Genius Loci
Der Geist des Ortes

 
 

OBEN
Prosa

Gletscherspalten und andere Unwägbarkeiten

Milarepa


Milarepa

Schneesturm am Chomolungma

Zur Wildnis, zu des Chomolungmas Gletschermauern,
gelangte ich, der Einsamkeit begehrend.
Beide, Himmel und Erde, pflogen des Rats
und sandten den schnaubenden Wind als Boten,
Wind und Wasser, die Elemente, gerieten in Wallung,
es ballten sich die düsteren Wolken des Südens.

Das erhabene Paar, Sonne und Mond, ward gefangengehalten,
gefesselt die achtundzwanzig Gestirne der Mondstationen,
die acht Planeten in eiserne Kette geschlagen,
die falsche Milchstraße gänzlich verborgen,
die kleinen Sterne restlos vom Dunst verhüllt.

Als dann die Dunstwolken alles verdeckten,
strömte hernieder neun Tage, neun Nächte der Schnee, gleichmässig ,
strömte er achtzehn Tage und Nächte, starker Schneefall,
wie von großen, wolligen Büscheln,
den Vögeln gleich schwebend kam er herab.

Doch die Dicke des Schnees hat alles Mass übertroffen,
oben der weiße Gipfel des Schneebergs ragt gegen den Himmel,
unten die Haine der Bäume liegen herniedergedrückt.
Die schwarzen Berge umhüllt ein weisses Gewand,
Eisdecken glätten den wogenspiegelnden See,
und in der unterirdischen Höhle birgt sich ein blauer Strom,
der Boden, ob hoch oder tief, ebnet zur Fläche sich hin.

Zwischen dem wirbelnden Schnee, der da von oben fiel,
zwischen dem Wind des vollendeten Neujahrs im Winter und
dem Baumwollgewand des Milarepa als drittem,
da tobte ein Kampf auf dem Gipfel des ragenden, weißen Schneebergs.
Der niederfallende Schnee, er zerschmolz in der Weite zu Wasser,
der Wind, heulte er auch laut, legte sich dennoch von selbst,
und das Baumwollgewand brannte gleich Feuer ...


Vollkommen hab` ich besiegt den schneegesichtigen Dämon.

 

Quelle:
Reinhold Messners Lesebuch
Bergsteiger Bibliothek Bruckmann München (vergriffen)

Über den Autor

Der tibetanische Mystiker Milarepa (1040-1123) wurde bekannt durch seine "Hunderttausend Lieder". Als Sphärenmusik und Stimmen der Dharma-Lehre hat der "hellhörige" Yogi diese Lieder in seiner Erleuchtung vernommen und aufzeichnen lassen. Die Lieder sind der spontane Ausdruck seiner direkten Einsicht in die Natur der Dinge. Sie vermitteln die Belehrungen Milarepas und bezaubern gleichzeitig durch ihre poetische Kraft und Schönheit.





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