Genius Loci
Der Geist des Ortes

 
 

OBEN
Prosa

Andächtiges


Benedictus Marti / Aretius

Lob der Berge

Wer sollte die Alpengegenden nicht bewundern, lieben und sie mit Freude besuchen, durchwandern und besteigen? Stumpfsinnige Dummköpfe, blöde Stockfische, faule Schildkröten möchte ich in der Tat die nennen, welche von solchen Schönheiten nicht gepackt werden. Es ist gar nicht zu sagen, welche Sehnsucht und welche natürliche Liebe ich den Bergen gegenüber empfinde, so daß ich an keinem Ort mich lieber aufhalte als auf Bergjochen; keine Reisen sind mir angenehmer als Bergreisen, und auch wenn du Neuartiges suchst, bieten es dir die Berge leicht dar: so viele bewundernswerte und durch ihre merkwürdige Mannigfaltigkeit hervortretende Arten von Pflanzen, wilde Vögel, die nirgends als in den Bergen gefunden werden, schattige Täler, das liebliche Rauschen der Bäche, der Blick über weithin sich erstreckende Felder, Seen, Flüsse, Städte und Burgen, und endlich auch die gesunde Luft, das alles kann durch seine Neuheit die, welche dieses lustvollen Schauspiels nicht gewohnt sind, ergötzen.
Wenn du Altertümer suchst, findest du dort die Denkmale der Urzeit: Abgründe, Felswände, überhängende Blöcke, tiefe Klüfte, erstaunliche Erdrisse, verborgene Höhlen, hartes Eis mitten in der Hitze; doch was soll ich weiter reden? Hier ist der Schauplatz Gottes, voll von allen Arten Zeugnissen der Urzeit und von Wundern erstaunlicher Weisheit und Schöpfungskraft."

 

Über den Autor

.Der Schweizer Theologe, Botaniker, Pädagoge, Geograph, Reformator und Gelehrte Benedictus Marti (1522-1574) mit dem Humanistennamen Aretius hat 1557 den Niesen und das Stockhorn bestiegen. Es war vor allem botanische Interessen, die den Gelehrten, der auch mit dem berühmten Konrad Geßner in Briefwechsel stand, in die Berge zogen





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