Genius Loci
Der Geist des Ortes

 
 

OBEN
Prosa

Schwärmereien



KALIDÂSA

Himalya

Im Norden thront erhaben, groß und hehr
Der königlichen Berge hoher Kaiser,
Des ew'gen Schnees erlauchter Herbergweiser:
Der göttliche Himalaya.
Tief in des Ostens und des Westens Meer
Taucht er die Riesenarme ein;
Sich weit und mächtig dehnend, liegt er da,
Als wollt' er Maßstab dieser Erde sein.

An ihm wird alles Köstlichkeit und Adel;
Auch vor dem Schnee, der jeden Zugang wehrt,
Verstummt in Ehrfurcht aller Menschentadel:
Ein Makel wird vom Sieg der Tugenden verzehrt,
Wie auch der Schatten, der im Monde dunkelt,
Die Schönheit des Gestirnes nicht versehrt,
Wenn er im vollen Strahlenkranze funkelt.

Auf seinen Gipfeln birgt er Farbgestein,
Mit dessen Rot des Berges Feen sich schmücken,
Recht schön beim Tanz und Liebesspiel zu sein.
Auch mag des Rötels Glanz das Aug' entzücken,
Wenn er am hellen Tage weckt ein Alpenglühen,
Von dessen zartem Rosenschein
Geküßt, der Wolken Wangen rot erblühen.

Der wilde Jäger folgt dort perlbesäten Gleisen,
Die ihm die Spur zur Schlucht der Löwen weisen.
Denn diese haben eine Ilfenschar,
In deren Schläfen solcher Schatz verborgen war,
Zerfleischt: das Blut jedoch, das sonst das Finden lehrt,
Hat längst der frische Schnee verwaschen und zerstört.
Dafür sind aus den Löwenkrallen
Die roten Perlen in den Schnee gefallen.

Der Eule gleich, der vor dem Tage graut,
Hat sich die Finsternis ins Höhlenreich geflüchtet;
Er aber schützt, die seiner Macht vertraut,
Vor dem Gestirne, das die Welt belichtet.
Wer so wie er sein Haupt erheben kann,
Wie einen Eignen sieht er den Geringen an,
Der einen Hilfegruß an seine Größe richtet.

Des Sternenwagens sieben Weise pflücken
Sich Wasserrosen seiner Gipfelseen.
Die Sonne muß die Strahlen aufwärts schicken,
Will sie den Rest der herrlichen Nymphäen
Zum Tage wecken, daß sie sich entfalten:
Denn sie muß ihre Feuerbahnen gehn
Tief unter jenen sieben Himmelsalten.

Auf Birkenrinden - welch ein seltsam Bild!-
Schriftzeichen, schön mit Rötel hingesetzt.
Die Birken scheinen wie mit Blut benetzt,
Das aus der Haut der jungen Ilfen quillt.
Die Zauberelfen-Töchter können dir
Das Rätsel lösen: Elfenkinder lieben,
So haben sie auf weiße Stämme hier
Die zarten Briefchen sinnig hingeschrieben.

Heilkräuter leuchten dort bei dunkler Nacht
In Grotten, wo das Wäldervölklein wohnt:
Das ist die heimlich-traute Lampenpracht,
Die über ihren Liebesfesten wacht,
Und ohne Öl im stillen Glanze thront.

Aus dem Indischen übersetzt von Hermann Weller

 

Quelle:
Berge in Dichtung und Farbaufnahmen.
Buchers Miniaturen (vergriffen)

Über den Autor

Kalidasa (Sanskrit, wörtl.: "Diener der Göttin Kali"), der von ca. 315 bis 415 n.Chr. in der sogenannten Gupta-Klassik gelebt hat, wird als der bedeutendste Dichter der klassischen indischen Literatur gehandelt - neben Amaru und Bhartrihari gilt erals Hauptvertreter der indischen Sanskrit-Lyrik. Er wird als einer der neun "Juwelen" am Hof von Vikramaditya beschrieben. Über sein Leben gibt es wenig Belegtes, doch nach der Legende genoß er praktisch keine Ausbildung.
Er produzierte lyrische Epen, wie den bekannten Meghaduta, ( "Wolkenboten"), sowie drei große Dramen, von denen Sakuntala das berühmteste außerhalb Indiens ist. Es wurde früh in die Kultursprachen übersetzt, 1789 von William Jones erstmals ins Englische, was die Basis für eine erste Übersetzung ins Deutsche des gelehrten Weltreisenden Georg Forster 1791 war. Goethe war fasziniert von Kalidasas Shakuntala, der Dichter Arthur Symons nannte es das schönste Drama der Welt.





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