 1963 in Aarau das Abitur und begann in Zürich, Germanistik und Romanistik zu studieren. Der Erfolg seines ersten Soloprogramms "pizzicato" veranlaßte ihn, sein Studium nach fünf Semestern abzubrechen. Mit verschiedenen Ein-Mann-Programmen gastierte er in vielen Ländern West- und Osteuropas, in Kanada, Marokko, Tunesien u.a.. Franz Hohler lebt als Kabarettist und Schriftsteller in Zürich. Seine Gedichte, Theaterstücke und Erzählungen wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Solothurner Kunstpreis sowie der Premio mundial José Martí der Stiftung Fundamartí, Costa Rica. Zuletzt erhielt er den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor.

 
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"Hallo Guten Tag oder Gute Nacht, man hört ja so oft, dass die wirklichen Surfer ihre Bildschirme wie die Vampire nachts absaugen.
W willkommen auf meiner Hausseite erwarten Sie nicht zuviel mir geht's nur um Information nicht um Gestaltung ich weiss gar nicht ...
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