Genius Loci
Der Geist des Ortes

 
 

OBEN
Prosa

Gletscherspalten und andere Unwägbarkeiten

Joe Simpson

Sturz ins Leere

7. KAPITEL
Schatten im Eis (Auszüge)

ch hing schlaff am Seil, kaum noch fähig, meinen Kopf hochzuhalten. Eine schreckliche Müdigkeit hatte mich ergriffen, und mit ihr eine glühende Hoffnung, daß dieses endlose Hängen bald vorbei war. Diese Tortur war unnötig. Ich wün-

schte von ganzem Herzen, daß sie ein Ende nahm. Das Seil ruckte ein paar Zentimeter nach unten.

Wie lange hältst du das noch aus, Simon? dachte ich. Wie lange, bevor du mir nachfolgst? Es war bald soweit. Ich konnte spüren, wie das Seil wieder zitterte. Es war so straff wie ein Kabel und erzählte mir die Wahrheit so gut wie jeder Anruf. So! Hier geht es zu Ende. Schade! Hoffentlich findet uns jemand und erfährt, daß wir die Westwand erklettert haben. Ich will nicht spurlos verschwinden. Keiner würde je wissen, daß wir es geschafft hatten.

Der Wind schwang mich in ein sanftes Kreisen. Ich blickte zu der Spalte unter mir, die auf mich wertete. Sie war groß. Mindestens sechs Meter breit. Ich schätzte, daß ich fünfzehn Meter über ihr hing. Sie erstreckte sich am Fuß der Eisklippe entlang. Unter mir war sie mit einem Dach aus Schnee bedeckt, doch nach rechts öffnete sie sich, und dort gähnte ein dunkler Abgrund. Bodenlos, dachte ich müßig. Nein. Sie sind nie bodenlos. Wie rief ich wohl fallen werde? Bis ganz unten... bis zum Wasser auf dem Grund? Oh Gott! Hoffentlich nicht!

Noch ein Ruck. Über mir sägte das Seil durch den Klippenrand und löste Brocken krustigen Eises. Ich starrte es an, wie es sich in die Dunkelheit hoch erstreckte. Die Kälte hatte ihre Schlacht längst gewonnen. In meinen Armen und Beinen war kein Gefühl mehr. Alles wurde langsamer und milder. Gedanken wurden zu müßigen Fragen, die unbeantwortet blieben. Ich nahm es hin, daß ich sterben mußte. Es gab keine andere Möglichkeit. Es machte mir nicht fürchterlich Angst. Ich war klamm vor Kälte und fühlte keine Schmerzen - so unempfindlich kalt, daß ich mich nur noch nach Schlaf sehnte und mich nicht um die Folgen kümmerte. Es würde ein traumloser Schlaf sein. Die Wirklichkeit war zum Alptraum geworden, und der Schlaf winkte mir eindringlich zu - ein schwarzes Loch, das mich rief, schmerzlos, zeitlos, wie der Tod. ( ... )

Dann machte sich das, worauf ich gewartet hatte, über mich her. Die Sterne gingen aus, und ich stürzte. Wie etwas lebendig Gewordenes peitschte das Seil ungestüm gegen mein Gesicht und ich fiel still und endlos ins Nichts, als träumte ich nur von: Fallen. Ich fiel schnell, schneller als ein Gedanke, und mein Magen protestierte gegen diese sausende Geschwindigkeit. Ich fegte hinunter, und von weit oben sah ich mich fallen und fühlt« nichts. Keine Gedanken, und alle Angst wie weggeblasen. So war das also!

Joe Simpson
Joe Simpson

Ein wummernder Aufprall auf meinen Rücken zerbrach den Traum, und der Schnee verschlang mich. Ich spürte kalte Nässe an meinen Wangen. Ich hielt nicht an, und einen jähen, blinder Moment lang hatte ich Angst. Jetzt, die Spalte! Ahhh... NEIN!

Die Beschleunigung nahm mich wieder mit sich, barmherzig schnell, zu schnell für den Schrei, der über mir erstarb ... Die weitesten Blitze zerbarsten in meinen Augen, als ein fürchterlicher Aufprall mich in die Stille jagte. Die Blitze dauerten fort und zerplatzten in meinen Augen zu elektrischen Funkengarben, während ich die Luft aus meinem Körper weichen hörte, ohne etwas davon zu verspüren.

Schnee folgte nach, flockte auf mich herunter, und ich registrierte seine weichen Schläge von weit weg, hone ihn auf ferne, körperlose Weise über mich kratzen. Etwas in meinem Kopf schien zu pochen und wieder zu schwinden, und die Blitze kamen jetzt weniger häufig. Der Schock hatte mich betäubt, so daß ich eine unermeßliche Zeit benommen dalag, kaum bewußt, was geschehen war. Wie im Traum hatte sich die Zeit verlangsamt, und ich schien reglos in der Luft zu hängen, ohne Unterlage, ohne Masse. Ich lag still, mit offenem Mund, mit offenen Augen, die ins Schwarze starrten, glaubte, sie seien geschlossen, nahm jede Empfindung, alle die pulsierenden Botschaften in meinem Körper wahr und tat nichts.

Ich konnte nicht atmen. Ich würgte. Nichts. Drückender Schmerz in meiner Brust. Würgen und krampfhaftes Schnappen nach Luft, mit zugeschnürter Kehle. Nichts. Ich verspürte ein vertrautes, dumpf tosendes Geräusch von Kieseln an einem Strand und entspannte mich. Ich schloß meine Augen und überließ mich grauen, verbleichenden Schatten. Meine Brust zuckte spasmodisch, wölbte sich dann hinaus, und das Tosen in meinem Kopf klärte sich plötzlich, als kalte Luft hereinströmte. Ich lebte.

Ein brennender, messerscharfer Schmerz griff von meinem Bein hoch. Es war unter mir eingeknickt. Mit wachsendem Brennen wurde das Gefühl, lebendig zu sein, zu einer Tatsache. Teufel auch! Ich konnte nicht tot sein und so etwas fühlen! Es brannte weiter, und ich lachte - lebendig! Ihr könnt mich alle! - und lachte, ein wirklich glückliches Lachen. Ich lachte durch das Brennen, lachte weiter wie irr und spürte, wie mir die Tränen das Gesicht hinunterrollten. Ich konnte nichts finden, was daran so verdammt lustig war, aber ich lachte trotzdem. ( ... )

Ich konnte nichts sehen. Ich lag auf der Seite, seltsam ver-krümmt. Vorsichtig tastend bewegte ich einen Arm im Halbkreis. Er berührte eine harte Wand. Eis! Es w*ar die Wand der Spalte. Ich fuhr fort mit der Suche und spürte plötzlich, wie mein Arm ins Leere fiel. Da mußte ganz nahe bei mir ein Absturz sein. Ich unterdrückte den Drang, von ihm wegzurücken. Hinter mir spürte ich meine Beine gegen einen Schneehang liegen. Er fiel ebenfalls steil unter mir ab. Ich war auf einem Sims oder einer Brücke. Ich rutschte zwar nicht weg, aber ich wußte nicht, auf welche Seite ich rücken sollte, um mich in Sicherheit zu bringen. Mit dem Gesicht im Schnee versuchte ich, meine konfusen Vor-stellungen zu einem Plan zusammenzufügen. Was sollte ich jetzt machen? (... )

Quelle:
Joe Simpson
Sturz ins Leere
Heyne Verlag

Über dieses Buch

Bei einem Sturz im Abstieg von einer gefährlichen Bergtour in den Anden an der Westwand des 6365 m hohen Siula Grande wird das Knie von Joe Simpson zerschmettert. Sein Seilpartner Simon Yates will jedoch sein Leben retten und seilt ihn bei extrem schlechten Bedingungen ohne Selbstsicherung ab. Aber das Seil ist zu kurz – und Simpson hängt schließlich in der Leere über einem gähnenden Abgrund. Um nicht selbst mit in die Tiefe gerissen zu werden, muss Yates das Seil kappen, das sie beide verbindet. Doch Simpson entgeht durch einen Zufall dem sicheren Tod. Ein Kampf um Leben und Tod, gegen Hunger, Durst, Schmerzen, Gefahren, Einsamkeit und Todesängste beginnt.

Über den Autor

Joe Simpson

Obwohl er seit seiner unglaublichen Überlebensgeschichte am Siula Grande in den peruanischen Anden dem Tod noch weitere dreimal nur ganz knapp entgangen ist, kann Joe Simpson, Extrembergsteiger, Eiskletterer und Drachenflieger, der Faszination der Berge nicht widerstehen. Immer wieder balanciert er auf dem schmalen Grat zwischen Leben und Tod. Auch konnte die Tragödie am Siula Grande den für seine vielen Erstbesteigungen bekannten Alpinisten Simpson nicht

von weiteren Expeditionen abhalten. Zwei Jahre und sechs Operationen später unternahm er wieder Touren, unter anderem im Himalaya. Und das trotz drei weiterer Kletterunfälle.






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