| Das lockend Füchsli
Der Melchior, genannt der Melk, war ein Quatemberkind. Das wird nur wenigen etwas bedeuten - sagen wir also, er sei ein trauriges Kind gewesen, ein weitsichtiges. Ein Kind das Dinge sieht, die anderen verborgen bleiben. Der Graaggen Fidel zum Beispiel denkt, wenn er beim Einnachten von der oberen Weide heim auf den Talboden läuft, an eine warme Milch im Kacheli, vielleicht ans Musizieren mit Frau und Kind, manchmal, wenn es in einem Jahr enger wird, rechnet er auch an Milchabrechnung oder Kästeilet. Worüber der aber immer zu studieren hat, er nimmt die stele Flanke im Nu und denkt sich nichts dabei und jodelt stets schon im Hof ein erstes Musikalisches. Der Melk ist da anders. Der kann, wenn er nachts das Dutzend Schritte vom Stall ins Hüttli tut, nicht sicher sein, dass er vor dem Morgengrauen seine Ruhe findet. Dem streicht eines Abends eine Katze um die Beine und tut ihm schön, und danach findet er plötzlich den Weg nicht mehr und irrt umher mit leerem Kopf bis es ihm endlich einfällt den linken Schuh mit dem rechten zu vertauschen und so den Zauber zu bannen - da ist er aber schon zwischen Fittereggli und Sittli und drei Stunden von Zuhaus. Der nimmt winters den gleichen Weg wie alle Fabrikkinder, und wie das Grüppli zum Dorfbrunnen kommt, tanzt darin splitternackt der Geist eines Alplers den Alt-Schottisch und maulörgelet dazu, den sieht aber niemand als der Melk. Quatemberkinder leben inmitten der Menschen und doch in einer anderen Welt. Denen sind Geister und Hexli und Schrättli so selbstverständlich wie anderen das Nachtgebet, vieles dafür bleibt ihnen fremd, was jeder sonst im Dorf für gottgegeben hält. Gewissheit um ein Kacheli mit warmer Milch zum Beispiel, oder dass der kürzer Weg auch stets der gschwinder sei, kann es für ein Quatemberkind nicht geben. Das wird nie sein Heimetli haben und Frau und Kind in alle Ewigkeit und den Segen des Herrn Pfarrer. Das lebt zusammen mit Wassernixli und Hornmelkern in Geissengestalt und mit dem Leben erweckten Heubaben, das ist so seine Gesellschaft - von denen lernt es, was es zum Leben braucht, und denen schuldet es am Ende seinen Tod.
(Auszug) |