Genius Loci
Der Geist des Ortes

 
 

OBEN
Prosa

Unwägbarkeiten






Nanga Parbat

Riesenkatzen bewachen den Rama - See

Rund um den Nanga Parbat - den dritthöchsten Berg der Welt - lebten viele Feen. Sie wohnten in Gletschern und Höhlen, in Wäldern und Seen und spielten auf den Wiesen. Von den Feen hat wohl die Märchenwiese, "die Feenwiese", am Nanga Parbat ihren Namen bekommen. Manchmal erschienen die Feen als Tauben, dann wieder als schöne junge Mädchen oder als Katzen.
Bereits lange bevor das kleine Bergdorf Astor, das wie ein Adlerhorst auf einer Bergseite sitzt, existierte, und bevor sich die ersten Menschen dort niedergelassen und Hütten gebaut hatten, kamen dann und wann Männer bis hin zum Rama-See am Fuße des Nanga Parbat.
Der See war immer ruhig und lag glatt wie ein Spiegel da. Nur hin und wieder rollten kleine Wellen kräuselnd zu den grünen Ufern und bespülten die Steine. Das änderte sich aber im Nu, sobald die Männer die Höhe erreicht hatten und vor dem See standen. Orkanartig brach es los. Das Wasser kam in Bewegung. Gewaltige Wogen türmten sich auf und durchwühlten den See. Das ohrenbetäubende Rauschen und Schäumen wurde immer stärker, bis es fast unerträgliche Ausmaße annahm.
Wie auf einen Schlag stiegen dann an den entgegengesetzten Seiten des Sees riesengroße Katzen aus dem Wasser und stürzten aufeinander los. Der Anblick und der Lärm des Zweikampfes war so schrecklich, daß niemand ihn lange aushalten konnte. Die meisten, die das sahen, erstarrten und starben auf der Stelle. Nur solche Männer ertrugen den Anblick und blieben am Leben, die den Mut und die Tapferkeit von Helden besaßen.
Die zwei Riesenkatzen vom Rama-See aber waren Feen, die den Nanga Parbat und seinen See bewachten als "Heiligen Ort", den niemand betreten durfte.

Legende aus Gilgit/Pakistan

 

Quelle:
Hopfgartner, Joseph (Hrsg.):
Lebensweisheit vom Dach der Welt


s.a.: Gefangen auf der Berspitze




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