Genius Loci
Der Geist des Ortes

 
 

OBEN
Prosa

Erklärungsversuche



Jungfrau, Eiger und Mönch



WIE EIGER, MÖNCH UND JUNGFRAU ENTSTANDEN SIND

Auf Wengernalp lebte einst eine ganze Riesenfamilie: Vater, zwei Söhne und eine Tochter. Als der Vater noch jung und die Kinder noch klein waren, vertrugen sie sich mit den Menschen, ja, sie standen mit ihnen auf gutem Fuße. Mit zunehmendem Alter jedoch wurde der Riesenätti wunderlich und ungesittet, wollte mit niemand mehr gut Freund sein und hatte stets Lust, mit allen Leuten Streit anzufangen und mit grober Faust dreinzuschlagen. Die Kinder waren von seiner Art, wurden igelstachlig und nahmen auch gar leicht üble Launen an. Wer über die Wengernalp musste, ward von den Bösewichtern geplagt, die selbst vor der ärgsten Missetat nicht mehr zurückschreckten.
Einmal kam ein armes, altes Manndli in schäbigen Grißhosen über die Scheidegg und bat die reichen Riesen auf Wengernalp um einen Trunk Milch. Doch sie fuhren es hart an, sie hätten hier oben keine überflüssige Milch, ein solcher Schlufi solle Wasser saufen, wenn ihn der Durst quäle. Das Männchen aber war kein "Chlupfhans" sondern rief ihnen zu, es möchte lieber unter einem Schopf neben einem Wespennest als in ihrem großen Haus neben ihnen leben. Da wollten sie ihm an den Kragen. Allein sie kamen an den Unrechten, denn das alte Manndli war ein Berggeist und stärker als alle Riesen der Welt. Es tat einen fürchterlichen Schwur und verkündete mit Donnerstimme: "Hart seid ihr, und ihr sollt noch härter werden!" Siehe, da begann die Sippschaft der bösen Riesen mit einem Mal zu wachsen, hoch und immer höher! Und sie wurden zu Fels und Eis - der Vater zum Eiger, die Söhne zum weißen und schwarzen Mönch und die Tochter zur Jungfrau.

(Sage aus dem Berner Oberland)

Quelle:
Büchli, Arnold: Schweizer Sagen. 3 Bände (o.J. - ca. 1930)





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