Genius Loci
Der Geist des Ortes

 
 

OBEN
Prosa

Von Älplern und Älplerinnen






Tim Krohn

Quatemberkinder und wie das Vrenli die Gletscher brünnen machte

Das lockend Füchsli

Der Melchior, genannt der Melk, war ein Quatemberkind. Das wird nur wenigen etwas bedeuten - sagen wir also, er sei ein trauriges Kind gewesen, ein weitsichtiges. Ein Kind das Dinge sieht, die anderen verborgen bleiben.
Der Graaggen Fidel zum Beispiel denkt, wenn er beim Einnachten von der oberen Weide heim auf den Talboden läuft, an eine warme Milch im Kacheli, vielleicht ans Musizieren mit Frau und Kind, manchmal, wenn es in einem Jahr enger wird, rechnet er auch an Milchabrechnung oder Kästeilet. Worüber der aber immer zu studieren hat, er nimmt die stele Flanke im Nu und denkt sich nichts dabei und jodelt stets schon im Hof ein erstes Musikalisches.
Der Melk ist da anders. Der kann, wenn er nachts das Dutzend Schritte vom Stall ins Hüttli tut, nicht sicher sein, dass er vor dem Morgengrauen seine Ruhe findet. Dem streicht eines Abends eine Katze um die Beine und tut ihm schön, und danach findet er plötzlich den Weg nicht mehr und irrt umher mit leerem Kopf bis es ihm endlich einfällt den linken Schuh mit dem rechten zu vertauschen und so den Zauber zu bannen - da ist er aber schon zwischen Fittereggli und Sittli und drei Stunden von Zuhaus.
Der nimmt winters den gleichen Weg wie alle Fabrikkinder, und wie das Grüppli zum Dorfbrunnen kommt, tanzt darin splitternackt der Geist eines Alplers den Alt-Schottisch und maulörgelet dazu, den sieht aber niemand als der Melk. Quatemberkinder leben inmitten der Menschen und doch in einer anderen Welt. Denen sind Geister und Hexli und Schrättli so selbstverständlich wie anderen das Nachtgebet, vieles dafür bleibt ihnen fremd, was jeder sonst im Dorf für gottgegeben hält. Gewissheit um ein Kacheli mit warmer Milch zum Beispiel, oder dass der kürzer Weg auch stets der gschwinder sei, kann es für ein Quatemberkind nicht geben. Das wird nie sein Heimetli haben und Frau und Kind in alle Ewigkeit und den Segen des Herrn Pfarrer. Das lebt zusammen mit Wassernixli und Hornmelkern in Geissengestalt und mit dem Leben erweckten Heubaben, das ist so seine Gesellschaft - von denen lernt es, was es zum Leben braucht, und denen schuldet es am Ende seinen Tod.

(Auszug)

 

Quelle:
Tim Kronn
Quatemberkinder und wie das Vrenli die Gletscher brünnen machte
Eichborn.Berlin

Über diesen Text

Ein Heimatroman! In Quatemberkinder lässt uns der im Glarnerland aufgewachsene Autor in eine Welt voller Zauber und Mythen eintauchen, greift auf Sagen und Geschichten zurück und schreibt sie neu - in einer mit den gspässigsten Mundartausdrücken durchsetzten Sprache, dass es eine meineidige Freud ist. Der Autor hat Dutzende bekannte und weniger bekannte Alpensagen ausgegraben und ihnen für diesen Roman das Fleisch an die Knochen zurückgezaubert. (Christian Brassel, zalp.ch)

Über den Autor

Tim Krohn, geboren 1965 in Wiedenbrück/BRD, wuchs in Glarus in den Schweizer Alpen auf. Von 1984 bis 1992 Studium der Philosophie, Germanistik, Politologie (ohne Abschluss), seit 1992 freischaffender Autor, von 1998 bis 2001 Präsident des Schweizerischen SchriftstellerInnen-Verbands. Neben belletristischen Texten schreibt er literaturtheoretische Essays, vor allem zum Schreiben in der Postmoderne. Für seine bisherige literarische Arbeit erhielt er zahlreiche Preise und Stipendien, unter anderem den Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis und 1998 für seinen Roman Dreigroschenkabinett den Preis der Schweizerischen Schillerstiftung. Quatemberkinder avancierte binnen kurzem zum Kultbuch. Es wird auch als Theaterstück gespielt und im Sommer 2000 im Schweizer Radio DRS als Serie gesendet.




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