 Der Geist des Ortes
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| | Gletscherspalten und andere Unwägbarkeiten
| | Jon Krakauer | | In eisigen Höhen Gipfel -15 Uhr 40 - 10 Mai 1996 - 8848 Meter | | (Auszüg) |  | enige 100 Meter weiter unten kämpfte sich Scott Fischer den Südostgrat hinunter. Mit jedem Schritt schwanden seine Kräfte. Als er bei 8650 Metern oberhalb der Felsstufen ankam, wurde er mit einer Reihe steilerer Abschnitte konfrontiert, die vom Grat herabführten und nur durch beschwerliche Abseil- | | manöver zu überwinden waren. Zu erschöpft, um mit der komplizierten Seilarbeit fertig zu werden, setzte Fischer sich auf seinen Hintern und rutschte geradewegs einen danebenliegenden Abhang hinunter. Dies war zwar leichter, als den Fix seilen zu folgen, bedeutete aber, daß er, unten am Felsen angelangt, einen mühseligen, 100 Meter langen, ansteigenden Quergang durch knietiefen Schnee vornehmen mußte, um wieder auf die Route zurückzukommen. | | Tim Madsen, der mit Beidlemans Gruppe abstieg, blickte gegen 17 Uhr 20 zufällig vom Balkon aus hinauf und sah Fischer, wie er gerade mit der Überquerung begann. »Er wirkte wirklich müde und erschöpft «, weiß Madsen noch. »Er hat etwa zehn Schritte gemacht sich hingesetzt und ausgeruht, wieder ein paar Schritte gemacht, sich wieder ausgeruht. Er bewegte sich unheimlich langsam. Aber dann sehe ich Lopsang ein bißchen oberhalb, wie er den Grat herunterkommt, und ich denke, mit Lopsang an seiner Seite wird's Scott schon schaffen.« Lopsang zufolge schloß er gegen 18 Uhr gleich oberhalb des Balkons zu Fischer auf: »Scott keinen Sauerstoff benutzen, also setze ich ihm Maske auf. Er sagt:>Ich fühle mich sehr schlecht, zu schlecht, um abzusteigen. Ich werd springen. | | Er sicherte Fischer mit einem 25 Meter langen Seil und brachte seinen Freund dazu, nicht zu springen und statt dessen mit ihm langsam Richtung Südsattel hinabzusteigen. »Das Wetter ist jetzt ganz übel«, erzählt Lopsang weiter. »BUM! BUM! Zweimal wie Gewehrschuß, großes Donnern. Zweimal Blitze schlagen ganz nah bei mir und Scott ein, ganz laut, großer Schreck.« | | loo Meter unterhalb des Balkons ging die sanft abfallende Schneerinne, in der sie abgestiegen waren, in Vorsprünge aus lockerem, steilem Schiefer über, und Fischer war mittlerweile zu geschwächt, um mit diesem schwierigen Terrain fertig zu werden. »Scott kann jetzt nicht mehr gehen, ich habe großes Problem«, sagt Lopsang. »Ich versuche zu tragen, aber bin auch sehr kaputt. Scott ist riesiger Körper, ich bin ganz klein. Ich kann ihn nicht tragen. Er sagt mir:» Lopsang, du gehst nach unten. Du gehst nach unten. Nein, ich bleibe hier bei dir. « |  Am Hillary Step | | Gegen 20 Uhr, als Lopsang mit Fischer zusammengekauert auf einer schneebedeckten Felsleiste ausharrte, tauchten Makalu Gau und seine beiden Sherpas aus dem heulenden Schneesturm auf. Gau war beinahe ebenso ge- | | schwächt wie Fischer und vermochte ebensowenig, sich an den schwierigen Schieferplatten hinabzulassen. Seine Sherpas setzten also den Taiwanesen neben Lopsang und Fischer und stiegen dann ohne ihn weiter ab. (...) | Guy Cotter, ein langjähriger Freund sowohl von Hall als auch von Harris, hielt sich am Nachmittag des 10. Mai zufällig nur ein paar Meilen vom Basislager entfernt auf. Er hatte eine Expe dition auf den Pumori geleitet und über den ganzen Tag hinweg Halls Funksprüche mitgehört. Um 14 Uhr 15 sprach er mit Hall auf dem Gipfel, und alles schien in bester Ordnung. Um 16 Uhr 30 und 16 Uhr 41 gab Hall Funksprüche nach unten durch, um mitzuteilen, daß Doug der Sauerstoff ausgegangen war und er sich nicht mehr allein fortbewegen konnte. Cotter war zutiefst beunruhigt. Um 16 Uhr 53 funkte er Hall an und bat ihn ein dringlich, zum Südgipfel abzusteigen. »Ich habe ihn vor allem deshalb angerufen, um ihn dazu zu bringen, runterzukommen und sich Sauerstoff zu holen«, erzählt Cotter, »denn uns war gleich klar, daß er für Doug ohne Sauerstoff nichts tun kann. Rob hat gesagt, daß er es allein schon noch nach unten schaffen würde, aber nicht mit Doug.« |  Scott Fischer | 40 Minuten später befand sich Hall jedoch immer noch mit Hansen oben auf der Hillary-Stufe, ohne irgendwie voranzu kommen. Als Hall sich um 17 Uhr 36 und erneut um 17 Uhr 57 über Funk meldete, beschwor Cotter seinen Kameraden, Hansen zurückzulassen und alleine herunterzukommen. »Ich weiß, ich klinge wie ein Schwein, daß ich Rob sage, er soll seinen Kunden im Stich lassen«, räumt Cotter ein, »aber zu dem Zeitpunkt lag es einfach auf der Hand, daß Rob nur eine Chance hat, wenn er Doug zurückläßt.« Hall lehnte es jedoch ab, ohne Doug abzu steigen. Hall ließ erst spät in der Nacht wieder von sich hören. Um 2 Uhr 46 erwachte Cotter in seinem Zelt am Fuß des Pumori und hörte eine lange, immer wieder unterbrochene Funkübertragung mit, die wahrscheinlich unbeabsichtigt war: Hall trug am Schulterriemen seines Rucksacks ein externes, kabelloses Mikrofon, das manchmal unbeabsichtigt eingeschaltet war. In diesem Fall, so Cotter, | | »glaube ich nicht einmal, daß er gewußt hat, daß wir ihn hören. Ich habe irgend jemand rufen gehört - es könnte Rob gewesen sein, aber ich bin mir nicht sicher gewesen, weil die Hintergrundgeräusche vom Wind so laut waren. Aber er hat so was gesagt wie:>Geh weiter! Geh weiter!«, wahr scheinlich zu Doug, den er angetrieben hat.« | | Falls dies zutrifft, hieße das, daß Hall und Hansen - vielleicht zusammen mit Harris - sich in tiefer Nacht und bei orkanartigem Sturm immer noch von der Hillary-Stufe Richtung Südgipfel kämpften. Und falls dem so ist, hieße dies ebenfalls, daß sie für einen Abschnitt im Berggrat, der von Bergsteigern normalerweise in weniger als einer halben Stunde zurückgelegt wird, mehr als zehn Stunden brauchten. (...) |  | | Quelle: Jon Krakauer In eisigen Höhen Malik-Verlag |  | | Über dieses Buch | | Im Frühjahr 1996 nahm Jon Krakauer an einer Mount-Everest-Expedition teil, um über die dramatischen Auswüchse des kommerziellen Bergsteigens zu berichten. Diese Expedition endete selbst in der schlimmsten Katastrophe, die sich je auf dem »Dach der Welt« ereignete: Zwölf Menschen kamen dabei ums Leben. Jon Krakauers spannendes und tief berührendes Buch ist das einmalige Dokument eines Augenzeugen, der sich mit der Faszination und der Irrationalität des Bergsteigens auseinandersetzt. | Krakauers Bericht, den er nur wenige Wochen nach der Katastrophe verfasst hatte, erschien im September 1996; das vorliegende Buch entstand nach diesen Aufzeichnungen. Es zeigt, wie das "Dach der Welt" zum Ziel jener geworden ist, die das ultimative Abenteuer , den absoluten Kick suchen und bereit sind, dafür $ 70.000 zu bezahlen. |  | | Über den Autor | | Jon Krakauer, Jahrgang 1954, lebt mit seiner Frau in Seattle und arbeitet als Reporter für amerikanische Zeitschriften, darunter »Outside«. Er wurde für seine Arbeiten zu »In die Wildnis« (1996 bei Malik) mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Sein Buch über die dramatische Mount-Everest-Expedition wurde in Amerika mit über 700.000 verkauften Exemplaren ein großer Bestseller. |  |
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 | | © emmet 10-2002 | |