Genius Loci
Der Geist des Ortes

 
 

OBEN
Prosa

Von Älplerinnen und
Älplern




LUDWIG STEUB

DIE POESIE DES ALMENLEBENS (1862)

Die Almerinnen führen fast ein Leben wie die Elfen, streifen in der Frühe mit leichten Sohlen über die tauigen Alpenkräuter, verschwinden im Morgennebel, singen aus dem Felsgestein, daß man nicht weiß, von wannen es kommt und schallt, trinken nur Milch und Wasser und schlummern im Heu, das sie kaum eindrücken. Das Almenleben hat so viel eingeborne Poesie, daß selbst die Tausende von Schnaderhüpfeln und die schönsten Lieder vom Berge sowie die süßinnigsten Zithermelodien diesen tiefen undwahren Zauberbrunnen nicht ganz ausschöpfen.

Wenn einer einmal einen dreibändigen Walter-Scottschen Roman darüber schreiben wollte, der würde sehen, was ihm da alles entgegenkommt - die Almerin selbst mit ihren achtzehn Jahren und ihrem unbewachten Almenherzen, die Jägerburschen mit ihrem Stolz, die Wildschützen mit ihrem Haß, der Bauer im Dorf unten mit seiner Bäurin, der Schwärzer mit seinem Tirolerwein, der Grenzwächter mit seiner Pflicht, der Kaplan mit seinem wunderbaren Finger Gottes, der städtische Reiseenthusiast und Bergbesteiger mit seiner Dummheit, der Münchener Maler mit seinen

Almerinn

himmlischen Gedanken, die er nie verkörpern kann, der Praktikant vom Landgericht mit seinen bösen Lüsten, der feurige Bue von der Zell mit seinen eifersüchtigen Ansprüchen auf das Almenherz, nach dem so viele trachten, dazu die Hütte, die Herden, der düstere Hochwald, die Mittagssonne auf den einsamen Triften und die Mondscheinnächte, wo Mädchenworte am weichsten klingen - es könnte einer mit der rechten Kunst schon etwas Monumentales daraus aufbauen. Daß aber ja keiner darüber geht, der's nicht versteht, sonst zerreißen wir ihn, wie die thrakischen Weiber den zweckwidrigen Sänger Orpheus, und werfen sein Haupt in den Innstrom, auf daß es traurig jodelnd hinausflöze in das almenlose Flachland.

Eine Almenhütte ist gewöhnlich so gelegen, daß ihr ohne Mühe und Beschwer nicht beizukommen ist. Das Vieh tritt nämlich an diesem seinem Sammelplatz den Rasen auf und weicht ihn mit allerlei natürlichen Mitteln durch und durch. Hat man aber, etwa von einem Stein zum ändern springend, diesen Stadtgraben, das "Tret", glücklich zurückgelegt, so lohnt ein freundlicher Willkomm der Sennerin und alles Gute, was Almenwirtschaft bieten kann.

Küche, Speise- und Sprechzimmer sind derselbe Raum, nebenan ein Schlafgemach, rückwärts ein geräumiger Stall für die Stunden eines Unwetters oder zu großer Sonnenhitze. Vor der Hütte sprudelt ein Brunnen mit klassischem Wasser. Innerhalb ist der Herd, zugleich auch Ruhebank, mit einem großen Käsekessel. An den hölzernen Wänden sind Schüsselrahmen, mehrere Pfannen, Milchkübel und dergleichen. Da die Kultur, wie

Almerinn

schon hundertmal gesagt, alles beleckt, so findet man auch sächsische Steingutteller und Tassen mit Ansichten der Sächsischen Schweiz oder vom Rhein. In einer Ecke ist ein kleines Kruzifix und etliche Heiligenbilder ringsum, was die Idee eines Hausaltärchens andeutet.
Auch sonst finden sich da und dort zum Zierat verschiedene Malereien angeklebt. So sieht man in einer Hütte auf einem großen Bilderbogen eine Schlacht der Franzosen mit den Kabylen dargestellt, und selbst aus den Tagen unserer eigenen Bewegung haben einige Bilder schon die Hochalmen erreicht.

Die Sennerin ist an Werktagen voller Schmutz, welcher sich jedoch kegelförmig verjüngt. Während nämlich die Füße von der Begehung des Trets sich in einem Überschuh von idyllischem Alpenkot züchtig verhüllen und so jedes Urteil über Größe und Kleinheit trüglich machen, so nimmt die Reinlichkeit nach oben immer zu, über Mieder und Rock, und das Gesicht wird des Tages sogar mehrere Male gewaschen. Nicht selten sind ein Paar schöne blaue Augen darin und etwas erlaubte rotbackige Schalkheit, um welche sich blonde Haare ringeln.
Eine halbe Stunde Rast hat da noch wenige Junggesellen gereut. Seltsam klang aber die Antwort, als man sich diesmal nach der Liebe erkundigte: "Selbe sei hierorts ganz abgeschafft." ." Als man sich auf einige Almenlieder bezog, welche die Sache in einem ändern Licht darzustellen scheinen, entgegneten die Almerinnen, das sei Poesie und zum guten Teil Verleumdung.

Auf den Audorfer Almen empfange man nur anständige Besuche und nach dem Gebetläuten überhaupt gar keine. Sonst habe man genug zu tun, die Kühe zu melken, zu buttern, zu kochen und die Hütte aufzuwaschen; denn wenn auch die Mädchen selber schmutzig sind, ihre Herberge wissen sie sehr reinlich zu halten. Am Abend dann, nach getaner Arbeit, setzen sie sich auf die Sommerbank vor der Türe und jodeln ihre lieblichen Weisen in den Äther hinaus. Des .

Almerinn

Sonntags legen sie ihre schönsten Gewänder an, gehen allenfalls ins Tal hinab zur Kirche oder besuchen sich oben, auch aus größeren Fernen, um miteinander zu plaudern, zu singen und Zither zu spielen. Übrigens tut man unrecht, wenn man sich die Dirnen gar zu naiv und alpenhaft vorstellt
Audorf ist eine große Ortschaft mit guter Schule und wachsender Bildung; auch geht oft manch guter Leute Kind als Almerin auf den Berg. So melkt denn zuweilen eine ihre Kühe da oben, die Geibels Gedichte unter dem Kopfkissen hat und einen Liebesbrief ohne orthographische Fehler schreiben kann. Immerhin bietet diese Mädchenwirtschaft unter ihren stillen Dächern ein reizendes Bild voll Friede und Ruhe, ja seit die Liebe abgeschafft, auch voll Unschuld - ein Bild, das man erhalten und nicht zerstören soll wie in Tirol, wo man die schelmischen Sennerinnen und die Zither und die Almenlieder aus nichtssagenden Gründen von den Alpen verjagt und dafür die langweiligen "Ochsner und Gaiser" hingestellt hat. Damit ist die ganze Poesie des Almenlebens verfallen.

(Meiners, Christoph) Briefe über die Schweiz von C. Meiners, Professor für Weltweisheit auf der Universität Göttingen 2., durchaus verbesserte und vermehrte Aufl., 4 Theile, Berlin 1788 - 1792

Quelle:
Wo Europa den Himmel berührt
Artemis (vergriffen)

Über den Autor

Ludwirg Streub

Ludwig Streub, geboren in Aichach, Oberbayern am 20. Februar 1812, gestorben am 16. März 1888, lebte in München als Rechtsanwalt und bereiste als Ethnologe sommerlang Nord- und Südtirol, Vorarlberg und Oberbayern. Er schrieb über diese Erfahrungen viele Artikel und Bücher, die für den Alpenraum eine wichtige volkskundliche Quelle darstellen.

 





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